Albumkritik

Stefan Gwildis: „Ich habe mir einfach die Frechheit erlaubt“

| Lesedauer: 5 Minuten
Tino Lange
Frisch verliebt auf Tour: Stefan Gwildis kommt am Sonntag in den Stadtpark.

Frisch verliebt auf Tour: Stefan Gwildis kommt am Sonntag in den Stadtpark.

Foto: Heimat2050. / Heimat2050

„Bunt“ ist Stefan Gwildis’ bestgelauntes Album. Trotzdem macht sich der Entertainer nicht nur beschwingte Gedanken.

Hamburg.  Halleluja, Stefan Gwildis geht es richtig gut. Diesen Eindruck vermittelt zumindest das neue Album „Bunt“ des Hamburger Soulbruders, das mit einem bunten Stilmix gut die zu erwartenden drei Konzertstunden am 11. September im Stadtpark zusammenfasst wie ein Schnelldurchlauf. Disco, Soul, Chanson, Jazz-Walzer, Pop, Saka, Reggae – alles dabei. Und doch rumort es beim Treffen im Hamburger Hafen auch in diesem weit gereisten Entertainer, dem nicht nur der Blick zurück auf die letzten zwei Jahre zu schaffen macht, sondern auch der Blick nach vorn.

Hamburger Abendblatt: „Bunt“ ist nicht nur dem Namen nach Ihr farbenfrohestes, bestgelauntes Album. Wollen Sie damit die Mütter von Mark-Forster-Fans ausspannen?

Stefan Gwildis: Nee, nee, nee! Mit Ausspannen ist im Moment überhaupt nichts zu wollen, weil ich schwer verliebt bin. Ich habe mich vor knapp zwei Jahren unsterblich in eine Lady aus Düsseldorf verknallt, und daher kommt auch mein Strahlen und die Riesenlust auf Musik.

In den vergangenen Jahren haben Sie viel mit Jazz und Klassik-Cross-over ausprobiert und sind in der Elbphilharmonie aufgetreten. Jetzt füllen Sie eine bunte Pop-Tüte. Brauchten Sie einen musikalischen Tapetenwechsel?

Es gibt so viele musikalische Gangarten, die ich tierisch interessant finde. Ich habe es auch ganz selten erlebt, dass ich einem Genre so absolut überhaupt nichts abgewinnen kann. Solange man mit Herz dabei ist, hat alles seinen Stellenwert.

Das Lied „Sand auf Sylt“ fällt sehr auf: Nach der ersten Strophe fragt man sich, ob Ihnen eine Zweitkarriere als Hildegard-Knef-Imitator liegen würde. Der Big-Band-Sound ist das eine, aber auch ihre Stimme ist total Knef.

Sie werden lachen. Ich bin ein riesiger Hilde-Knef-Fan, seit Kindesbeinen. Mein Vater hat immer Soul und Jazz gehört und meine Mutter Hildegard Knef. Großartig. Ich liebe ihren Erzählstil, ihren Ausdruck, ihre Phrasierung. Und manches Mal, wenn wir Songs im Studio einsingen, frage ich mich: Wie hätte Hildegard es gemacht? Sie ist der Gradmesser – und eine der wenigen Künstlerinnen, die ich um ein Autogramm gebeten habe, 1993 im Schmidt Theater, wo sie mit Extrabreit auftrat. Sie kam in dieses Haus, und die Leute sind erstarrt. Corny Littmann fiel sogar vom Stuhl, so von der Rolle war der.

Ihre neuen Lieder wie „Bunt“, „Maakellos“ oder „Die Stimmen der Zukunft“ setzten sich sehr für Weltoffenheit, Gleichberechtigung, Toleranz und Inklusion ein. Aber welche Bedeutung haben solche Songs, wenn Stimmen aus der Vergangenheit dröhnend lärmen?

Definierst du dich über das Haben, oder definierst du dich über das Sein? Das steckt in allen diesen Geschichten drin: Welchen Weg willst du gehen? Ich sehe zum Beispiel die große Gefahr stärker werdender rechtsextremer Parteien in Europa. Aber was begünstigt das? Irgendwelche Pissnelken in der Politik, die plötzlich ihr Handy verlieren oder sich nicht erinnern können, wo sie gerade wieder abkassiert haben. Haben, haben, haben. Wie kann man nur so blöd sein? Das ist Gift für die Demokratie.


Darf ein – ich bitte um Verzeihung – alter weißer Mann wie Sie überhaupt einen Reggae-Song wie „Metamorphosen“ aufnehmen?

Aha, kulturelle Aneignung. Natürlich darf man das nicht, aber ich habe mir einfach mal die Frechheit erlaubt. Vielfalt ist eine Macht, dafür stehe ich. In meiner Band sind Frauen und Männer aus New Jersey, aus Südamerika, aus Afrika, aus Japan, aus Russland. Soll ich die jetzt verabschieden und nur noch Marschmusik spielen? Hey, ich weiß, dass es in diesem Land viele Menschen gibt, denen ein strammer Marsch reichen würde. Aber nicht mit uns, Leute.

Apropos große Band: Vielen Künstlerinnen und Künstlern unterhalb der Pop-Champions-League fällt es schwer, derzeit ein Publikum zu finden, wie sieht es bei Ihnen aus vor dem traditionellen Stadtpark am 11. September?

Absolut. Wir knabbern da auch dran. Ich höre auch von vielen, die ihre seit 2018 geplanten und dann verschobenen Tourneen absagen und den Leuten ihr Geld zurückgeben, weil sich seit der Ansetzung der Konzerte die Kalkulationen und die Umstände komplett auf den Kopf gestellt haben. Tausend Leute bei einem Herbie Hancock? Das ist echt nicht berauschend. Aber wir haben ja zwei Jahre gehört, wie gefährlich alles ist, und in der Zeit haben sich Kauf-, Hör- und Freizeitgewohnheiten geändert.

Im Stadtpark gibt es trotzdem das komplette Gwildis-Paket, das fette Besteck?

Aber hallo. Es gibt eine Riesenband mit Gebläse, mit Streichquartett, mit vielen Gästen wie meinem Album-Gast Nelson Müller und die Inklusionsband Bitte Lächeln – das wird ein dreistündiges Programm werden. Noch einmal alles Mitnehmen sozusagen. Denn das wird noch ein interessanter Herbst.

Konzert So 11.9., 16.00, Stadtpark (S Alte Wöhr), Saarlandstraße 71, Karten zu 49,50 im Vorverkauf; www.stefangwildis.org

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