St. Pauli

Chef, Backstage und Bühne: Szenen des Reeperbahn Festivals

Foto: Roland Magunia

Noch bis Sonnabend läuft das Kiez-Festival. Das Abendblatt hat sich umgeschaut und die besten Tipps für den letzten Abend.

Hamburg.  Noch bis Sonnabendnacht läuft die große Konzert-Sause auf dem Kiez. Auf der Reeperbahn, in den Clubs: Vieles passiert gleichzeitig. Das Abendblatt hat sich umgeschaut.

Unterwegs mit dem Festivalchef

Nieselregen, Windböen und herbstliche Temperaturen. Während der Kiez sich anlässlich des zehnten Reeperbahn Festivals herausgeputzt hat und in 1000 Farben erstrahlt, zeigt sich das Hamburger Wetter von seiner gewohnt schmuddeligen Seite. Es ist Donnerstagnacht, halb zwölf, und die jungen Menschen auf dem gut gefüllten Spielbudenplatz lassen sich ihre gute Laune weder vom Wetter noch von der Uhrzeit nehmen. Sie machen Handyfotos, lachen, essen und singen.

Vor dem Musikclub Docks steht eine Gruppe dänischer Studenten. Eng im Kreis zusammen gekauert und über einen Zeitplan gebeugt, besprechen sie das weitere Vorgehen. Zwar ist die Entscheidung schnell gefällt, doch wo bitte geht’s zum Mojo Club? Der Fingerzeig eines „Einheimischen“ sorgt für Jubel. Keine 500 Meter, es kann direkt weiter gefeiert werden. Die Festivalwege sind meist kurz.

Der Hauptverantwortliche dafür ist Alex Schulz. Doch obwohl es sein Geburtstag ist, feiert er als einer der wenigen Menschen auf dem Kiez nicht. Der Festivalchef steht im Foyer des Arcotels in den Tanzenden Türmen und wartet auf seinen Gesprächspartner. Dass es bereits sein 13. Meeting an diesem Tag ist, hat der Laune nicht zugesetzt. Der Hamburger strahlt bis über beide Ohren und vertreibt sich die Zeit damit, an der Hotelbar entlang zu gehen. Dort sitzen Bands und Manager, von denen er jeden zu kennen scheint. Ein Handschlag hier, eine Umarmung dort und für jeden ein Getränk, Schulz ist der geborene Gastgeber.

Mit einiger Verspätung beginnt dann das Meeting. Mit dem Manager eines Streamingdienstes bespricht Schulz, ob es in Zukunft möglich sein wird, den Erfolg des Newcomer-Festivals empirisch festzustellen. Werden Bands, die hier auftreten, anschließend tatsächlich häufiger gehört?

Als auf dem riesigen Fernseher der Hotellobby die Übertragung des Wanda-Konzertes beginnt, dreht sich Schulz kurz von seinem Gegenüber weg. Er blickt in Richtung Fernseher und lächelt. Die Band ist pünktlich, der Saal ist voll, und auch sonst scheint alles zu funktionieren. Daran, dass er an diesem Wochenende ein ganzes Konzert live sieht, kann Schulz nicht mehr so recht glauben. Das hat er in zehn Jahren nur einmal geschafft.

Beim Wanda-Konzert im Docks brennt die Luft

Schieben und Schwitzen unter der Discokugel im Docks. Glückliche Menschen. Denn sie sind drin. Die Schlange draußen vor der Tür ist lang, sehr lang. Dann Tosen, Toben. Michael Marco Fitzthum schlendert mit seiner Band auf die Bühne. „Machen wia uns oane Stuande Amore, Baby“ ruft der Sänger mit breitem Wiener Dialekt in den Saal, der inklusive Balkon bis unters Dach gefüllt ist. Und ab dann brennt der Rock’n’Roll.

„Ich bin einfacher Typ ohne viel Hirn / Aber Baby ich brauch dich nah bei mir“, singt Fitzthum lasziv in „Luzia“, der roh rumpelnden Eröffnungsnummer. Sein linkes Bein wippt nervös auf der Monitorbox. Ein Mädchen mit blonden hoch gesteckten Haaren entert die Schultern ihres Freundes, lässt sich wenig später in die wogende Menge fallen. Und die singt den morbiden Hit „Schickt mir die Post (schon ins Spital)“ mit, als ließe sich dadurch alles Übel besiegen. Oder herbeiführen. Je nach Bedarf.

