Komödie Winterhude

Wenn der Regisseur mal richtig auf die Sahne haut

| Lesedauer: 6 Minuten
Stefan Reckziegel
Ein Abendessen mit Streitereien: Martin Armknecht, Timothy Peach, Mia Geese und Nicola Tiggeler (v.l.) in „Die Kehrseite der Medaille“.

Ein Abendessen mit Streitereien: Martin Armknecht, Timothy Peach, Mia Geese und Nicola Tiggeler (v.l.) in „Die Kehrseite der Medaille“.

Foto: Dietrich Dettmann

Florian Zellers „Die Kehrseite der Medaille“ feiert in der Komödie Winterhude Premiere. Eine Gesellschaftskomödie in neuer Verpackung.

Hamburg.  Der Schriftsteller Florian Zeller (43) ist mit seinen Stücken seit Jahren einer der meistaufgeführten zeitgenössischen französischen Romanciers und Dramatiker. 2020 brachte der Pariser Autor als Regisseur seinen ersten Spielfilm heraus: Für das Drehbuch seiner Kinoadaption „The Father“ (mit Sir Anthony Hopkins) nach seinem Theaterstück „Der Vater“ erhielt er im Vorjahr in Los Angeles sogar den Oscar.

Schon zuvor war die Theater-Gemeinde hierzulande auf Zeller aufmerksam geworden: Seit das St. Pauli Theater 2011 sein Stück „Die Wahrheit“ als deutschsprachige Erstaufführung gezeigt hat, folgten dort weitere Premieren, etwa von „Der Sohn“ „Die Neue“, „Eine Stunde Ruhe“ sowie „Der Vater“. Der Vielschreiber Zeller steht eben nicht für französischen Esprit, sondern auch für oft intelligente Unterhaltung.

„Die Kehrseite der Medaille“ in der Komödie Winterhuder Fährhaus

Von seinem Stück „L’Envers du Décor“ existieren gleich zwei deutsche Titelfassungen. Was dazu führt, dass diese Gesellschaftskomödie nach der Premiere von „Hinter der Fassade“ 2016 im St. Pauli Theater (mit dem häufigen Zeller-Protagonisten Herbert Knaup) fortan in der wörtlichen Übersetzung „Die Kehrseite der Medaille“ fünf Wochen lang in der Komödie Winterhuder Fährhaus spielt.

Dabei sind die Stück-Übersetzer mit den bewährten Annette und Paul Bäcker identisch, ergo weitgehend der Inhalt. Den Protagonisten Daniel gibt in der Winterhuder Co-Produktion mit dem Euro-Studio Landgraf hier Timothy Peach. Als Verlagslektor führt er seit mehr als 20 Jahren eine Ehe mit Isabelle (Nicola Tiggeler), einer Dozentin für Geschichte und wie sich alsbald zeigt der Chefin im Haus. Als er zufällig seinen alten Kumpel Patrick (Martin Armknecht) wiedertrifft und diesen spontan zum Essen bei ihm und Isabelle einlädt, bring sich Daniel selbst in Kalamitäten. Denn Freund Patrick hat sich wegen einer Jüngeren von seiner Frau getrennt – Isabelles bester Freundin. Und die „neue Tussi“ soll ihr möglichst nicht ins Haus kommen. Daniel druckst herum und windet sich wie ein Aal.

Das Spiel um ein eigentlich nicht gravierendes Problem ist nur der Ausgangspunkt dieser Komödie, für die Autor Zeller ein klassischen Theaterstilmittel vorgesehen hat: das A-part-Sprechen. Immer wieder sagt die Bühnenfigur etwas, das ihr Dialogpartner nicht hört, wohl aber das Publikum. Timothy Peachs Daniel macht davon als Erstes und am meisten Gebrauch. Während die anderen Charaktere bewegungslos „einfrieren“ und in ihren Posen verharren, drückt er seine Gedanken in Selbstgesprächen aus oder spielt seine Träume durch, auf der Bühne visualisiert durch Lichtwechsel.

Publikum goutiert Slapstick-Nummer mit Szenenbeifall

Die Musikfarbe hat von der anfänglichen „Schicksalssinfonie“ a la Beethoven längst zu Andrea Bergs „Du hast mich tausendmal belogen“ im heimischen Wohnzimmer gewechselt. Und natürlich beneidet Daniel seinen Kumpel um dessen mehr als 20 Jahre jüngere neue Freundin namens Emma. Er steigert sich in eine wilde Liebelei mit ihr hinein, obwohl er weiß: „Ich bin 55, fühle mich wie 75 und benehme mich wie 15.“ Da ist der Schritt von „Gepflegt aussehen“ zu „Gepflegt werden“ nicht mehr weit.

Trotz solcher Bonmots und der üblichen zellerschen Dialogstärke dieses Konversationsstücks haut Regisseur Pascal Breuer im zweiten Teil noch mal boulevardmäßig auf die Sahne – und das im wahrsten Sinn des Wortes. Als Hobbykoch Daniel mit Schürze beim Zubereiten von Windbeuteln übers Ziel hinausschießt, kriegt nicht nur seine Hose weiße Flecken, auch Emmas schönes kurzes Kleidchen ist beschmiert. Das Premieren-Publikum goutiert diese Slapstick-Nummer mit Szenenbeifall.

Möchtegern-Lover und Noch-Lover machen sich zum Affen

Mia Geese jedoch legt spätestens mit dem Kleiderwechsel von Grün zu Rot – einer großzügigen Leihgabe von Hausherrin Isabelle – die Rolle des blonden Dummchens Emma ab. Mit dem Frage-Antwort-Spiel „Worauf stehen Männer am meisten bei Frauen? Auf dem Schlauch!“, lässt sie als Letzte der vier Beteiligten ihrem Gedanken-Spiel freien Lauf.

Dass sich erst Möchtegern-Lover Daniel alias Peach und danach Armknecht als Emmas Noch-Lover Patrick zum Affen machen, indem sie wie Gorillas auf den Sofas hüpfen, ist ein weiteres Stilmittel, das komödiantisch zündet. Doch auch ein paar Tanz- und Musikeinlagen für Daniel mit einer Luftgitarren-Nummer zu AC/DC täuschen nicht darüber hinweg, dass hier einer in der Midlife-Crisis steckt Die Lüge ist Teil seines Wesens, hier dramaturgisch eher eingesetzt als Zeichen von Schwäche denn von Boshaftigkeit. Timothy Peach nimmt man das bei seinem einfühlsamen Spiel im Laufe des Abends durchaus ab.

Probleme mit dem Älterwerden. Loyalität unter Freunden, Ehe-Routine und Alltagsfrust, all das behandelt Florian Zeller in „Die Kehrseite der Medaille“. Der Small Talk und das Nicht-auf-den-Punkt-Kommen sind die Fassade, hinter der sich das Quartett in diesem Stück der zwei Sprach- und Spielebenen verbirgt. Im Mittelpunkt der teils etwas zu klischeebehafteten Komödie steht letztlich Isabelle, die Nicola Tiggeler als Frau mit Durchblick und Weitsicht feine Facetten gibt. Auch im wahren Leben ist sie übrigens seit fast 25 Jahren Peachs Ehefrau.

„Die Kehrseite der Medaille“ wieder Di 16.8., 19.30, bis 18.9. (täglich außer Mo)., Komödie Winterhuder Fährhaus (U Hudtwalckerstraße), Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 24,- bis 48,50, unter T. 48 06 80 80; www.komoedie-hamburg.de

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