Musik

David Bowie beschenkt sich mit neuem Album selbst

Der Künstler David Bowie hat sich im Laufe seiner langen Karriere immer wieder neu erfunden

Der Künstler David Bowie hat sich im Laufe seiner langen Karriere immer wieder neu erfunden

Foto: picture alliance / empics

Der Sänger veröffentlicht zu seinem 69. Geburtstag sein 25. Studioalbum, „Blackstar“. Es ist ein erster Höhepunkt im Popjahr 2016.

Hamburg.  Das Barpersonal staunte nicht schlecht, als David Bowie im Sommer 2014 in die 55 Bar im Greenwich Village von New York hereinschneite. Bowies Besuch in dem kleinen Liveclub in der Christopher Street passierte nicht zufällig, er war gekommen, um sich dort die Band eines Saxofonisten anzuhören, Donny McCaslin. Am nächsten Tag erhielt McCaslin eine E-Mail mit der Frage, ob man nicht gemeinsam einen Song aufnehmen wolle. Natürlich wollte McCaslin. Es dauerte noch ein halbes Jahr bis zur ersten Aufnahmesession im Januar 2015. Das Ergebnis dieser und weiterer Sessions erscheint an diesem Freitag, es ist Bowies 25. Studioalbum und heißt „Blackstar“. Gleichzeitig macht der Superstar des Pop sich mit dem Album ein Geburtstagsgeschenk: Bowie wird am 8. Januar 69 Jahre alt.

Bowie steht für Innovation und Experimente

Die meisten Kollegen seiner Generation, ob sie nun Mick Jagger, Paul McCartney oder Roger Waters heißen, pflegen vor allem ihre Legende mit Variationen und Bearbeitungen alter Hits. Für Innovation und Experimente stehen sie nicht mehr. Anders Bowie. Seit er 1969 mit „Space Oddity“ seinen ersten Hit gelandet hat, ist er immer wieder in neue Rollen geschlüpft, hat sich gehäutet, um die nächste Kunstfigur zu kreieren. Er war Major Tom, Ziggy Stardust und Aladdin Sane, er hat Platten mit Soul und Krautrock gemacht, kreierte Glam Rock, wurde mit Popsongs wie „Let’s Dance“ zum Superstar, experimentierte mit Drum & Bass, setzte 1980 mit „Ashes To Ashes“ einen Meilenstein in der Geschichte des Musikvideos. Nur Jazz kam in Bowies Werk bisher so gut wie nicht vor – und das, obwohl er selbst Saxofon spielt.

„Blackstar“ hat David Bowie mit der Jazzband von McCaslin aufgenommen. Doch es ist kein Jazzalbum im herkömmlichen Sinne geworden. Die sieben Stücke bedienen sich bei Jazz, Electro, Metal und Drum & Bass. Bowie beweist wieder sein sicheres Gespür für Melodien, es gibt aber auch improvisierte Passagen.

Interviews gab Bowie zu seinem neuen Album bislang noch nicht

Als Produzent hat er wieder seinem alten Gefährten Toni Visconti vertraut, mit dem er schon in den 70er-Jahren zusammengearbeitet hat und der vor zwei Jahren auch das Comebackalbum „The Next Day“ produziert hat. Dreimal trafen sich Bowie, Visconti und die Musiker in einem Studio mit dem Namen The Magic Shop für je fünftägige Sessions. „Es war ein sehr offener und gemeinschaftlicher Arbeitsprozess“, beschreibt McCaslin die Aufnahmen: „Meine Band verbindet Improvisation mit Electronica. Genau das hat Bowie interessiert.“

Der 49 Jahre alte Saxofonist gehört zur innovativen New Yorker Szene, führt sein eigenes Quartett, ist aber auch Teil der Bigband von Maria Schneider, die übrigens in diesem Jahr in Hamburg mit der NDR Bigband arbeiten wird. Jason Lindner (Keyboards), Tim Lefebvre (Bass) und Mark Guiliana (Schlagzeug) gehören zu seiner Combo. Außerdem waren der junge Gitarrist Ben Monder und James Murphy, der Kopf des LCD Soundsystems, bei den Aufnahmen dabei. Mit Murphy hatte Bowie schon bei „The Next Day“ gearbeitet.

Der zehn Minuten lange Titelsong ist das zentrale Stück des Albums. „Blackstar“ ist eine Suite in zwei Teilen. Über einem Arrangement aus Streicher, Flöten, Klavier und Guilianas nervösen Breakbeats singt Bowie mit einer fast falsettartigen Stimme einen etwas kryptischen Text. Dazu hat er zusammen mit dem schwedischen Regisseur Johan Renck ein düsteres Video gedreht. Ein Astronautenheld mit einem Totenschädel dahinter, eine junge Frau mit einem überlangen Schwanz, der unter ihrem langen Rock hervorlugt, und Bowie selbst mit einer hellen Gesichtsmaske und schwarzen Löchern für die Augen bewegen sich durch eine Traumwelt. Text und Bilder werden zu einem Zeichensystem, das dem Betrachter Raum für eigene Assoziationen und Interpretationen lässt. Bowie singt von Tod und Engeln, von heiliger Erde und von Exekutionen. Er selbst hat sich zu seinen Texten nicht geäußert, Interviews gab er zu „Blackstar“ nicht.

„Blackstar“ zeigt, wie der neue Bowie ist

Ein anderer Titel auf „Blackstar“ heißt „Lazarus“. Nach einem jazzigen Intro entfaltet sich ein anmutiger, leicht melancholischer Popsong. „Lazarus“ stammt aus dem Musicalprojekt, das Bowie zusammen mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh und dem belgischen Regisseur Ivo van Hove (der in der Intendanz von Friedrich Schirmer auch am Deutschen Schauspielhaus inszenierte) in einer Off-Broadway-Produktion auf die Bühne gebracht hat. „Lazarus“ ist die Fortsetzung einer Filmrolle, mit der Bowie in den 70er-Jahren im Kino brillierte. In „Der Mann, der vom Himmel fiel“ spielte er einen Außerirdischen mit Namen Thomas Jerome Newton, der auf die Erde gekommen ist, um Wasser für seinen Wüstenplaneten zu finden. „Lazarus“ erzählt davon, dass Newton die Erde nicht mehr verlassen und auch nicht sterben kann. Er wird zum ewigen Wanderer.

Nummern wie „’Tis A Pity She Was A Whore“ und „Sue“ mit dem vorwärts treibenden Beat sind avantgardistische Jazzstücke mit großen Tonsprüngen in den Melodien, die Bowie mit einer gehörigen Portion Manierismus singt. Das rhythmisch variantenreiche „Girl Loves Me“ erinnert an den Bowie der 70er-Jahre, die beiden letzten Songs des Albums stellen sein warmes und souliges Timbre in den Mittelpunkt. „Blackstar“ ist ein herausragendes Spätwerk geworden, in dem Bowie mit seinem zum Teil expressiven Gesang Wagnisse eingeht. Es zeigt aber auch die songschreiberische Eleganz dieses ernsthaften Popkünstlers. Bowie hat mit „Blackstar“ seine Vergangenheit hinter sich gelassen. „Blackstar“ klingt wie der Aufbruch in eine neue Phase seines Schaffens. Komplex, aufwühlend, versponnen, nuanciert. Das Popjahr 2016 hat bereits seinen ersten Höhepunkt.

David Bowie: „Blackstar“ (Sony Music)