Konzertkritik

Philipp Poisel: Schwache Stimme und respektlose Zwischenrufe

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„Ich hab getanzt, ich hab geweint, ich hab geschrien vor Glück“: Philipp Poisel in der Barclays Arena

„Ich hab getanzt, ich hab geweint, ich hab geschrien vor Glück“: Philipp Poisel in der Barclays Arena

Foto: Michael Rauhe

Ein Abend zum Heulen mit dem schwäbischen Singer-Songwriter und 2500 Fans in der Barclays Arena. Co-Sänger stechen heraus.

Hamburg. Mitgefühl. Anteilnahme. Empathie. Diese drei Regungen sind es, die ein Band zwischen einem Menschen auf der Bühne und einem Menschen davor vielleicht am engsten knüpfen. Und der Ludwigsburger Philipp Poisel versteht es von allen deutschen Vorname-Nachname-Sängern (Tim Bendzko, Wincent Weiss, Max Giesinger ...) am besten, diese Atmosphäre bei seinen Konzerten zu schaffen. So wohl auch für die meisten Fans am Donnerstag in der Barclays Arena.

Wenn die Mark Forsters dieser Welt über unerfüllte Liebe, verpasste Möglichkeiten und letzte Treffen singen, wirkt das bei den Stargesichtern mit ihren Starstimmen etwas überzeichnet bis völlig unglaubwürdig und kalkuliert. Aber wenn Poisel in „Eiserner Steg“ die Zeilen „Ich will einmal noch schlafen, schlafen bei dir. Dir einmal noch nah sein, bevor ich dich für immer verlier’“ seufzt, will man ihn direkt in den Arm nehmen. Er ist kein Posterboy und singt und tanzt auch nicht wie einer, aber er ist absolut authentisch. Herbert Grönemeyer sah wohl etwas in Poisel, als er ihn 2007 entdeckte und auf seinem Grönland-Label unter Vertrag nahm.

Philipp Poisel: Nur 2500 Fans machen es sich in der Arena gemütlich

Mittlerweile hat Poisel zwei Top-Ten- Platten und ein Nummer-eins-Album veröffentlicht, in den vergangenen Jahren mehrfach Stadtpark, Sporthalle und Barclays Arena gefüllt und ist ein etablierter Songschreiber. Aber das Mitgefühl bleibt, gerade vor Konzertbeginn. Kartenkrise und ein zeitgleiches Deutschlandspiel zum Heulen sorgen für eine schmale Kulisse in der bestuhlten Barclays Arena: 2500 Fans machen es sich auf den Sitzen gemütlich. 2017, bei Poisels letztem Auftritt an dieser Stelle kamen über 10.000.

Aber Poisel freut sich über jede und jeden in den lückenhaft geschlossenen Sitzreihen des mit Tüchern künstlich verkleinerten Saals. „Ohne Strandkorb und Auto seht ihr doch am besten aus“, begrüßt er das Publikum mit Rückblick auf zwei Coronajahre. Mit „Halt mich“ kommt er erst allein auf die Bühne und hält inne, um dem Mitsummen der 2500 zu lauschen, bevor die vierköpfige Band mit einsteigt. Sparsamkeit ist im Vergleich zur Show 2017 Gebot auf der Bühne, nur ein großer Lichtkreis und ein paar Scheinwerfer wurden aufgebaut. Die Musik, die Songs „Wunder“, „Keiner kann sagen“ und „Roman“ stehen eindeutig im Vordergrund.

Stimmlich ist Philipp Poisel nicht in Bestform

Das tut dem Konzert nicht immer gut. Wie bereits angemerkt ist Poisel kein begnadeter Sänger, und trotz diverser Strandkorbkonzerte im Jahr 2021 ist er offenbar auch aus der Übung. Noch auffälliger als bei seinen vorherigen Auftritten in Hamburg gehen Silben verloren und werden Worte zernuschelt, und wenn er in die hohen Lagen geht, dreht sich die Stimme wie ein angetrunkener Matrose um die Laterne des richtigen Tons. Der Unterschied zu seiner langjährigen Duettpartnerin Alin Coen oder zum irischen Sänger Chris Breheny alias Moncrieff im Vorprogramm, die Poisel bei einigen Liedern („Augen des Sturms“, „Zu weit“) begleiten, ist beachtlich.

„Wie soll ein Mensch das ertragen“, fragt Poisel und hält Tempo und Lautstärke im gedrosselten Bereich. Die Reaktionen des Publikums sind so gut mitzuerleben. Schwelgen und leises Mitsingen, Applaus, Aufstehen bei „Bis nach Toulouse“. Der Großteil scheint gefangen, ein Herr im Unterrang hingegen führt zwei Stunden lang Selbstgespräche: „Wie lang geht das noch … unerträglich … unglaublich“. Vielleicht schaut er heimlich am Handy den Stream des Deutschlandspiels.

Philipp Poisel: Respektlose Zwischenrufe sorgen kurz für Unruhe

Aber es gibt auch das andere Extrem: „Philipp, erkläre mir die Liebe“, fordern zwei Frauen immer wieder deutlich vernehmbar, um dann den stillsten Moment des Konzerts nicht langsam, sondern schnell sterben zu lassen: „Yippieh-ya-yeh, Schweinebacke“. Kurze Wortgefechte entbrennen in den Reihen, aber Poisel ignoriert das und präsentiert mit „Herr Reimer“ seinen bedrückendsten Song.

„Liebe meines Lebens“, „Erkläre mir die Liebe“, es wird viel geliebt und gelitten, aber über die Zeit drücken einen die Lieder doch arg in den Sitz. Die Schwerkraft deutscher Popromantik lässt die Zeit gefühlt langsamer verstreichen. Spürbar ist die Freude, als die an diesem Abend gut ausgesteuerte Band und ihr Sänger etwas Disco anrühren: „Ich hab getanzt, ich hab geweint, ich hab geschrien vor Glück“, feiert das Publikum den Moment bei „Als gäb’s kein Morgen mehr“. Die Frage „Wo fängt dein Himmel an“ beantwortet sich aber vor den Türen der Arena an der Buskehre. An diesem Abend hat Philipp Poisel einen kalt gelassen.

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