Musik

Abi Wallenstein – Im Blues zu Hause

Nie ohne Mütze, seit die Haare weniger werden: der Musiker Abi Wallenstein

Nie ohne Mütze, seit die Haare weniger werden: der Musiker Abi Wallenstein

Foto: Roland Magunia

Abi Wallenstein ist ein Original in der Hamburger Musikszene, wie es das nicht oft gibt. Jetzt wird er 70. Eine Begegnung.

Hamburg.  Es ist schön im Weidenstieg. Eimsbütteler Altbauten, Geschäfte, es fällt einem kein anderes Wort als „gutbürgerlich“ ein. Man steigt die Treppen hoch bis unters Dach eines dieser Prachthäuser, dann tritt man, hineinkomplimentiert vom Gastgeber, in eine großzügige Wohnung. Das Wohn- geht ins Schlafzimmer über. Kann man sich hier verlaufen, so riesig, wie das erst mal aussieht?

Und wie, zur Hölle, kommt man an so eine Wohnung?

Abi Wallenstein zeigt sein schönstes Abi-Wallenstein-Gesicht, es ist eine Mischung aus Grinsen und Lächeln; die Fältchen um die Augen verraten sein Alter, am Dienstag wird er 70. Abi Wallenstein grinstlächelt also und sagt: „Der Vorbesitzer war ein großer Musikfan, das hat eine Rolle gespielt.“

Außerdem, darf man hinzufügen, ist Wallenstein mit seiner Frau Maryn Stucken hier 1997 eingezogen, wahrlich in einem anderen Immobilienjahrhundert also. Schöner aber ist die erste Begründung. Es ist der Blues, der Wallenstein geholfen hat, wie so oft.

Dies ist die Geschichte von einem, der im Blues eine Heimat fand, als die Sache mit der Heimat eine durchaus komplizierte Angelegenheit war. Die Geschichte des Abi Wallenstein, den manche (und auf jeden Fall Wikipedia) den „Vater der Hamburger Blues-Szene“ nennen und von dem manche nicht unbedingt wissen, dass er ja eigentlich ein Zugezogener ist, so lange steht er schon auf den Hamburger Bühnen, um seine sehr rhythmische Version des Blues zu spielen.

„Für mich gab es immer nur Musik“, sagt Wallenstein. Das mit der Reflexion und mit den Gedanken über sein Herkommen hat erst in den vergangenen Jahren angefangen, und das liegt natürlich am Altern. 70, das ist halt eine Marke, selbst wenn man wie Wallenstein jeden Morgen aufsteht und feststellt, dass der Bruch in der körperlichen Fitness immer noch nicht da ist, dass es weitergeht, dass er weitergeht. Dieser Gang, den nur ein drahtiger Asket wie Wallenstein so federnd hinbekommt: Er bewegt sich leichten Schrittes durch die Küche, man kennt diesen Schritt genauso von Wallensteins Auftritten. Nur dass er da eine Gitarre in der Hand hält und keinen Teebeutel.

Abi Wallenstein sagt: „Ich habe mich schon als Schüler vor die Leute hingestellt und Musik gemacht, obwohl ich noch nicht sonderlich gut Gitarre spielen konnte und schüchtern war.“

Und da ist man dann schon mitten im Früher, in den fernen Gestaden der Kindheit und Jugend, die bei dem Musiker Abi Wallenstein, der seit 50 Jahren auf der Bühne steht, der in Russland, Polen und Amerika gespielt, viele Alben veröffentlicht und etliche Preise bekommen hat, zu einem großen Teil in Israel spielt. Seine Eltern – er stammte aus Hessen, sie aus Bad Kissingen – lernten sich in dem Land kennen, das damals noch Palästina hieß. „Sie hatten es rechtzeitig aus Deutschland herausgeschafft“, erzählt Wallenstein.

Seit einigen Jahren trägt er eigentlich immer Kopfbedeckung. Einen Hut oder eine Schiebermütze wie jetzt; man denkt sich nicht zum ersten Mal eine Kippa auf diesen sehr bedacht und klug formulierenden Gesprächspartner. Seltsam, dass Wallenstein nach eigenem Bekunden nicht sonderlich oft auf seine Herkunft angesprochen worden ist. Geburtsort Jerusalem, ein gefühlt urdeutscher, ein schillernder Name: Das ist schon besonders.

