Musik

Keine Freude ohne Schmerz

Sylvain Cambreling mutet den Hörern zum Amtsantritt bei den Symphonikern Hamburg einiges zu

Wenn es so etwas wie das berühmteste Stück klassischer Musik geben sollte, Beethovens Neunte wäre ein heißer Kandidat. Es ist eher die Ausnahme, dass eine offizielle Festlichkeit ohne „Freude, schöner Götterfunken“ vonstattengeht. Nichts Neues also in der Laeiszhalle, wenn Sylvain Cambreling am 21. Oktober sein lang erwartetes Antrittskonzert bei den Symphonikern Hamburg gibt?

Von wegen. Denn das Residenzorchester des ehrwürdigen Hauses nimmt sich heraus, das ebenso ehrwürdige Stück gegen den Strich zu bürsten und in einen ungewohnten Zusammenhang zu stellen. Eingeleitet wird der Abend von einem Werk des Neutöners Helmut Lachenmann, dem Hamburger Publikum unvergessen seit der skandalumtosten Uraufführung seiner Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ im Jahr 1997. Die Symphoniker spielen Lachenmanns „Staub“, entstanden in den 80er-Jahren, ein rund 23 Minuten dauerndes Tasten und Forschen rund um das, was wir gemeinhin Hören nennen, in des Komponisten Worten „eine musikalisch erfahrbare Nicht-Musik“. Und unter der Oberfläche eine Dekonstruktion der Neunten; ganz nebenbei zeigt Lachenmann im Notenbild jenen sanften Flügel, von dem in der Hymne die Rede ist.

Wie die Musiker, mal so ganz praktisch, von dort zu den kargen ersten Tönen der Beethoven-Sinfonie gelangen werden, das verspricht ein aufregender Moment zu werden.

Aber damit nicht genug. Auf den ­Jubelgesang der Solisten Emily Magee, Michaela Schuster, Sebastian Kohlhepp und Luca Pisaroni sowie der Europa Chor Akademie Görlitz (Einstudierung Joshard Daus) folgt nämlich gerade nicht das feuchtfröhliche Ende des Abends, sondern der nächste, geradezu grausame Kontrast: An den Schluss des Abends hat Cambreling die Kantate „Ein Überlebender aus Warschau“ gesetzt, das Denkmal des jüdischen Komponisten Arnold Schönberg für die Mutigen des Aufstands im Warschauer Getto, die sich 1943 den deutschen Besatzungssoldaten vier Wochen lang widersetzten. Dass sie mit dem Leben dafür bezahlen würden, müssen sie zumindest geahnt haben.

Mithin: ein Konzert, dem sich auszusetzen nicht gerade wohlfeil ist. Und eine Ansage für Cambrelings Amtszeit.

„Zwischen Staub und Sternen“ 21.10., 19.00, Laeiszhalle. Karten zu 13,- bis 65,- unter T. 35 76 66 66