Medienstandort Hamburg

Wo sollte ein überregionales Magazin sitzen?

Wenn es nach nach dem ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust geht, heißt die Antwort aus journalistischer Sicht ganz klar Berlin - es gibt Menschen, die das anders sehen.

Hamburg. Der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust scheint sich sowohl in seiner Eigenschaft als neuer Herausgeber von „Welt“ und „Welt am Sonntag“ (WamS) als auch in seiner neuen Arbeitsheimat Berlin gut eingelebt zu haben. Gleich in der ersten Ausgabe seiner Kolumne „Aust antwortet“ in der aktuellen „WamS“ schickte er sich an, den ideologischen Graben zwischen Hamburg und Berlin ein Stück weiter aufzureißen: „Wer eine bedeutsame überregionale Zeitschrift oder Zeitung herausbringen möchte, sollte hier mit der Zentrale sein. Dass sich zum Beispiel der ‚Spiegel‘ für Hamburg entschieden hat, sehe ich heute als Fehler, und das wird irgendwann auch neu diskutiert werden.“ Klare Worte, gerichtet an die ehemaligen Kollegen. Und wohl auch an alle anderen, die Hamburg allen hauptstädtischen Unkenrufen zum Trotz als wichtigen Medienstandort begreifen.

Es ist sicher bequem und journalistisch förderlich für Aust, dass er „bei einem Mittagessen im Borchardt“ mehr wichtige Persönlichkeiten trifft „als in Hamburg in einem ganzen Jahr“. Aber warum sind dann nicht längst alle Redaktionen dem Ruf nach Berlin gefolgt? Weil Nähe nicht alles ist, gibt Carsten Brosda, Senatsbevollmächtigter für Medien der Stadt Hamburg, zu bedenken. „Ein Grund mag sein, dass guter überregionaler Journalismus nicht nur Nähe, sondern auch Distanz und unterschiedliche Perspektiven braucht, um reflektieren und einordnen zu können.“

Auch Claus-Peter Schrack, der Sprecher des Verlagshauses Gruner + Jahr mit Hauptsitz am Baumwall, sieht den Standort Hamburg keineswegs als Ausschlusskriterium für Qualitätsjournalismus: „Am Ende sind es zunächst die kreativen Köpfe, die eine Zeitschrift ausmachen, und nicht der Standort.“ Gerüchte, G+J wolle seinen Stammsitz verlassen, dementierte der Verlag erst in der vergangenen Woche entschieden. Und auch beim „Spiegel“ gibt es keine Anzeichen dafür, dass man die Elbe gegen die Spree eintauschen möchte. Der vor nicht einmal drei Jahren bezogene und langfristig gemietete Neubau an der Ericusspitze ist Architektur gewordenes Statement für die Hansestadt. „Neu diskutiert“ wird dort vieles, aber sicherlich kein Umzug.

Immerhin gesteht der gebürtige Stader Aust seiner ehemaligen journalistischen Heimat nicht nur die Notwendigkeit eines Fußballvereins in der Ersten Bundesliga und Aussichten auf eine erfolgreiche Kandidatur für die Olympischen Spiele zu. Sondern auch, dass es für viele Unternehmen gar nicht notwendig sei, „in der Hauptstadt zu sein“. Die Chance, die der „Fall des Eisernen Vorhangs“ geboten hätte, Hamburg hätte sie „ganz gut“ genutzt, um das Wachstum voranzutreiben. Da stimmt Brosda zu, auch wenn er die Branche, die Aust ausnimmt, explizit einbezieht: „Hamburg ist für Medienunternehmen ein attraktiver Standort mit einem großen journalistischen Arbeitsmarkt und einer breit aufgestellten, profitablen Medien- und Kreativwirtschaft.“

Für den Geschäftsführer der „Zeit“-Verlagsgruppe, Rainer Esser, bleibt Hamburg ebenfalls attraktiv: „Der Hamburger Verlagsstandort ist vital und erfolgreich.“ Das Berliner Tagesgeschäft hat „Die Zeit“ von ihrem Hauptstadtbüro aus im Blick – wie auch alle anderen überregionalen Tages-, Wochen- und Monatsschriften natürlich Hauptstadtbüros betreiben. Vermutlich wird auch der eine oder andere Mitarbeiter von „Stern“, „Spiegel“ und „Zeit“ im Borchardt zu Mittag essen, Kontakte treffen, Nähe pflegen. So, wie es auch „Zeit online“ und das „Zeit Magazin“ tun, die komplett in der Hauptstadt sitzen. Einen Grund, komplett überzusiedeln, sieht Esser trotzdem nicht: „Wir glauben an die Wirtschaftskraft und das Wachstum der Hansestadt.“

Damit sind sie in guter Gesellschaft. Das neue deutsche Wirtschaftsmagazin „Bilanz“, das im Frühjahr erstmals als Supplement der „Welt“ erscheint, entsteht unter Chefredakteur Klaus Boldt in Hamburg, die viel gelobte „brand eins“, ebenfalls mit Wirtschaftsthemen befasst, entsteht ebenfalls in einer Hamburger Redaktion.

„Die wichtigen Hamburger treffe ich im Zug nach Berlin“, weiß Aust schließlich noch zu berichten. Einen von ihnen vermutlich öfter, zumindest beim Ein- und Aussteigen: Carsten Brosda pendelt in die entgegengesetzte Richtung. Er wohnt in Berlin und arbeitet in Hamburg. Das scheint auch zu funktionieren.