Perle der Woche

Tina Dico: Spitze auf dem Eisberg

Tina Dico ist jahrelang vagabundierend durch die Welt gezogen. Jetzt kommt die Dänin entschleunigt aus Island in die Laeiszhalle.

Jahrelang hat Tina Dico auf der Überholspur gelebt. Songs schrieb sie in Hotelzimmern, Backstage oder im Tourbus. Dann ging es ins Studio, und in manchmal sehr hektischen Sessions nahm die Sängerin aus Dänemark ihre Alben auf. Beim aktuellen Werk "Where Do You Go To Disappear?" hat die inzwischen 34 Jahre alte Künstlerin ihr Leben entschleunigt. "Dieses Mal hatte ich ein halbes Jahr Zeit, mich um die neuen Songs zu kümmern. Ich konnte jeder Idee, die ich hatte, in Ruhe nachgehen und überlegen, ob ich sie weiterentwickele oder wieder verwerfe", erzählt sie.

Dieses Gefühl, angekommen zu sein, hat jedoch mit einigen einschneidenden Veränderungen in Tinas Leben zu tun. Das Vagabundieren zwischen Aarhus, London, den USA und Kopenhagen, das sie in dem Song "The Time Of Our Lives" reflektiert, ist vorüber. Ihr neuer Lebensmittelpunkt liegt ganz im Norden Europas, auf Island.

Dort lebt sie mit Helgi Jonsson zusammen, einem Sänger und Multiinstrumentalisten, den sie 2008 auf einer Tournee kennengelernt hat und der seit der Zeit zu ihren musikalischen Kollaborateuren gehört. "Es gab von Anfang an eine Seelenverwandtschaft zwischen uns", erzählt sie. Später wurde aus dieser künstlerischen Gemeinschaft eine Liebesbeziehung und eine Familie.

Vor drei Monaten brachte Tina einen Jungen mit Namen Emile zur Welt, "Where Do You Go To Disappear?" entstand während ihrer Schwangerschaft. "Dennoch war es einfach, das Album aufzunehmen, weil wir in unserem Haus ein eigenes Studio haben. Das ist äußerst komfortabel." Helgi Jonsson, der seit 2005 vier Alben veröffentlicht hat, gab seiner Frau die nötige Sicherheit, die ihr früher oft gefehlt hat. "Helgi geht unkomplizierter mit Musik um als ich. Das hat mir geholfen, mich zu öffnen und mir alle möglichen Freiheiten zu nehmen", beschreibt die blonde Sängerin den Prozess im Studio.

"Where Do You Go To Disappear?" ist ein Album geworden, das Tina Dico in allen möglichen Facetten zeigt. Es gibt Songs, die nur auf dem Spiel einer akustischen Gitarre und eines Klaviers basieren wie "Point Of No Return" und "The Other Side" und moderner Folkpop sind. Andere Tracks wie "True North" oder "We're All Experts" orientieren sich mehr an Electro-Pop. Die meisten Songs sind durchaus spröde und weit weg von eingängigem Mainstream. Dico benutzt Streicher, singt mit sich selbst im Chor, aber Keyboards und Gitarre dominieren das Album.

Stilistisch fällt "You Wanna Teach Me To Dance" etwas heraus, eine fröhliche Mittanznummer. "Ich bin früher nie tanzen gegangen, weil ich mich unwohl auf einer Tanzfläche fühle. Ich habe mich auch auf der Bühne nie zu meiner Musik bewegt. Dieser Song thematisiert meine Abneigung. Aber ich werde versuchen, für die Liveshows ein paar Tanzschritte zu lernen", verspricht sie für die Tournee.

Die Texte der zwölf neuen Songs geben viel Aufschluss über das Innenleben und die Gedankenwelt von Tina Dico. Ihre Weltsicht ist trotz der neuen privaten Zufriedenheit nicht besonders optimistisch. "Moon To Let" etwa beklagt die Kälte der Erdbewohner, ihre Gier und ihre Schlechtigkeit. Der Mond wird darin zum Sehnsuchtsort. Auch "The World Is Perfect" meint eigentlich das Gegenteil dessen, was der Titel vorgaukeln will.

"Es gibt ein paar mächtige Menschen auf der Welt, die Entscheidungen treffen, die dann negative Auswirkungen auf viele haben. Warum wird in Afrika nach neuen Absatzmärkten für Zigaretten gesucht, warum wird in den USA immer noch ungesundes Schulessen verteilt? Das sind nur zwei kleine Beispiele für Dinge, die falsch laufen." Der Schlüsselsong des neuen Albums heißt "The Tip Of The Iceberg". Er steht für Tina Dicos Versuch, möglichst all ihre Gedanken und ihre Gefühle in ein Album zu packen und sich dann doch eingestehen zu müssen, dass so etwas nicht möglich ist. "Für einen Künstler ist es auch in Ordnung, nur eine Sekunde zu beschreiben, aber ich muss lernen, mich zu reduzieren", sagt sie.

Wenn sie am 5. Oktober in der Laeiszhalle auftritt, werden ihre Fans eine glückliche, aber auch eine nachdenkliche Künstlerin erleben. Der kleine Emile ist bei dieser Tournee natürlich auch dabei. Als Babysitter nimmt Tina Dico ihre Mutter mit. Denn Emiles Vater Helgi Jonsson kann sich nicht kümmern: Er steht zusammen mit Tina auf der Bühne.

Tina Dico Fr 5.10., 20.00, Laeiszhalle (U Gänsemarkt), Johannes-Brahms-Platz, Karten ab 30,50 im Vvk.; www.tinadico.com