Schauspielhaus Hamburg

Moretti – ganz große Kunst in „Geschlossene Gesellschaft“

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Tobias Moretti mit Regina Fritsch (l.) und Dörte Lyssewski in Martin Kušejs Inszenierung von Jean-Paul Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ am Wiener Burgtheater.

Tobias Moretti mit Regina Fritsch (l.) und Dörte Lyssewski in Martin Kušejs Inszenierung von Jean-Paul Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ am Wiener Burgtheater.

Foto: Matthias Horn

Inszenierung vom Wiener Burgtheater setzt im Schauspielhaus einen eindringlichen Schlusspunkt beim Hamburger Theater Festival.

Hamburg. Eine unüberwindliche Mauer, ein Buffet ohne Speisen, eine Klingel, die einen ironischen Diener herbeiruft – allerdings funktioniert sie nicht immer. Martin Zehetgrubers Bühnenbild für die Sartre-Hölle ist sozusagen feuerfest. Ein Kiesweg durchzieht sie. Das sei ja wie auf einem Friedhof, erregt sich der Journalist Garcin (Tobias Moretti).

Martin Kušejs unerbittlich-konzentrierte Inszenierung „Geschlossene Gesellschaft“ vom Wiener Burgtheater setzt im Schauspielhaus einen eindringlichen Schlusspunkt beim diesjährigen Hamburger Theater Festival, das ab der Halbzeit immer mehr Fahrt aufnahm und für gut gefüllte Säle sorgte. Kušej war außerdem mit seiner grandiosen „Maria Stuart“ gleich zweifach vertreten.

Tobias Moretti glänzt in „Geschlossene Gesellschaft“

In „Geschlossene Gesellschaft“ glänzen drei Schauspielgrößen. Morettis Garcin ist ein Charmeur, der als Verräter von einem Erschießungskommando durchsiebt wurde. In der Hölle landete er allerdings, weil er seine Frau misshandelt hat. Zu ihm gesellt sich die lesbische Postbeamtin Inès (mit düsterer Expressivität: Dörte Lyssewski), die den erweiterten Selbstmord ihrer Geliebten nicht überlebte.

Als letzte stößt Estelle (Verführerisch: Regina Fritsch) zu der Runde. Sie starb an einer Lungenentzündung und offenbart sich als Kindsmörderin. Alle drei sind sie nun auf der Suche nach ihrem Folterknecht. In der Hölle braucht man nichts mehr, also konzentrieren sie sich auf die noch wache Libido, die Kušejs sehr körperlich und vital inszeniert.

„Geschlossene Gesellschaft“ – ganz große Schauspielkunst

Inès begehrt Estelle, die jedoch Garcin umgarnt, der wiederum Inès‘ Nähe sucht. Am Ende erkennen sie, einander mit Worten und Gesten quälend, dass der Sartre-Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ auch für diese Runde gilt. Erbittert ringt das Trio um das Wahren der eigenen Lebenslügen, wagt eine kurze Rebellion, um sich schließlich – garniert von Christoph Lusers süffisantem Diener – der Resignation zu ergeben. Ganz große Schauspielkunst.

Geschlossene Gesellschaft“ 4.6., 19 Uhr, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg, Kirchenallee 39, Restkarten unter T. 24 87 13; www.hamburgertheaterfestival.de

( asti )

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