Hamburger Theaterfestival

Elfriede Jelinek: Gewaltige Suada ihrer Doppelgängerinnen

| Lesedauer: 4 Minuten
Leicht verwechselbar und doch jede für sich ein Ereignis: Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff und Linn Reusse beim Gastspiel am Thalia in Hamburg.

Leicht verwechselbar und doch jede für sich ein Ereignis: Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff und Linn Reusse beim Gastspiel am Thalia in Hamburg.

Foto: Arno Declair

Am Thalia überzeugte das Gastspiel „Angabe der Person“ mit drei Monologen, aber vier grandiosen Schauspielern.

Hamburg.  Drei gewaltige Monolog-Blöcke. Einer nach dem anderen. Zweieinhalb Stunden ohne Pause. Nahezu keine Spielszenen. Eine fordernde Selbstanalyse. Ja, vermutlich ist „Angabe der Person“, dieser wortmächtige und jüngste Theatertext der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, auf den ersten Blick der sperrigste Beitrag des diesjährigen Hamburger Theaterfestivals.

Will man als Zuschauer/in etwas davon haben, muss man vor allem zuhören. Was sich beim Gastspiel des Deutschen Theaters aus Berlin auf der Bühne des Thalia Theaters als verblüffend einfache Übung herausstellt: Weil Jelinek nicht nur gnadenlos, wild mäandernd und hochgeistig, sondern eben immer wieder auch sehr witzig ist. Und weil der Regisseur Jossi Wieler, der in der kommenden Saison auch ans Schauspielhaus nach Hamburg zurückkehren wird, für die Dreifach-Suada, in die er die anspielungsreichen Jelinek-Textmassen virtuos aufsplittet, ein glänzendes Quartett zur Verfügung hat: Linn Reusse, die demnächst Teil des Schauspielhaus-Ensembles wird, sowie die früheren Thalia-Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff, für die eine Vorstellung am Thalia wohl immer ein Heimspiel sein wird.

Hamburger Theaterfestival: Das Jelinek-Stück ist auch eine Lebensbilanz

Ein lässiges, furchtloses Jelinek-Doppelgängerinnen-Trio, in rötlich-blonden Perücken, weiten schwarzen Hosen, dunkel gemustertem Pullundern (Ausstattung: Anja Rabe) – und ein fast stummer Mann, dessen Präsenz allerdings nicht unterschätzt werden sollte.

Die Person, um deren „Angabe“ es hier mehrdeutig geht, ist die Autorin selbst. Das Stück, das der Regisseur aus der regieanweisungsfreien Materialfülle erst freilegen musste, wie ein Bildhauer sein Werk aus einem rohen Steinblock, ist auch eine Lebensbilanz, es dürfte Jelineks persönlichste Arbeit sein.

Hamburger Theaterfestival: Es geht um Jelineks (selbst)ironische „Leidkultur“

„So“, sagt Linn Reusse, die als erste ran muss, und lässt einen fetten Aktenordner auf den Bühnenboden knallen. „Bauen wir mal meine Lebenslaufbahn.“ Und das Reflektieren über persönliche Traumata, die eigene Familiengeschichte, eine polemisch sezierte Steuerprüfung (die bei der in Wien komplett zurückgezogen lebenden Jelinek tatsächlich stattgefunden hat), über Schuld, Täter, Kleingeistigkeit und deutsche Verbrechen nimmt seinen Lauf. Jelineks erbarmungslose, aber auch (selbst)ironische „Leidkultur“, wie stets untrennbar verwoben mit Nietzsche, Freud, der Bibel.

„Könnte ich bitte noch Nachschlag von mir haben?“, wünscht die Reusse-Jelinek. Und der Nachschlag kommt. Zunächst in Gestalt von Fritzi Haberlandt, die im vermeintlichen Komödientonfall entrüstet die entsetzlichsten Ungeheuerlichkeiten daherplappert. Von Staatsdienern ausgelöschte Verwandte ohne Gräber, von Täternachkommen und Nazi-Profiteuren, die ihr Vermögen nach dem Krieg mühelos wiederbekommen. „Auf Menschen können wir verzichten“ – dieser doppelsinnige Satz fällt später, aber er verlässt einen nicht mehr.

Hamburger Theaterfestival: „Elfie“ lässt die Toten nicht ruhen

Auch Susanne Wolff kokettiert, lockt, immer wieder ihr irritierendes, nur scheinbar verschwörerisches Strahlen, während sie am Klavier von einem Prozess gegen zwei Vergewaltiger berichtet und nebenbei ankündigt, „weiter das Patriarchat fertig machen“ zu wollen.

„Elfie“ lässt die Toten nicht ruhen, aber auch die Lebenden dürfen es sich nicht zu gemütlich machen. Da ist Wut („Ich hasse hasse hasse, ich hasse viel zu viel“) und Masochismus und Ohnmacht und bitterböser Spott.

Und am Ende schaltet der nahezu stumme Mann – der eben kein Statist ist, sondern der famose Bernd Moss, der wie ein Hacker-Faktotum an diversen Bildschirmen die gesamten zweieinhalb Stunden auf der rotierenden Drehbühne gekauert und den Tiraden gelauscht und nur sehr selten, dann aber punktgenau kommentiert hat – seine Geräte aus. Die letzten Worte, mit einem feinen Lächeln an der Rampe serviert, sind besonders grausam: „Da kann man nichts machen.“

Das Hamburger Theaterfestival läuft noch bis zum 15. Juni, „Angabe der Person“ ist noch einmal am 3.6. am Thalia zu Gast. Restkarten unter www.hamburgertheaterfestival.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken