Stadtpark-Konzert

Gregory Porter singt bewegend – und Hunderte kommen nicht

| Lesedauer: 6 Minuten
Heinrich Oehmsen
Ein Mann wie ein Baum, gesegnet mit einer Samtstimme: Gregory Porter (50) bei seinem Konzert auf der Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark.

Ein Mann wie ein Baum, gesegnet mit einer Samtstimme: Gregory Porter (50) bei seinem Konzert auf der Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Das Konzert des großartigen Jazz- und Soul-Sängers war ausverkauft, doch viele Fans ließen Tickets verfallen. Sie haben etwas verpasst.

Hamburg. „I missed you“, sagt Gregory Porter. Und der kurze Satz des Jazzsängers ist keine Floskel, denn Porter lebt seine Musik auf der Bühne. Er braucht das Publikum, doch zwei Jahre lang konnte er keine Konzerte geben. Sein Auftritt im Hamburger Stadtpark sollte im Juli 2020 stattfinden, wurde dann coronabedingt auf 2021 verschoben und ein weiteres Jahr später ist Porter endlich wieder da.

Mehr als 4000 Karten wurden verkauft, aber die Fans im Stadtpark-Rund stehen nicht dichtgedrängt. Einige Hundert Ticketkäufer haben ihre Eintrittskarten verfallen lassen, sehr zum Erstaunen von Konzertveranstalter Karsten Jahnke. „Eine Erklärung dafür habe ich nicht“, sagt Jahnke. Schon bei Jamie Cullums Auftritt vor einigen Wochen blieben 900 Karten ungenutzt.

Gregory Porter lobt die Hamburger bei Regenwetter

Porter ist das egal, er freut sich über jeden, der sich trotz Gewitters und Starkregens am frühen Abend aufgemacht hat. „Wenn in Amerika nur ein Tropfen fällt, rennen die Leute schon weg. Ihr seid zum Glück anders.“ Die dunklen Wolken haben sich inzwischen verzogen, im Konzertverlauf bleibt es trocken.

Im Dreiteiler mit hellem Jackett und dunkler Hose und mit der Ballonmütze, die zu seinem Markenzeichen geworden ist, kommt Porter kurz nach seiner Band auf die Bühne. Ein Hüne, der am College Football gespielt hat, und dessen samtener Bariton so gar nicht zu dem harten körperlichen Spiel passt. Aber der Traum vom Profisportler liegt lange hinter ihm. Porter ist jetzt 50 Jahre alt und hat als Sänger Weltruhm erlangt, seit er vor zwölf Jahren mit „Water“ wie aus dem Nichts in der Jazz-Szene auftauchte.

Gregory Porter singt Klassiker von Marvin Gaye

Sein Hamburger Konzert beginnt er mit der Ballade „If Love Is Overrated“ vom aktuellen Album „All Rise“ und man fragt sich, ob diese intime Musik in dem großen Areal des Stadtparks funktionieren kann. Doch bereits mit der nächsten schnelleren Nummer „On My Way To Harlem“ hat Porter das Publikum hinter sich und seine Band erreicht sehr schnell Betriebstemperatur. Am Ende des Songs zitiert er Marvin Gayes Klassiker „What’s Going On“ und macht deutlich, in welcher Tradition schwarzer Sänger er sich sieht.

Das wird später bei einer mehr als zehnminütigen Version von „Musical Genocide“ noch klarer. „Musikalischer Völkermord“ ist ein krasser Begriff. Porter benutzt ihn, um auszudrücken, dass er Teil einer afroamerikanischen Musikkultur ist, die sich nicht unterdrücken und wegwischen lässt.

„Gib mir einen Blues und ich sage dir, was in der Welt falsch läuft. Der Gospelsänger verkündet die Botschaft der Liebe und der Soul Man singt von Liebe und Leid“, heißt es darin. Gregory Porter ist selber so ein Soul Man, der Jazz, Gospel, Blues und Soul in seinen Liedern verschmilzt. Er erwähnt Vorbilder wie Nat King Cole, James Brown und Marvin Gaye, er zitiert Stevie Wonders „You Are The Sunshine Of My Life“ und Sam Cookes Bürgerrechts-Hymne „A Change Is Gonna Come“.

Gregory Porter widmet Lied seinem Bruder

Porter predigt Liebe und Respekt. Dass Hautfarbe und Rassismus immer noch ein Problem für viele Afroamerikaner sind, umschreibt Porter im anschließenden „Mr. Holland“. Der Song ist Ausdruck der vielen rassistischen Herabsetzungen, die er am eigenen Leib erfahren hat. Doch Porter ist klug und skizziert „Mr. Holland“ als aufgeschlossene Figur, die Tochter Rosie mit einem schwarzen Jungen spielen lässt.

Ein besonderer Moment an diesem Abend ist die Ballade „No Love Dying“. Porter widmet das Lied seinem Bruder, der vor ein paar Monaten an Corona gestorben ist, und er erzählt dem Publikum im Stadtpark ausführlich, wie ihm der Bruder bei Liebeskummer und anderen alltäglichen Problemen geholfen hat. Tivon Pennicott unterstützt ihn mit einem einfühlsamen Saxofon-Solo, die Orgel von Omdrej Pivec schafft eine sakrale Basis für den Song.

Gregory Porter kann sich glücklich schätzen, diese Band zu haben, denn jeder der fünf Musiker ist ein Könner, ihr Spiel ist perfekt aufeinander abgestimmt, immer wieder bekommt jeder die Möglichkeit, auch als Solist zu glänzen wie zum Beispiel Schlagzeuger Emanuel Harrold in dem sich zunehmend steigernden „Liquid Spirit“. Mit Chip Crawford hat Porter einen Pianisten an seiner Seite, der ihn von Beginn seiner Karriere an begleitet. Sehr berührend klingt ihr Duett bei „Water Under Bridges“.

Bassisten bilden zwar das rhythmische Rückgrat, können aber selten mit langen Soli zeigen, was sie draufhaben. Auch da unterscheidet Porter sich von anderen. Jahmal Nichols bekommt von seinem Bandleader viel Raum und nutzt diesen für eine solistische Glanzleistung. Nichols’ Solo geht über in ein Cover der Temptations-Hits „My Girl“ und „Papa Was A Rolling Stone“, begeistert von den Fans beklatscht.

Das Hamburger Publikum liebt Gregory Porter

Das Hamburger Publikum liebt Gregory Porter, seit er hier 2011 beim Elbjazz-Festival zum ersten Mal vor einem größeren Publikum aufgetreten ist. Bei den Balladen hängt es an seinen Lippen, bei den Uptempo-Nummern lässt es sich nicht lange bitten und klatscht die Rhythmen begeistert mit. Im Stadtpark ist die Reaktion so euphorisch, dass Porter für zwei Zugaben zurück auf die Bühne kommt. Mit „You Can Join My Band“ und „Our Love“ endet das Konzert nach fast zwei Stunden.

Gregory Porter hat sein Publikum wieder einmal reich beschenkt: mit großer Musikalität und mit viel Gefühl. Dieser Mann hat Seele.

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