Radio-Revolution im virtuellen Äther

INTERNET-SENDER: Schluss mit dem formatierten Dudelfunk auf Ultra-Kurzwelle! Die Webradios bringen kulturelle Vielfalt und den Spaß von einst ins Radio zurück - oft mit einem personalisiertem Programm.

Die Mega-Hits der 50er, 60er, 70er, 80er, 90er und - äh - "Zeroden" (oder: "Nuller", "Zweitausender") sind vor allem eins: mega-out. Musikliebhaber, deren musikalischer Horizont über statistikoptimierte Heavy-Rotation-Sound hinausreicht, hören inzwischen lieber Webradio. Und das zu Recht, denn über Glasfaserkabel ist es möglich, die weltweite Bandbreite digitaler und terrestrischer Radiosender durch die heimischen Boxen zu blasen.

Das Montrealer WeFunk-Radio zum Beispiel, in dessen Programm sich Funk- und Hip-Hop-Raritäten zu einem souligen Soundteppich mischen. Oder den Bollywood-Pop-Sender IndiaRadio, in dem die Stimmen von hierzulande unbekannten Pop-Sternchen über sitarbetupfte House-Beats belten. Sogar die DJ-Sets von In-Loacations wie der Hamburger Beta-Lounge kann man sich inzwischen als Live-Stream anhören. Und wer will, kann sich auf surfmusic.de/poli.htm zwischendurch den Polizeifunk verschiedener Großstädte reinziehen.

Damit der Zuhörer im grenzenlosen Musik-Äther noch die Übersicht behält, gibt es inzwischen zahlreiche Dienste, die die Webradio-Sender nach verschiedenen Gesichtspunkten ordnen: In Web-Katalogen wie shoutcast.com, live365.com oder radio-locator.com können Nutzer die Online-Radio-Landschaft nach Stil- oder Länderzugehörigkeit durchforsten. Über spezielle Toolbars können die Radio-Player samt der persönlichen Sender-Favoriten direkt in den Browser eingebettet werden.

Die Plattform musicovery.com stellt musikalische Stile und Stimmungen sogar als bunte Landkarten dar, in denen zwischen "himmelhoch jauchzend" und "zu Tode betrübt" herumnavigiert werden kann.

Noch personalisierter sind die sozialen Webradios last.fm und pan dora.com, die dem Hörer aus riesigen Musik-Datenbanken ein individuelles Programm auf den Leib konzipieren: Bei last.fm baut der Nutzer zunächst ein Plugin in seinen bevorzugten Mediaplayer ein, das aus den Songs, die er darüber abspielt, seinen Musikgeschmack errechnet, an dem sich der Radiosender dann orientiert. Für die Plattform Pandora tüftelte das "Music Genome Project" sogar fünf Jahre lang an einem Algorithmus, der jeden Song anhand von mehr als 200 musikalischen Parametern analysiert. Wer auf der Website einen Songtitel oder Interpreten in eine Suchmaske eingibt, startet damit einen Stream, in dem ausschließlich Stücke auftauchen, die der Stil- und Klangfarbe des eingegebenen Begriffs entsprechen - mit etwas Feintuning nahezu 100 Prozent geschmackssicher.

Wer sein Musikprogramm trotzdem lieber selbst zusammenstellt, kann andere User per Player-Plugin mithören lassen. Laptop-DJs, die die Auflege-Software Traktor nutzen, präsentieren ihre Sets über Nicecast (Mac) bzw. Icecast (PC) einem weltweiten Publikum. Ambitionierte User bauen sich auf der Plattform Shoutcast kostenlos einen kompletten Radiosender.

Über Gratis-Software wie Streamripper oder ClipInc lassen sich die Webradios auch aufzeichnen. Die einzelnen Songs werden bereits während der Aufnahme aus dem Soundwust extrahiert und automatisch betitelt. Der User muss hinterher nur noch auswählen, was er behalten will und den Rest löschen. Da das Mitschneiden aus dem Radio nach aktuellen Urheberrecht erlaubt ist, sind die Webradios eine reizvolle legale Alternative zu den illegalen P2P-Tauschbörsen.

Nebenbei wird das Radio aus dem globalen Dorf auch fürs Wohnzimmer immer attraktiver: Neuere Musikanlagen können Online-Sender häufig schon empfangen. Die Produktpalette reicht von der Wireless-Lan-fähigen Boombox bis zu Einzelkomponenten la Audiotron Turtle Beach oder SlimP3. Sie greifen außer auf Webradios auch auf die Festplatte des heimischen PCs zu.

>> Web-Radio Umfangreiche Linkliste unter: www.hamburg-live.de/go/webradio