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Meister der Kammerspiele dreht „Ein großer Aufbruch“

„Ein großer Aufbruch“: Die beiden Schwestern Marie (Ina Weisse, rechts) und Charlotte (Katharina Lorenz, links) ziehen sich auf dem Steg am See zu einer gemeinsamen Aussprache zurück

„Ein großer Aufbruch“: Die beiden Schwestern Marie (Ina Weisse, rechts) und Charlotte (Katharina Lorenz, links) ziehen sich auf dem Steg am See zu einer gemeinsamen Aussprache zurück

Foto: Walter Wehner / ZDF und Walter Wehner

Regisseur Matti Geschonnek erzählt in dem Film die Geschichte einer eigentlich harmonischen Familie, die in einem Scherbenhaufen endet.

Hamburg.  Am liebsten dreht Matti Geschonnek Kammerspiele. „Weil ich dann die Schauspieler besser zum Leuchten bringe“, sagt der Regisseur. Das ist ihm in den vergangenen Jahren in Filmen wie „Silberhochzeit“, „Duell in der Nacht“ und „Das Zeugenhaus“ vortrefflich gelungen. Für „Ein großer Aufbruch“ hat Geschonnek wieder ein erstklassiges Ensemble von sieben Schauspielern um sich versammelt. „Wenn es nur bei einem einen qualitativen Ausrutscher nach unten gibt, bricht das System zusammen“, sagt der Regisseur. Doch Matthias Habich, Hannelore Elsner, Ina Weisse, Katharina Lorenz, Ulrike Kriener, Edgar Selge und Matthias Brandt sind über jeden Zweifel erhaben. Sie gehen sich in spannenden 90 Minuten an die Kehle und sie lüften lange verborgene Geheimnisse. Was als ein harmonisches Miteinander aus Familie und Freunden gedacht ist, endet in einem Scherbenhaufen.

Holm (Matthias Habich) hat seine beiden Töchter, seine Ex-Frau und ein befreundetes Paar in sein Haus an den Chiemsee eingeladen. Er ist unheilbar erkrankt, möchte in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen und seine Lieben von seiner Krankheit und einem Vorhaben in Kenntnis setzen. Doch was als ein harmonisches Beisammensein geplant ist, endet in einem Fiasko. Angesichts des drohenden Todes will jeder der Geladenen mit Holm abrechnen. Zu viel ist in den vergangenen Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt worden. Ähnlich wie in Thomas Vinterbergs bahnbrechendem Dogma-Film „Das Fest“ ist auch in dem idyllisch gelegenen Haus am Chiemsee der Tag der Abrechnung gekommen. Längst vergangene Geschichten werden hoch geholt und neu beleuchtet, neue Abgründe reißen auf, geheim gehaltene Konstellationen zwischen den Figuren werden sichtbar und bescheren dem Zuschauer manchen seelischen Striptease.

„Es gibt nichts Spannenderes als Beziehungen zwischen Menschen“, sagt Matti Geschonnek. „Aber auch das Thema der begrenzten Lebenszeit hat mich an dem Drehbuch von Magnus Vattrodt sehr interessiert.“ „Ein großer Aufbruch“ ist jedoch kein düsterer Film zum Thema Sterbehilfe, dafür redet Holm sich den nahenden Tod zu schön. Seine Familie glaubt ihm nicht einmal die tödliche Erkrankung, weil er in der Vergangenheit zu oft zu Übertreibungen geneigt hat. Holm möchte diese Abschiedsparty benutzen, um von seinen Fehlern und Verfehlungen abzulenken. Der freiwillig gewählte Tod wird zu einer Art Ablenkungsmanöver – allerdings durchschauen seine Töchter Charlotte (Katharina Lorenz) und Marie (Ina Weisse) diesen Versuch, über seine Lebenslügen hinwegzugehen.

Bei den Dreharbeiten verzichtet der 63 Jahre alte Regisseur auf Leseproben, in Einzelgesprächen bereitet er die Schauspieler auf die Szenen vor. „Diese Schauspieler sind alle hoch professionell und ernsthaft. Am Set wird nicht mehr diskutiert, die Schauspieler agieren oft auf einer instinktiven Ebene, sind hoch konzentriert und haben den nötigen Respekt voreinander. Das ist die Voraussetzung, um einen Rhythmus und eine durchgehende Temperatur zu erreichen“, beschreibt er die Dreharbeiten. Besonders intensive Szenen wie die, in der Maries Freund Heiko (Matthias Brandt) den Tod seiner ersten Frau schildert, waren bereits nach dem ersten Take perfekt. Die Figur des Heiko nimmt in Vattrodts Drehbuch eine besondere Rolle ein. Als einziger ist er nur ein Anhängsel von Marie und hat deshalb einen unverstellten Blick auf das Familiendrama. Mit seinen teilweise ironischen Kommentaren befeuert er diese voller Gemeinheiten steckenden Wortgefechte noch.

Auch das Thema Freundschaft wird in „Ein großer Aufbruch“ verhandelt. Adrian (Edgar Selge) und eine Frau Katharina (Ulrike Kriener) sind Holms engste Freunde. Adrian ist ein reicher Geschäftsmann, der Holm finanziell oft unter die Arme gegriffen hat, aber er befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis des selbstherrlichen Lebenskünstlers. Edgar Selge spielt ihn in einer devoten Haltung, er nennt sich selbst einmal einen „Parasiten“. Auch seine Frau Katharina ist ihm überlegen und lässt ihn das in jeder Sekunde spüren. Ulrike Kriener spielt die Katharina als eine Frau, die jeden in dieser Gesellschaft mit ihren Kommentaren provoziert, sie ist eine schlagfertige Zicke, die sich das nimmt, was ihrem Leben Halt gibt. Wenn Holm eine Freundin hat, dann ist das seine Ex-Frau Ella (Hannelore Elsner). Ihre frühere Drogensucht hat die Familie zerstört, sie hat sich lange gefangen und ist eine erfahrene Ärztin geworden. Das zerstörte Verhältnis zu den Töchtern konnte sie nicht wieder retten. Am Ende dieses Dramas ist sie die einzige, die weint.

„Eine interessante Familie“ nennt Heiko diese Menschen, in deren Spannungsfeld er geraten ist. Bei dieser Tabula Rasa bekommt jeder sein Fett weg, diesen verbalen Schlagabtausch hat Matti Geschonnek mit höchster Präzision inszeniert. Die sieben Schauspieler agieren unter seiner Regie mit perfektem Timing und machen „Ein großer Aufbruch“ zu einem großen Psycho-Drama und Schauspieler-Film – in der jeder aus dieser Riege leuchtet.

Ein großer Aufbruch Mo 16.11., 20.15 Uhr, ZDF