Schüler machen Zeitung
Demenz

Oma lebt ein Leben ohne Erinnerungen

Lesedauer: 7 Minuten
Seniorenheim Demenz

Seniorenheim Demenz

Foto: Waltraud Grubitzsch / picture alliance / dpa

Eine Hamburger Schülerin besucht regelmäßig ihre an Demenz erkrankte Großmutter. Was sie dabei erlebt, erzählt sie auf abendblatt.de

Hamburg.  Der Raum ist hell beleuchtet. Ein Mann spielt Klavier und singt dazu Lieder, die ich nicht kenne. Die Stimmung im Haus ist gut, und alles fühlt sich irgendwie positiv an. Die Menschen um mich herum tanzen. Einige versuchen, ihre Glieder – ihre müden Arme und Beine – zur Musik zu bewegen. Wäre der Raum voller junger Menschen, würde man sagen: Das hier ist eine Party. Um mich herum sehe ich aber nur alte Menschen.

Die Menschen hier sind fröhlich – zumindest lächeln sie

Ich besuche – wie jeden Sonntag – meine Großmutter. Sie lebt in einer Pflegeeinrichtung in Hamburg. Eigentlich ist das hier ein toller Anblick. Die Menschen sind fröhlich. Zumindest lächeln sie. Es scheint ihnen gut zu gehen. Sie haben Spaß. Einige von ihnen werden das, was hier gerade stattfindet, wahrscheinlich in ein paar Minuten vergessen haben. Viele der Menschen, die hier leben, sind dement.

„Weg vom Geist“ beziehungsweise „ohne Geist“ – so lautet die wörtliche Übersetzung des Begriffs Demenz aus dem Lateinischen. Demenz ist der medizinische Fachbegriff für eine fortschreitende und dauerhafte Veränderung des Gehirns. Diese Veränderung führt zum allmählichen Verlust der Denkfähigkeit. geistigen Leistungsfähigkeit.

Am Anfang der Krankheit stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit. In ihrem weiteren Verlauf verschwinden auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses, sodass die Betroffenen zunehmend die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlieren.

Ob noch gut zu Fuß oder aber im Rollstuhl sitzend – man sieht den alten Menschen, die mit meiner Oma hier leben, an, dass sie großen Gefallen an dieser alle drei Monate stattfindenden Musik- und Tanzveranstaltung haben. Mein Großmutter sitzt im Rollstuhl. Ihre Finger bewegen sich leicht im Takt zur Musik des Klavierspielers. Sie scheint die Melodie zu erkennen. Früher hätte sie mitgesungen und ganz bestimmt auch getanzt. Meine Oma hat früher sehr gern getanzt.

„Tanzen ist gesund und hält fit“ hat sie vor Jahren einmal zu mir gesagt. Dieser Satz war damals für mich einfach nur ein Satz eines alten Menschen. Inzwischen hat er für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Demenzerkrankte verlieren nach und nach den Bezug zu ihrer Umwelt. Sie stellen immer wieder dieselben Fragen, nehmen vieles nicht mehr wahr oder ordnen es falsch ein. Das macht ihnen Angst und sorgt für Antriebs- oder Ruhelosigkeit.

Eine alte Dame spricht mich an. „Gehören Sie zu Frau Bellmann ?“ fragt sie. Ich antworte ihr: „Ich bin die Enkelin von Frau Bellmann.“ Die Dame lacht mich an und sagt zugleich mit trauriger Stimme: „Wie schade ist es doch, dass die Ilse nicht mehr sprechen kann“. „Oh ja“, denke ich. „Wie recht sie doch hat“. Ich beobachte weiterhin die Menschen um mich herum und spüre die fröhliche Stimmung. Mir ist nicht bekannt, wie viele von ihnen dement sind.

In frühen Stadien sieht man es den Betroffenen auch nicht an.