Im Februar präsentierte Wanda ihr Debütalbum „Amore“ noch im kleineren Molotow-Club. „Die hätten auch ne Arena gefüllt“, sagt jetzt ein Fan. Mitunter wird das auf Entdeckungen und Newcomer fokussierte Reeperbahn Festival vom Hype überholt.

Fitzthum reißt sich derweil das Hemd unterm Lederblouson auf und entblößt seine kahle schmale Brust. Strähnig-nass kleben die Haare auf der Stirn. „Schön ist der ja nicht“, sagt eine Frau. „Aber charmant.“ Ein Mädchen dreht sich um, so dass sie mit dem Rücken zur Bühne steht, hält ihr Smartphone hoch, weitet die Augen, lächelt kess und knipst. Ein Foto von sich und der Band, dem Moment, der Energie.

Wanda setzt unterdessen ihre Rock-Betörung mit dickem Schmäh fort. „Bussi Baby“ lautet die unmittelbare Botschaft ihrer aktuellen Single.

„Amore“ klebt in krakeligen Buchstaben auf der Basedrum von Schlagzeuger Lukas Hasitschka. Und zu ausgiebigen „Amore“-Wechselgesängen animiert Fitzthum den feiernden Mob vor sich. Die Fans vorne kriegen sich kaum ein. „Beruhigt’s euch doch, es ist doch alles gut“, ruft der Sänger. Um dann erst recht Entfesselung zu zelebrieren. Er stürzt ein Astra. Und stürzt sich in die Menge. Lässt sich auf Händen tragen. Grinst, rudert. Mit dem Wanda-Abzählreim „Ans zwa dra via, es ist so schön bei dir“ löst sich die Nacht schließlich in Wohlgefallen auf.

Backstage mit Tom Klose im Knust

An der Garderobe hängt keine Jacke, keine einzige, und dabei ist im Knust noch lange nicht Schluss. Doch wer zum Reeperbahn Festival geht, diesem Treffen wenig bekannter Newcomer, weiß eben meist nicht, was ihn erwartet – und ob er vielleicht in zehn Minuten schon zum nächsten Club aufbricht. Also bleiben die Jacken an. Auch wenn mit Tom Klose gleich noch ein junger Wilder auf der Bühne steht, der Singer-Songwriter-Qualitäten mit dezenter Punk-Attitüde verbindet und optisch ein wenig an Schauspieler Robert Stadlober erinnert.

Klose hat sich mit seiner dreiköpfigen Band in den kleinen Backstage-Raum zurückgezogen. Hier ist es eng und unaufgeräumt. Dicke Kunstledersofas sind in die Ecken gequetscht, im Kühlschrank liegen arg dezimierte Platten mit Wurst- und Käsescheiben, die im großen Pappkarton angelieferten Brötchen haben schon bessere Zeiten gesehen. Kein Star-Glamour, nichts Ausgefallenes – eher eine Mischung aus Umkleideraum und Abstellkammer, in der die Mitglieder der Handsome Family, die gerade das Publikum mit Americana-Folk begeisterten, ihre Siebensachen zusammenräumen, während Kloses Bandkollegen schnell noch die Hemden wechseln und auf die Deo-Düse drücken.

Der Frontmann selbst knutscht etwas abseits mit seiner Freundin und gibt sich auch sonst tiefenentspannt. Lampenfieber? „Nö, ich komme gerade aus dem Gran-Canaria-Urlaub, alles locker.“ Ein letztes Mal Gitarren stimmen per iPhone-App, dann erscheint NDR-Moderator Paul Baskerville und stellt sich vor. „Hallo, ich bin Paul und sage euch gleich an.“ Der Saal hat sich inzwischen deutlich geleert. Kurz nach halb zwölf ist es ja auch schon und mitten in der Woche. Morgen müssen viele arbeiten oder zur Uni, leider kein idealer Auftrittstermin. Doch Klose und Co. haben trotzdem Bock auf ihr Konzert, das ist deutlich zu spüren, als sie sich im Halbdunkel verschwörerisch die Hände reichen, bevor es über fünf Treppenstufen auf die Bühne geht. Letzte Zweifel fegt ein Routinier aus dem Knust-Team weg: „Wenn die Band erst mal spielt, kommen alle wieder rein.“

Dem ist dann zwar nicht so, aber die verbliebenen 100 Fans haben trotzdem ihren Spaß. Und werden zum Schluss auch nicht ewig an der Garderobe warten müssen. Hat ja keiner was abgegeben.