So besonders wie der ganze identitätsmäßig komplizierte Hintergrund, den eine deutschjüdische Familie eben hat, die von den Nazis verjagt wurde und danach entwurzelt war. Der Vater, ein Individualist, arbeitete als Arzt in einem Krankenhaus, Abi (eigentlich Abraham) und seine Schwester sprachen auch zu Hause mit ihren Eltern nur Hebräisch, „als ich nach Deutschland kam, konnte ich kaum Deutsch“, erinnert sich Wallenstein.

Das mit der Deutschland-Rückkehr der Wallensteins war Ende der 50er-Jahre. Als die Familie nach Düsseldorf zog, konnte der Vater endlich wieder in der eigenen Arztpraxis arbeiten, und er war zurück in seiner kulturellen Heimat. Das Erste, was seine Eltern gegessen hätten, sei eine Bratwurst gewesen, am ersten Abend gleich, sagt Wallenstein.

Ihm selbst war dieses Land fremd, mehr noch, er hatte Angst vor ihm. Und das ist dann die Kehrseite der Sehnsüchte, die viele von denen verspürten, die oft nur durch Glück den Holocaust überlebten: Die Furcht vor der Wiederkehr des Bösen.

Abi Wallenstein kannte nur Israel, das Land seiner Kindheit, und was ihm dann half in diesem Wirrwarr aus dem Verlust des Zuhauses und zunächst neuer, hochgradig suspekter Welt war – eine dritte Heimat. Eine amerikanische, eine musikalische.

Weil es so schön kitschig ist, kann man das vielleicht wirklich so sagen: Mit dem Blues als Vehikel, als Kompensation schuf Abi Wallenstein sich seine Welt und entschädigte sich für erlittene Verluste. Diese Welt hat er seitdem nie mehr verlassen, er hat nur ab und an Paralleluniversen betreten – Wallenstein studierte zunächst erfolglos Soziologie, dann arbeitete er als Siebdrucker – und sich schnell wieder aus ihnen wegbegeben. Obwohl er ein solider Typ sei, wie er sagt. Es passt dann halt doch, dass er, der entschiedene Künstlertyp, bourgeois in Eimsbüttel lebt. Wallenstein gibt 100 Konzerte im Jahr. Kurz vor seinem Geburtstag, den er am Montag mit 50 anderen Musikern im Landhaus Walter feiert, reist er noch nach Wien, um dort zu spielen. Er ist der Groovemeister unter den Bluesern, bekannt für seinen Gitarrenstil („Picking Style“) und, er sagt das mit ernstem Blick, „süchtig nach Live-Auftritten“.

So süchtig, dass er manchmal immer noch in der Spitalerstraße steht und Straßenmusik macht. Er schaut dann, wie die Leute auf seine neuen Songs reagieren, und darauf, wie er sich vor Publikum inszeniert, „das Spielen vor Leuten hat ja auch eine darstellerische Komponente“, erklärt Wallenstein. Das ist dann der Moment, in dem man sich daran erinnert, dass seine Frau Maryn Stucken einst das Lichthof-Theater in Bahrenfeld gründete.

Hamburg, die Stadt, in die er nach Tourneen immer gerne zurückkehrt, ist nur zufällig zu seiner Heimat geworden. Als seine Eltern wieder nach Israel übersiedelten, die NPD saß mittlerweile in mehreren Landtagen, blieb er in Deutschland. Und er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wie er findet. Musik, sagt er, „hatte Ende der 60er eine Funktion innerhalb des gesellschaftlichen Umbruchs“. Weil die 68er eben auch den Groove hatten. Damals wurde auch auf Kongressen gespielt.

Der Blues ist, nach Abi Wallenstein, dem freundlichen Mann an der Gitarre, durch und durch dialogisch. Er öffnet die Kanäle zum Publikum und lebt von der Zwiesprache. „Wenn die Trennung zwischen Publikum und Interpret aufgehoben ist, fängt das Leben des Blues an“, sagt Wallenstein.

Wenn er im ICE sitzt, schreibt er manchmal seine Gedanken auf. Oder neue Hooklines. Er liest, am liebsten die deutschsprachige Weltliteratur des Pragers Kafka. Wallenstein kann übrigens immer noch Hebräisch, und seinem Deutsch haben sich die rheinischen Jahre eingeprägt. „Manchmal halten die Leute mich auch für einen Holländer“, sagt Wallenstein. Seine einzig richtige Sprache ist die Musik.