Die Alzheimerkrankheit ist mit einem Anteil von 60 bis 65 Prozent die häufigste Demenzform. Die Demenz vom Alzheimertyp ist eine degenerative Krankheit des Gehirns, während deren Verlauf Nervenzellen des Gehirns unwiderruflich zerstört werden. Von den ersten Symptomen bis zum Tod des Erkrankten dauert sie durchschnittlich sieben Jahre.

Alzheimer tritt vor allem bei älteren Menschen auf. Die meisten Patienten sind älter als 80 Jahre. In seltenen Fällen kommt die Krankheit aber auch schon bei 50-Jährigen vor. Die genaue Ursache ist trotz großer Forschungsanstrengungen noch immer nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass die Erkrankung zur Zerstörung von Nervengewebe im Gehirn führt und den Informationsaustausch zwischen den intakten Zellen behindert.

Zum typischen Krankheitsbild kann eine depressive Verstimmung gehören, aber genauso ein aggressives Verhalten. Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit können die Betroffenen ihren Alltag nicht mehr ohne Hilfe bewältigen. Andere Ursachen für Demenz können Schlaganfall, Herz-infarkt, die Parkinson-Krankheit sein.

Ich beobachte, wie die Dame, die mich eben angesprochen hat, versucht, eine Tür nach außen zu öffnen. Sofort ist eine der ehrenamtlich helfenden Personen da und geleitet Frau Lüdemann, so heißt die Dame, wieder in die Saalmitte. Leidet auch Frau Lüdemann unter dem für die Demenz typischen Gedächtnisverlust und ist von einer auf die nächste Minute verwirrt? Ich weiß es nicht.

Ich widme meine Aufmerksamkeit wieder meiner Oma, mit der ich über die Jahre eine neue Art der Kommunikation gefunden habe. Eine Unterhaltung in gewohnter Form ist nicht mehr möglich. Aber an ihren Augen – und manchmal auch an ihrer Mimik – erkenne ich, dass sie mich versteht.

In Deutschland leben gegenwärtig 1,5 Millionen Demenzkranke

Eine direkte Zuneigung und körperliche Berührungen sind besonders wichtig bei Demenzkranken. Die Bezugspersonen und Angehörigen übernehmen eine sehr wichtige Aufgabe, die sich in der Regel über viele Jahre hinzieht. Es gibt Möglichkeiten, aus der Zeit mit der Krankheit wertvolle und erfüllte gemeinsame Jahre zu machen. Dafür ist es wichtig, sich ein entsprechendes Wissen über die Krankheit und den Umgang mit den Erkrankten anzueignen. Weiter sollte die persönliche Würde der Erkrankten gewahrt und ihre Eigenständigkeit so lange wie möglich erhalten werden. All das versuche ich umzusetzen, wenn ich mit meiner Oma zusammen bin.

In Deutschland leben gegenwärtig etwa 1,5 Millionen Demenzkranke. Jahr für Jahr treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf. Infolge der demografischen Veränderungen kommt es zu weitaus mehr Neuerkrankungen als zu Sterbefällen unter den bereits Erkrankten. Aus diesem Grund nimmt die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich zu. Sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt, wird sich nach Vorausberechnungen der Bevölkerungsentwicklung die Krankenzahl bis zum Jahr 2050 auf etwa 3,0 Millionen erhöhen. Dies entspricht einem mittleren Anstieg der Zahl der Erkrankten um 40.000 pro Jahr oder um mehr als 100 pro Tag.

Es ist 17 Uhr, das letzte Lied des Klavierspielers ist verklungen. Die alten Herrschaften werden von den Pflegern und den ehrenamtlichen Helfern auf ihre Stationen und in ihre Zimmer gebracht. Ich schließe mich mit meiner Oma der Karawane an und schiebe sie im Rollstuhl in ihr Zimmer.

Auch wenn sie Woche für Woche, Monat für Monat mehr von ihrem Leben vergessen wird – in meinem Leben spielt meine Großmutter nach wie vor eine ganz große und wichtige Rolle. Ich versuche, ihr das bei jedem Besuch zu zeigen.