Schüler machen Zeitung
Stadt und Land

Hilfe, wir sind Dorfis! Holt uns hier raus!

Zwei Dorfis in der großen Stadt – gezeichnet von Grafik-Designerin Andrea Riesch

Zwei Dorfis in der großen Stadt – gezeichnet von Grafik-Designerin Andrea Riesch

Foto: Andrea Riesch / HA

Gülleduft in der Luft? Nicht in der Stadt. Dies und vieles mehr mussten zwei junge Damen vom Land lernen, seit sie in Hamburg zur Schule gehen

Hamburg.  Wir, zwei volljährige Dorfkinder aus Niedersachsen, besuchen aufgrund unserer Hörschädigung die gymnasiale Oberstufe der Stadtteilschule Hamburg-Mitte. Unter der Woche leben wir in Wohngemeinschaften in Hamburg und fahren über das Wochenende immer nach Hause aufs Land. Zwar haben wir schon viel von der Welt gesehen, aber Hamburg ist doch sehr speziell.

Grüne Wiesen, Maisfelder, Kühe als Nachbarn? Güllegeruch? Hier in Hamburg? Fehlanzeige! Kaum steigt man nach einigen Stunden Fahrt aus der Bimmelbahn, wird man vom hektischen Hamburger Getümmel mitgerissen. Es wird auf die Füße getreten, der Koffer wird brutal in Mitleidenschaft gezogen, dann überrollt man mit dem Trolley aus Versehen die Füße der Stadtmenschen, kassiert dafür böse Blicke und tritt zu guter Letzt in etwas undefinierbar Ekeliges.

Welch eine Begrüßung! Noch besser ist der Spaziergang, bei dem wir uns entspannen wollen, bei dem wir uns aber ständig vor Rennradfahrern in Sicherheit bringen müssen. Um unbekannte Stadtpflanzen zu erkunden, sind wir mit voller Energie in die Büsche gehüpft. Dabei haben wir schon die Ehre gehabt, diverse Wildkräuter, bei uns schlicht Unkraut genannt, zu entdecken.

Es gibt das Vorurteil, dass sich die Leute vom Dorf in Großstädten nicht zurechtfinden. Das sehen wir gar nicht ein, denn wir haben mit einem Navi für einen einminütigen Weg nur 20 Minuten gebraucht. Das ist ein Rekord für uns Landeier.

Wir sind jetzt Bad Girls

Seitdem wir in Hamburg leben, haben wir uns zum Entsetzen unserer Eltern zu Bad Girls entwickelt: Wir gehen bei Rot über die Ampel, trennen unseren Müll nicht. Und wir haben uns krasse Tattoos stechen lassen.

Die Hamburger Schüler sind auch ganz anders als die auf dem Land oder in einer Kleinstadt. Besonders verwundert haben uns die sogenannten Mary-Poppins-Handtaschen, die viele Mädchen als Schultasche verwenden. Wir zwei sind mit unseren Schulrucksäcken voll bepackt und bekommen nichts mehr rein. Wie bekommen die Hamburgerinnen ihr Essen neben den 1000 Schminkprodukten in dieses Designertäschen gestopft?

Der Einkauf bei Lidl ist Krafttraining

Sport im Fitnessstudio? Das braucht man in Hamburg nicht. Ein Einkauf bei Lidl ist Kraft- und Schnelligkeitstraining pur. Man muss nur versuchen, in drei Sekunden alle Einkäufe zu verstauen. Schafft man das, wird man belohnt: mit einem aufgerissenen Deckel am Creme-fraîche-Becher und kaputten Eiern. Und in Gammelklamotten darf man in Hamburg sowieso nicht einkaufen gehen. Man ist top gestylt und trägt cooles Design.

Es gibt auch Unterschiede im Gas­tronomiebereich. Im Gourmet-Burgerladen werden die Burger nicht wie bei uns mit den Händen gegessen, sondern ganz fein mit Messer und Gabel.

Wenn man in Hamburg ist, ist der Bummel auf der Reeperbahn ein absolutes Muss! Doch als wir dort gemütlich über die Straße schlendern, werden wir von einem freundlich aussehenden jungen Mann unseres Alters angesprochen. Wir denken, der will uns bestimmt nach dem Weg fragen. Tja, ist aber nicht so. Er bietet uns Gras – auch Marihuana genannt – an, und wir lehnen leicht geschockt, aber höflich dankend und mit einem Knicks ab.

Unsere städtischen Mitbewohner haben uns den Besuch des Hamburger Doms wärmstens empfohlen. Ist ein Gottesdienst in einer hamburgischen Kirche nicht genauso langweilig wie ein Gottesdienst auf dem Lande? Bis wir irgendwann mit der U 3 an St. Pauli vorbeifahren und ein Werbeplakat zum Hamburger Dom entdecken. Uns geht ein Licht auf: Das ist gar keine Kirche, sondern ein Rummel, eine Kirmes, ein Jahrmarkt. Und damit wesentlich spannender als ein Gottesdienst! Zumindest für uns

Die Hamburger City blitzt vor Sauberkeit

U-Bahn-Fahren ist auch immer so eine Sache. Anfangs hat U-Bahn-Fahren uns Dorfis total aus dem Konzept gebracht. Es ist schon vorgekommen, dass wir umsteigen wollten, aber letztendlich wieder in die gleiche U-Bahn in dieselbe Richtung gestiegen sind, mit der wir vorher gefahren sind.

Wenn die EC-Karte am Ticketschalter nicht angenommen wird und du nur einen 50-Euro-Schein dabeihast, geh in Hamburg bloß nicht zum Bäcker und kaufe etwas für 3 Euro, um Kleingeld zu bekommen. Erstens wirst du angestarrt wie sonst niemand, und zweitens kann es passieren, dass der Ticketautomat auch die Zehn-Euro-Scheine beim hundertsten Versuch immer noch nicht annimmt.

In der Hamburger City blitzt es nur so vor Sauberkeit. Und es riecht so frisch nach Zitronen. Auf dem Weg zur Schule müssen wir nicht – wie auf dem Land – durch Matsch und Dreck waten. Hamburg verdient unserer Meinung nach eine Auszeichnung für den saubersten Ort der Welt.

Und was auch total interessant ist: Die Hamburger kennen ganz gewöhnliche Redewendungen nicht.

Zum Beispiel bei dem Spruch „Es stinkt bis nach Meppen“ wird man so angeguckt, als komme man aus einer anderen Galaxie. Dabei ist dieser Spruch im Kartoffelland Niedersachsen gang und gäbe. Hamburg hat uns auch schon verwöhnt. Während in der Heimat die Bimmelbahn nur stündlich vorbeischaut, um in die nächstgrößeren Städte zu fahren, rollen die S- und U-Bahnen hier alle paar Minuten ein. Dieses führte schon dazu, dass wir unsere Züge in der Heimat verpassten und total in Stress gerieten.

Bei manchen Ärzten kann man einen Tag vor dem Arzttermin eine Erinnerungs-SMS erhalten. Natürlich muss man so einen Service nutzen. Im Kaff dagegen sieht es ganz anders aus. Da muss man selber an Termine denken, ansonsten hat man Pech und muss einen neuen Termin ausmachen. Also, so einen Service müsste es überall geben. Es würden dadurch auch neue Arbeitsplätze auf dem Land entstehen.

Hamburg hat uns Dorfkinder zu richtigen Großstadtpflanzen gemacht. Danke, Hamburg!