Musik

Joan Baez: Mensch, Pazifistin, Folksängerin

Joan Baez während eines Konzerts 2019 in New York.

Joan Baez während eines Konzerts 2019 in New York.

Foto: Getty Images

Die Musikerin Joan Baez feiert ihren 80. Geburtstag. Ihre klare Haltung tut in diesen Zeiten gut, ihre Lieder wirken tröstend.

Hamburg. „Ich sitze hier nicht als Star‟, sagte Joan Baez als junge Frau einst auf einer Pressekonferenz. „Wenn sie mir ein Label anheften möchten, dann bin ich als Erstes ein Mensch, als Zweites eine Pazifistin und als Drittes eine Folksängerin.‟ Es ist diese humanistische Wärme, kombiniert mit einem eigensinnigen und kritischen Geist, die Joan Baez bis heute zu einem Vorbild macht.

Die in New York geborene Musikerin und Bürgerrechtlerin feiert an diesem 9. Januar ihren 80. Geburtstag. Wie gut können wir ihre klare Haltung erst recht in diesen herausfordernden Zeiten gebrauchen. Und wie tröstend wirken nach wie vor ihre Lieder. Eigene Stücke wie „Diamonds & Rust‟, das auf ihre wechselvolle Beziehung zu Bob Dylan anspielt. Und all die von ihr intensiv interpretierten Nummern, allen voran der Protestsong „We Shall Overcome‟. Joan Baez schuf Musik und Moral für das kollektive Gedächtnis.

Joan Baez von friedensbewegter Folkmusik geprägt

„Meistens schaue ich auf mein Leben zurück und frage mich, ob das überhaupt passiert ist‟, sagte sie in der 2009 erschienen Dokumentation „How Sweet The Sound‟. Und doch, es ist geschehen, all das Prägende und Historische, all die kleinen Situationen und großen Ereignisse.

Joan Baez ist eine wandernde Seele. In ihrer Kindheit zog die Familie oft um, bis sie sich an der US-Ostküste niederließ. Im akademisch geprägten Umfeld Bostons wurde Joan Baez in den ausgehenden 1950er-Jahren von zwei Bewegungen gepackt: von dem gewaltfreien Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit eines Martin Luther King und von der friedensbewegten Folkmusik eines Pete Seeger.

Melancholische Präsenz auf der Bühne

Als junge Frau habe sie offenbar schon genug Traurigkeit in sich getragen, um sich vor allem von langen Balladen über Liebe und Tod angezogen zu fühlen, erzählt Joan Baez. Wer Aufnahmen ihrer frühen Konzerte im Club 47 in Cambridge betrachtet, sieht da eine schmale Person, die gedankenversunken in die Ferne blickt, während sie ihre eindringliche Sopranstimme ertönen lässt.

Ihren Durchbruch als „Königin des Folk‟ feierte sie beim Newport Folk Festival 1959. Seitdem hat sie zahlreiche popkulturelle Meilensteine nachhaltig mit beeinflusst – von Woodstock über Live Aid bis zum Glastonbury Festival. Ihr langes braunes Hippiehaar ist längst einer grauen Kurzhaarfrisur gewichen. Geblieben ist aber die Konzentration, mit der sie ihre Gitarre spielt und pickt. Und die Empathie, die sie in ihren Gesang legt.

Politische Statements bei Hamburg-Auftritt

Mit reduziert arrangierten Songs entfaltet sie ein Spannungsfeld, das das Publikum ihrer Konzerte zutiefst einnimmt. Wie etwa im Februar 2019 im ausverkauften Mehr! Theater. Bei diesem Hamburg-Auftritt kritisierte sie US-Präsident Donald Trump scharf und erklärte sich solidarisch mit den mexikanischen Einwanderern. „Auch wenn sie klar Stellung bezieht, ist da keine Wut, schon gar kein Hass, sondern der unverbrüchliche Glaube, dass sich der Lauf der Welt tatsächlich zum Guten wenden lässt‟, hieß es damals im Abendblatt.

Eine Art ethischer Optimismus, der ihr stets den Weg wies, etwa im Protest gegen den Vietnamkrieg. Ihr privates, popkulturelles und politisches Leben sind aufs Engste miteinander verzahnt. Statt mit dem Journalisten David Harris, mit dem sie fünf Jahre verheiratet war, klassisch in die Flitterwochen zu fahren, verbrachten beide die Zeit nach ihrer Hochzeit 1968 im Protest gegen die Wehrpflicht in den USA. „Jenseits aller Vorstellungskraft und jenseits jeglichen Gefühls‟ – so beschreibt Joan Baez ihren Besuch in Hanoi 1972, bei dem sie einen mehrtägigen Bombenangriff durchlebte.

Songs mit tiefer Bedeutung

Immer wieder besuchte sie Krisengebiete rund um den Erdball. Um sich zu informieren, um Hilfsprojekte voranzutreiben und um mit ihrer Musik sowie Präsenz den öffentlichen Blick auf diese oftmals blinden Flecken in der Welt zu lenken – vom Flüchtlingscamp in Thailand bis zum Krieg in Bosnien. „Wenn man bedeutungsvolle Songs singt, muss man auch ein Leben führen, das dem gerecht wird‟, schildert sie ihre Motivation.

Doch es gibt auch die ausgelassene Joan Baez, wie sie etwa bei Bob Dylans „Rolling Thunder Revue‟ 1975 und 1976 zu erleben war. Kostümiert, tanzend, sorglos. Ein anarchisches gegenkulturelles Happening. Im Laufe ihrer Karriere legte sie ihr extremes Lampenfieber ab, das anfangs bis zu Panikattacken führte. Joan Baez fühlte sich zunehmend wohler auf der Bühne, die sie am Ende ihres Tourlebens mit ihrem Sohn, dem Percussionisten und Schlagzeuger Gabriel Harris, teilte.

Joan Baez verbrint ihre Freizeit malend in Kalifornien

Joan Baez hat stets Songs ausgewählt, die ihr Engagement und ihre Freigeistigkeit in Lyrik und Sound unterstützen – bis hin zu ihrem 25. Studioalbum „Whistle Down The Wind‟, das 2018 erschien und dem eine Nummer von Tom Waits den Titel gab. „Die Lieder, die ich mir ausgesucht habe, sind meine besten Freunde. Und natürlich meine Therapie. Ohne sie wüsste ich nicht, was ich bin‟, sagt die Musikerin.

Lesen Sie auch:

Mittlerweile verbringt Joan Baez ihre Tage gerne malend in ihrem Haus im kalifornischen Palo Alto. Bevorzugt porträtiert sie Personen des Zeitgeschehens – von der Richterin Ruth Bader Ginsburg bis zur designierten Vize-Präsidentin Kamala Harris. Joan Baez lässt sich bis ins hohe Alter inspirieren. Und sie ist selbst Inspiration. Dem „Rolling Stone‟ sagte sie vor wenigen Wochen: „Die Welt zu einer besseren zu machen für Menschen, die weniger haben als man selbst, das ist eine absolut erfüllende und wundervolle Art zu leben.‟