Ausstellung in Hamburg

Im Kunstverein sind die 80er-Jahre noch gar nicht vorbei

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Falk Schreiber
„Made In Hollywood“ ist aktuell im Kunstverein zu sehen.

„Made In Hollywood“ ist aktuell im Kunstverein zu sehen.

Foto: Courtesy of Bruce Yonemoto and Electronic Arts Intermix (EAI) New York

Milan Ther, der neue Direktor des Hauses, hat seine erste Hamburger Ausstellung kuratiert – mit Werken von Norman und Bruce Yonemoto.

Hamburg.  Der Cowboy verliebt sich in die Stabhochspringerin. Der Muskelprotz hackt Holz, die Schönheit himmelt ihn an, bald ist ein Kind da. Doch dann macht sie Karriere im Sport, entschwebt per Flugzeug in einen blauen Technicolor-Himmel, und der kernige Typ versteht die Welt nicht mehr.

Der 1984 entstandene Film „Vault“ von Norman und Bruce Yonemoto ist eine auf elf Minuten komprimierte Seifenoper, voll schwelgerischer Geigen, kunsthistorischer Verweise und psychosozialer Verstörungen, aber es ist gleichzeitig auch vollkommen ernst gemeinte Melodramatik im perfekt nachgestellten 80er-Hollywood, bei der fragile Männlichkeit, Sadomasochismus und häusliche Gewalt nur den Subtext bilden für einen durchaus unterhaltenden kleinen Spielfilm.

Im Kunstverein sind die 80er-Jahre noch gar nicht vorbei

„Vault“ ist Teil der Ausstellung „Mirror Of Desire“, mit der der Hamburger Kunstverein das Frühwerk der Yonemoto-Brüder erstmals als institutionelle Einzelausstellung in Deutschland präsentiert. Der 2014 68-jährig gestorbene Norman war Teil der Filmindustrie, der heute 73-jährige Bruce kommt aus dem Kunstkontext – und als letzterer in den 80ern eine Ästhetik zwischen Camp, Entertainment und forcierter Künstlichkeit entwickelte, habe er eine Sehnsucht gehabt, seine Arbeit mehr nach Hollywood aussehen zu lassen. Weswegen es praktisch war, dass Norman einerseits unglücklich war mit den Zwängen und Konventionen der Studioarbeit, gleichzeitig aber den logistisch-technischen Background mitbrachte, um perfekte Kunstversionen der Filmästhetik herzustellen.

Wobei das im Kunstkontext damals gar nicht gerne gesehen war, erzählt Bruce: „Die Experimentalfilmer mochten uns nicht. Wir erzählten Geschichten, wir zeigten schöne Bilder.“ Bis heute wurden die Yonemotos vor allem im Kino-Kontext wahrgenommen, auch große Retrospektiven im Museum of Modern Art etwa zeigten die Brüder vor allem als Filmemacher, nicht als bildende Künstler.

Das ist im Kunstverein anders. Der neue Direktor Milan Ther hat für seine erste selbst kuratierte Ausstellung in Hamburg eine ungewöhnliche Architektur entwickelt: Im Eingangsbereich wird man von einem Zusammenschnitt neonbunter Musikszenen überrollt, ein paar Schritte weiter kann man auf mehreren Bildschirmen das Archiv der Brüder durchforschen, um schließlich in einen stilisierten Kinosaal einzutreten, in dem man die Filme als Endlosloop sieht. Bemerkenswert daran: Es gibt weder künstliches noch natürliches Licht, einzige Lichtquellen sind die Leinwände und Bildschirme, die in den Saal abstrahlen. Das Ergebnis ist eine absolute Konzentration auf das Spiel mit Bildern, Verweisen und Kontexten.

Es macht Spaß, sich in die hier gezeigten Bilder fallen zu lassen

Nach dem Tod Normans habe sich Bruce’ Ästhetik verändert, erzählt dieser, mittlerweile arbeite er viel stärker installativ. Diese Entwicklung zeichnet „Mirror Of Desire“ nicht mehr nach, sie bleibt bei den campy-melodramatischen Filmarbeiten. Was die Ausstellung auf der einen Seite locker konsumierbar macht: Jenseits der kunsthistorischen Aufladung macht es auch großen Spaß, sich in die dargestellten Bilder fallen zu lassen oder sich vor der übertriebenen Künstlichkeit der 80er-Ästhetik zu gruseln. Auf der anderen Seite ist die Schau so auch ganz klar historisch: Präsentiert wird eine künstlerische Entwicklung, die abgeschlossen ist, und dass Kunstvereins-Chef Ther so etwas als erste eigene Ausstellung an einem explizit aufs Zeitgenössische spezialisierten Haus zeigt, ist auch ein Statement.

Gleichwohl: Indem er mit Donald Trump eine Figur nennt, die pars pro toto für diese Welt der 80er steht, für bunte Farben, forcierte Künstlichkeit und seltsam verschobene Männlichkeit, schlägt Ther die Brücke zum Zeitgenossentum. Womöglich sind die 80er noch gar nicht vorbei, und wenn man sich die Yonemoto-Kunst anschaut, weiß man gar nicht, ob das eine positive Erkenntnis ist.

„Mirror Of Desire“ bis 2.10., Di-So, 12.00-18.00, Kunstverein, Klosterwall 23,

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