Theaterkritik

Ein Theaterstück über die Gier mit den Medikamenten

| Lesedauer: 3 Minuten
„Die Krebsmafia“ beleuchtet mit vielen Fakten die Korruption im Gesundheitswesen.

„Die Krebsmafia“ beleuchtet mit vielen Fakten die Korruption im Gesundheitswesen.

Foto: Felix L.Salazar

Premiere in Hamburg: „Die Krebsmafia“ ist ein Doku-Drama über Korruption im Gesundheitsgeschäft. Funktioniert das auf der Theaterbühne?

Hamburg. Wie in einem Wartezimmer sitzen die Zuschauer aufgereiht auf der Bühne des Lichthof Theaters. Inklusive Wasserspender. Klar, niemand geht gerne zum Arzt. Da wartet man dann meist mit einem mulmigen Gefühl und starrt auf die vernachlässigte Pflanzendekoration. Doch bei Regisseur Helge Schmidt und seinem Team aus Jona Anders, Günter Schaupp und Laura Uhlig sowie dem Musiker Frieder Hepting wähnt man sich zunächst noch in einer munteren TV-Show. Silbernes Lametta fliegt.

Die drei Performenden präsentieren sich gut gelaunt. Dann wird es ernst. „Wo Leid ist, da ist auch – Geld“, sagt Laura Uhlig in der Rolle der Ärztin. Helge Schmidt hatte vor einigen Jahren einen sensationellen Durchbruch mit „Cum-Ex Papers – Eine Recherche zum entfesselten Finanzwesen“, die 2019 den Faust-Preis erhielt. Schon damals hat er mit dem investigativen Journalisten Oliver Schröm kollaboriert. Schröm taucht auch hier wieder auf dem Bildschirm auf. Ausgehend von einer Geschichte im Magazin „Stern“ geriet er gemeinsam mit Niklas Schenck auf die Spur von Korruption im Gesundheitswesen.

Theaterkritik: 3,2 Milliarden Euro „Pharma-Gold“

Eine Krebsdiagnose zieht in der Regel eine aufwendige Chemotherapie nach sich. Die Mittel sind teuer, ihre Zusammenstellung komplex. Nur rund 250 Apotheken vertreiben sie und geben sie auf Basis von Rezepten aus, die wiederum Ärzte ausstellen. Apotheken schmieren Ärzte, um künftig die Rezepte zu erhalten. Ärzte gründen schließlich im großen Stil Medizinische Versorgungszentren (MVZs), innerhalb deren die Gewinne ins Uferlose wachsen. 3,2 Milliarden Euro „Pharma-Gold“ im Jahr. Die Patienten bleiben dabei allerdings oft auf der Strecke. Mal bekommt einer eine unnötige Chemotheraphie, mal wird gepanscht und gestreckt.

Die Laune wird nicht besser, je mehr Details dieses Skandals das Team mit beißender Ironie vor Augen führt. Der Abend basiert auf scheinbar leichtfüßig vermittelter, gleichwohl schwerwiegender Information. Weitere Experten, wie der ehemalige Apotheker Franz Stadler, kommen per Bildschirm zu Wort. Das Spiel huldigt dabei einem Minimalismus, der sich auf Sprache, Begegnung und Projektionen auf einen langen Praxis-Vorhang konzentriert. Eingerahmt von den schönen melancholischen Songs – etwa über die Nebenwirkungen von Kaviar-Genuss –, die Frieder Hepting am E-Piano singt. Trotzdem bleibt man atemlos dran an diesem Recherche-Stück.

Theaterkritik: Der Skandal ist systemimmanent

Die präsentierten Fakten sind gewaltig. Die Relevanz ist für jedermann eindeutig. Schließlich gibt es 500.000 neue Krebs-Fälle jedes Jahr. Immer wieder bricht Helge Schmidt die Zahlen und Ereignisse gekonnt herunter auf Einzelfälle. Auch auf poetische Sätze inzwischen Verstorbener wie Wolfgang Herrndorf und Christoph Schlingensief. Das von Gier getriebene Spiel mit der Krankheit ist perfide. Die Aufklärung schafft neue Verunsicherung.

Die bittere Erkenntnis aber, die Schmidt mit seinem spielfreudigen Team aufzeigt lautet: der Skandal ist systemimmanent. Das zeigt sich, wenn der Abend den Blick auf das verheerende Spiel mit Patenten und Generika zur Hochzeit der HIV-Epidemie in Afrika weitet. Wir leben in einer Gesundheitswirtschaft, in der die Krankheit längst eine begehrte Ware darstellt.

( asti )

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