Regisseure

Filmdoku über den Aufstieg Hitchcocks und Truffauts

Der berühmte Filmregisseur Alfred Hitchcock aufgenommen 1963 während der Dreharbeiten von "Die Vögel"

Der berühmte Filmregisseur Alfred Hitchcock aufgenommen 1963 während der Dreharbeiten von "Die Vögel"

Foto: AFP / picture-alliance / dpa

Tonbandmitschnitte, Fotos und Aufnahmen von Dreharbeiten geben einen beeindruckenden Einblick ins Schaffen der Kultregisseure.

Hamburg.  Wenn man sich für nur ein Buch übers Kino entscheiden müsste, dieses hier würde wohl das Rennen machen. „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ beantwortete der britische Regisseur Alfred Hitchcock 1962 seinem Kollegen Francois Truffaut insgesamt 500 Fragen zur Filmkunst. Das Buch besticht durch die Ehrlichkeit des Befragten, sein Detailreichtum und durch die Leidenschaft für das Medium Film, das beide Regisseure teilten.

In seiner 80-minütigen Dokumentation „Hitchcock-Truffaut“, die in Cannes Premiere feierte und nun erstmals auf Arte gezeigt wird, hat Kent Jones das Buch zu neuem Leben erweckt. Er hat Tonbandmitschnitte der Interviews aufgetrieben, Fotoaufnahmen, die damals entstanden, sowie zahlreiche Aufnahmen von Dreharbeiten. Damit liefert der Film einen schönen Überblick über Hitchcocks Anfänge in England und Truffauts Aufstieg vom Kritiker zu einem der wichtigsten Filmemacher der Nouvelle Vague.

Jones’ gut recherchierter Film nähert sich seinen Protagonisten mit derselben Neugier für ihr Schaffen, die einst auch Truffaut dem erfahrenen Kollegen Hitchcock entgegenbrachte. Er zeigt Truffauts ständiges Ringen um Authentizität und Hitchcocks mathematischen Sinn für Szenengestaltung. Das Talent zum Improvisieren des einen wird dem Kontrollwahn des anderen gegenübergestellt. Hitchcock legte allergrößten Wert auf Präzision – bei seinen Schauspielern, seinem Team, aber vor allem, was die eigene Arbeit betraf. Schon während des Drehs sah er den fertigen Film vor sich. Den größten Spaß aber breitete es ihm, die Zuschauer auf eine falsche Fährte zu locken.

Kent Jones wirft in seinem Film auch die Frage auf, warum die Filme von Hitchcock, der in den 50er und 60er-Jahren seine größten Erfolge drehte, niemals altmodisch wirken. Warum sie selbst beim wiederholten Sehen kaum etwas von ihrem Reiz verloren haben. Und dass, obwohl wir heutzutage längst in einem anderen Zeitalter der Filmgeschichte leben. Kent gelingt es, einige der berühmtesten zeitgenössischen Regisseure vor die Kamera zu holen, die ihre Verehrung für Hitchcock zum Ausdruck bringen: Martin Scorsese und Peter Bogdanovich, David Fincher und Richard Linklater, aus Frankreich Arnaud Desplechin und Olivier Assayas. Das Erstaunliche an Alfred Hitchcock war ja immer auch, dass sich alle auf ihn einigen konnten, von den Kollegen bis zum Publikum. Doch Jones’ Film belegt, dass es vor allem Truffauts ¬Interviewbuch war, das dazu beitrug, dass Hitchcock fortan nicht nur als Unterhaltungsregisseur sondern als Künstler wahrgenommen wurde.

Das Gespräch, das 1962 begonnen hatte, wurde weit über das Buch hinaus geführt. Hitchcock und Truffaut wurden Freunde. Sie telefonierten und schrieben sich Briefe; meistens ging es dabei um das Filmemachen. „Hitchock-Truffaut“ macht jedenfalls große Lust, sich Hitchcocks Filme noch einmal anzusehen. Im Anschluss an die Dokumentation läuft sein Spätwerk „Frenzy“. (jac)

„Hitchcock – Truffaut“, heute, 20.15 Uhr, Arte