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Heimat

Bin ich jetzt kein Flüchtling mehr, Mama?

Elmira zusammen mit ihrer Mutter daheim in ihrer Wohnung

Elmira zusammen mit ihrer Mutter daheim in ihrer Wohnung

Elmira wurde vor 16 Jahren in Hamburg geboren. Jetzt hält sie erstmals ein Dokument in den Händen, das sie als Deutsche ausweist.

Hamburg. Es ist schon seltsam, dass ich nach 16 Jahren erstmals als deutsche Staatsbürgerin angesehen werde, obwohl ich doch mein ganzes Leben lang in Deutschland lebe. Deutsch. Wie fühlt sich das an, deutsch zu ein? Ich bin es gewohnt, eine Ausländerin zu sein – mit afghanischer Staatsbürgerschaft.

Meine Eltern flüchteten in jungen Jahren nach Deutschland. Sie hatten verschieden Gründe, aus Afghanistan zu fliehen. Zukunftsängste, Gewalt, Krieg, aber auch Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. In einem Land wie Afghanistan ist die Zukunft der Kinder ungewiss. Keine Bildung für Mädchen, Kinderheirat, Vergewaltigungen. Als meine Eltern 1999 in ihrem neuen Leben in Deutschland angekommen waren, war ich auf dem Weg ins Leben.

Geboren in einem Flüchtlingsheim

Ich kam im Jahr 2000 zur Welt. Geboren wurde ich in einem Flüchtlingsheim in Altona. Dort verbrachte ich auch meine ersten Jahre. Es war nicht schlimm. Es war wie ein echtes Zuhause. Klein, aber wir kamen mit dem aus, was wir hatten, und für meine Eltern war dies genug. Ständig erfuhren und entdeckten meine Eltern und auch ich Neues: Weihnachten, Ostern, Chanukka und Halloween. Montags gab es in der Flüchtlingsunterkunft Reis mit Fisch und freitags ein ghanaisches Gericht.

Meine Mutter erzählte mir die Geschichte des kleinen Fisches. Meinen Eltern fiel es schwer, sich an all das Neue zu gewöhnen. Sie lebten erstmals in einer Großstadt. Sie bekamen mit, dass Frauen keinen Hijab (ein Kopftuch, das Haare, Ohren, Hals und Ausschnitt bedeckt) trugen und lernten erstmals andere Religionen als den Islam kennen. Es war fast so, als wären sie in einer anderen Welt, doch in dieser Welt fühlten sie sich endlich wohl, verstanden und geborgen.

Die Geschichte vom Fisch im Goldfischglas

Als ich klein war, habe ich meine Eltern immer gebeten, mir zu erzählen, wie sie geflüchtet sind und warum. Meine Mutter erzählte mir dann immer die Geschichte des kleinen Fisches. „Du bist ein Fisch, der tagein tagaus in einem Goldfischglas schwimmt. Das Glas wurde mitsamt Fisch vergessen. Glas und Wasser sind schmutzig. Das Glas droht zu brechen. Du siehst durch dein verdrecktes Wasser nichts außer ein Fenster, das sich im selben Raum wie du befindet. Es ermöglicht dir einenBlick aufs offene Meer, in die Außenwelt. Wenn du vom Anblick der Außenwelt genug hast, schwimmst du einfach der Woche fällt dein Blick auf die Risse deines Goldfischglases. Du bemerkst, dass Tag für Tag dein Glas immer mehr zu zerspringen droht und dein Leben in Gefahr ist. Eines Tages aber, als du deine Hoffnung schon längst aufgegeben hast, findet dich jemand. Dieser jemand bemerkt, wie unglücklich du bist und befreit dich aus deinem beengten Goldfischglas und schmeißt dich ins offene und kalte Meer, auf das du bis eben nur ein Blick werfen und dir nur ausmalen konntest, wie schön es dort sein muss. Es ist eine Befreiung, aber das Leben danach ist neu, ungewohnt und auch gefährlich.“

Diese Geschichte habe ich als kleines Mädchen nie verstanden, dennoch hat sie sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Heute kann ich sagen, dass meine Mutter versucht hat, vor mir ihre Lage schönzureden und dass sie doch eigentlich das Leid meiner Eltern aus dieser Geschichte hätte herausnehmen können, oder? Aber ich war zu klein, und für mich war es immer nur die Geschichte des kleinen Fisches.

Ein neues Zuhause

Als ich vier Jahre alt wurde, zogen wir in unser jetziges Zuhause. Es war für mich damals enorm, da wir vorher ja sehr beengt mit anderen Menschen zusammengelebt hatten. Ich bin bis heute dankbar, wenn ich zurückblicke. Anfangs fühlten wir uns in so einer großen Umgebung allein, doch dies war ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist seltsam, diesen Ort als Zuhause bezeichnen zu dürfen.

Zurück zum Anfang: 16 Jahre meines Lebens war ich eine afghanische Staatsbürgerin in Deutschland, doch seit Neuestem darf ich mich deutsch fühlen. Doch war es denn nicht schon immer so? Darf ich mich nur deutsch fühlen, wenn ich die Erlaubnis bekomme? Muss mir ein Dokument sagen, dass ich deutsch bin? Nein. Für mich ändert sich durch ein Dokument gar nichts Ich habe mich schon immer wohl gefühlt in Deutschland und nannte dies mein Zuhause. Für mich verändert sich rein gar nichts durch ein Dokument.

Von Anfang an habe ich das Gefühl, deutsch zu sein, in mir getragen. Doch ich habe mich nicht nur deutsch gefühlt, ich hab ja auch noch Zutritt in meine zweite Welt: Afghanistan. Meine Eltern lehrten mich von Geburt an die afghanische Tradition, Kultur und Sprache. Im Alter von vier Jahren reiste ich zum ersten Mal nach Afghanistan.

Ich verstand, dass ich nicht nur deutsch bin. Ich verstand, dass es mir sogar erlaubt ist, Afghanistan mein Zuhause zu nennen. Ich verstand, dass ich Zugang zu zwei Welten habe. Heute ist das für mich immer noch so. Mindestens einmal im Jahr darf ich meine Familie in Afghanistan in die Arme schlie ßen und lieben.

Ich bin glücklich sagen zu können, dass ich deutsch und afghanisch bin. Sagen zu dürfen, dass ich zwei unterschiedliche Welten kenne, in denen ich mich wohl fühle. Man darf zweisprachig aufgewachsene Kindern und Jugendlichen niemals die Frage stellen „ Zu welchem Land fühlst du dich mehr hingezogen“?

Man darf uns ebenso wenig mit Dokumenten in Nationalitäten einteilen. Als zweisprachig aufgewachsenes Mädchen kann ich sagen, dass man sich immer und egal auf welche Weise zu beiden Seiten hingezogen fühlt und dass jeder Mensch für sich entscheiden soll, ob er deutsch, afghanisch, polnisch, russisch oder anders genannt werden will.Ein Dokument kann diese komplexe Frage nicht beantworten.

Ich bin Elmira. Ich bin 16 Jahre alt, deutsche und afghanische Staatsbürgerin. Das war die Geschichte, wie ich zur deutschen Staatsbürgerin wurde.