Berlin. Sie waren die Wegbereiter für Bands wie Tangerine Dream und inspirierten Musiker wie Brian Eno oder David Bowie. Nun bringt die Band ein neues Album mit psychedelischen Sounds - wie eine Zeitreise.

Es gibt Bands, bei denen man gar nicht weiß, dass sie noch existieren. Die im Jahr 1967 in Berlin gegründete Band Agitation Free ist so eine. Die Progressive-Rockband um Lutz Graf-Ulbrich (Lüül), Michael Hoenig, Burghard Rausch und Daniel Cordes bringt nun nach fast 25 Jahren ein neues Album raus - vier Mitglieder aus der Originalbesetzung haben an der Platte gearbeitet. Dazu gehört Lutz Graf-Ulbrich, der beim Gespräch der Deutschen Presse-Agentur in Berlin selbst ein bisschen überrascht scheint, dass nun ein neues Album erscheint.

Dabei ist „Momentum“ alles andere als ein Schnellschuss, denn am neuen Werk wurde knapp zehn Jahre herumgewerkelt. „2013 haben wir ein Festival gespielt. Da kam die Idee auf, dass wir nochmal ein Album zusammen machen. 2014 haben wir uns dann getroffen, jeder hat musikalische Ideen mitgebracht und wir haben geschaut, ob es noch genügend kreative Kräfte in der Band gibt“, sagt Lutz Graf-Ulbrich.

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Diese kreativen Kräfte sind durchaus noch vorhanden, wovon man sich anhand der sieben Songs auf „Momentum“ überzeugen kann. Üppiger sphärisch-psychedelischer Ambient-Sound gepaart mit satten Gitarren erzeugen musikalische Landschaften, wie man es von früheren Platten von Agitation Free kennt. Das durchzieht das ganze Album und versetzt den Hörer in eine Zeitreise. So sind gleich zu Beginn des Albums Klänge eines Auftritts von Agitation Free im französischen Fernsehen aus dem Jahr 1973 zu hören. Eine Idee der Band, um vor allem ihren jüngeren Fans ihre Vergangenheit näher zu bringen. „Wir liefen immer etwas unterm Radar - anders als Kraftwerk oder Tangerine Dream. Wir hatten zwar früher angefangen als viele andere, aber dann gab es einen Bruch 1969, als Christopher Franke zu Tangerine Dream gegangen ist, da mussten wir erstmal wieder neu aufbauen. Bei den anderen Bands ging es dann richtig los, die große Propaganda-Maschine, aber da waren wir nicht dabei“, so Graf-Ulbrich. „Aber gerade die jungen Leute entdecken uns jetzt und die älteren entdecken uns wieder.“

Für dieses Phänomen hat Lutz Graf-Ulbrich seine eigene Erklärung. „Da ist eine Sehnsucht, denke ich. Neuere Sachen klingen recht ähnlich, perfekt, glatt, austauschbar. Krautrock war früher eher eine Beleidigung - mittlerweile ist es ein Gütesiegel. Es gibt noch immer eine Liebe zu dieser Musik, was sehr schön ist.“ Auch zu der 1988 gestorbenen Velvet-Underground-Sängerin und Warhol-Muse Christa Päffgen alias Nico, mit der er in den Siebzigern eine langjährige Beziehung hatte, würde er noch häufig befragt werden, sagt er. „Auch Nico wird von sehr jungen Leuten als Ikone verehrt.“ Sie habe immer eine große Sympathie für die Musik von Agitation Free gehabt, meint Graf-Ulbrich. „Nico konnte richtig Fan sein, wie ein Teenie. Sie konnte dasitzen, lauschen und staunen“, verrät der 70-Jährige.

Agitation Free sind ihrem Sound mit dem neuen Album treu geblieben. Und das ist als Kompliment zu verstehen. Ja, es gibt sie noch, diese Band.