Hamburg

"Schmückendes Beiwerk": Fettes Brot tritt bei Klimademo auf

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
König Boris, Björn Beton und Dokter Renz (v. l.) gründeten das Hip-Hop-Trio Fettes Brot 1992.

König Boris, Björn Beton und Dokter Renz (v. l.) gründeten das Hip-Hop-Trio Fettes Brot 1992.

Foto: ADD ON MUSIc

Rapper Björn Beton über die Gründe für das Gratiskonzert – und warum Haltung und Unterhaltung für ihn zusammengehören.

Hamburg.  An diesem Freitag demonstriert die „Fridays for Future“-Bewegung rund um das Heiligengeistfeld vor der Bürgerschaftswahl für eine klima- und umweltbewusste Regierung. Und nachdem die Demos in der Vergangenheit bereits von Bands wie Kraftklub und Deichkind unterstützt und mit Auftritten begleitet wurden, geben dieses Mal König Boris, Björn Beton und Dokter Renz vom Hamburger Hip-Hop-Trio Fettes Brot („Nordisch By Nature“) ein Gratiskonzert. Ein aktuelles Abendblatt-Gespräch mit Björn Beton.

Die „Wetterfrau“ auf Ihrem aktuellen Album „Lovestory“ dürfte feststellen, dass der Januar und der Februar bislang viel zu warm gewesen sind. Macht Ihnen das Angst?

Björn Beton: Die Wissenschaftler sagen ja, dass es einen Unterschied zwischen Wetter und Klima gibt. Trotzdem ist es auffällig, wie viele ungewöhnliche Wetterphänomene in den letzten Monaten weltweit beobachtet wurden. Ich habe schon den Eindruck, dass sich da etwas verändert und dass das ernstzunehmende Warnzeichen sind. Das gibt uns zu denken.

Ist das auch Ihre Motivation, an diesem Freitag bei der „Fridays for Future“-Großdemonstration in Hamburg aufzutreten?

Beton: Wir haben verschiedene Gründe. Wir finden, dass es grundsätzlich eine gute Sache ist, sich für die Umwelt einzusetzen. Und „Fridays for Future“ ist eine Jugendbewegung von Schülerinnen und Schülern, das ist außerordentlich bemerkenswert. Wir sind natürlich keine Schüler mehr, aber bei der letzten Großdemo haben wir gesehen, dass Menschen aller Altersklassen mitgemacht haben, und das ist total unterstützenswert.

Was entgegnen Sie den sicher zu erwartenden Kritikern, die Ihren Live-Auftritt für Selbstvermarktung oder das Ausschlachten einer so genannten „Klimahysterie“ halten werden?

Beton: Wir haben ja nicht „Fridays for Future“ gefragt, ob wir da auftreten dürfen, um unser Produkt zu bewerben. Sondern die Organisatoren von „Fridays for Future“ sind auf uns zugekommen und haben gesagt: „Wenn euch unser Anliegen wichtig ist, würden wir uns freuen, wenn ihr bei uns auftretet.“ Wir wollen da nicht unsere Platte verkaufen, sondern wir sind da, weil es uns Spaß macht, vor Leuten zu spielen, mit denen wir uns einig sind, dass wir etwas zur Rettung unserer Umwelt tun müssen. Und ich bin mir auch sicher, dass wir auf dieser Demo nur schmückendes Beiwerk sind. Die Leute kommen da nicht hin, weil sie Fettes Brot hören wollen. Vielleicht kommen ein paar, um Greta Thunberg zu sehen, aber den meisten geht es um die Sache. Und die hat nichts damit zu tun, die Schule zu schwänzen oder einem Lifestyle-Trend zu folgen.

Infos rund um Fridays for Future:

  • Fridays for Future (Kurzform FFF) ist eine globale Bewegung, die von Schülern und Studenten initiiert wird, die sich für einen schnelleren und effizienteren Klimaschutz einsetzen
  • Die Gründerin der Bewegung ist Greta Thunberg. Sie rief Fridays for Future im August 2018 ins Leben
  • Jeden Freitag bestreiken Schüler auf der ganzen Welt den Schulunterricht und gehen für ein besseres Klima auf die Straße
  • In Hamburg ist Luisa Neubauer das Gesicht von Fridays for Future
  • Am 20. September 2019 beteiligten sich in Hamburg mindestens 70.000 Menschen an dem Protest und setzten ein Zeichen für den Klimaschutz

In Umfragen gaben viele Teilnehmer an, dass sie durch „Fridays for Future“ angeregt wurden, ihren Alltag und Lebensstil zu verändern. Gehört Fettes Brot auch dazu? Coldplay will auf Tourneen verzichten, weil Konzertweltreisen noch nicht CO2-neutral gestaltet werden können.

Beton: Ich hoffe doch sehr, dass dieses Thema nicht nur bei uns mehr in das Bewusstsein gelangt ist. Das fängt schon mit kleinen Schritten an, zum Beispiel seit geraumer Zeit mit Pfandbechern bei unseren Konzerten, die man für „Viva con Agua“ spenden kann.

Hip-Hop war ja schon in seiner Gründerzeit kämpferisch, siehe „The Message“ von Grandmaster Flash & The Furious Five oder „Fight The Power“ von Public Enemy. Glauben Sie, dass Umweltthemen zukünftig mehr Einzug in die Reime von Rappern halten werden?

Beton: Es gab immer einen Teil in der Rapszene, der die Welt mit einem kritischen Auge beobachtet hat. Aber genauso gibt es – jetzt vielleicht mehr denn je – einen materialistischen, konsumgeilen Teil. Die Wenigsten fänden es sexy, einen Song gegen den Klimawandel und für den Kohleausstieg zu schreiben. Auf einer Gefühlsebene wird das die Künstler beeinflussen, aber ob sich das in den Texten widerspiegeln wird? Ich wage das zu bezweifeln, dafür ist Hip-Hop doch zu sehr Partymusik.

Fettes Brot hat mit Liedern wie „An Tagen wie diesen“ und ganz besonders mit „Du driftest nach rechts“ politisch eindeutig Stellung bezogen. Im Netz tobten deshalb einige Shitstorms über Sie hinweg. Glauben Sie, dass einige oder viele vermeintlich unpolitische Rapper konkreter werden könnten, aber den erwartbaren Gegenwind fürchten?

Beton: Das weiß ich nicht, und es steht mir irgendwie auch nicht zu, das zu beurteilen. Das muss jeder für sich selber ausmachen, wie viel Politik oder wie viel Haltung in seiner Kunst vermittelt werden soll. Für uns gab es nie einen Gegensatz von Haltung und Unterhaltung, und wir trauen den Leuten auch zu, das beides geht und nicht getrennt werden muss. Aber ich erwarte von keinem Künstler, dass er in seinen Liedern seine politische Meinung eins zu eins äußert. Das muss man auch nicht tun, man kann sich durchaus auch auf subtilere Art zusammenfinden.

Sind unruhige Zeiten voller Ängste und Zweifel für die Popmusik, für Unterhaltung eher hinderlich oder doch inspirierend?

Beton: Ein schlauer Mensch, den ich kenne, hat mal gesagt: Je schlechter die Politik ist, desto besser ist die Kunst. Das ist jetzt sehr vereinfacht, aber da steckt auf jeden Fall etwas Wahres drin.

Wählen in Hamburg: So geht's
Wählen in Hamburg: So geht's

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kultur