Premieren-Kritik

„Revolution“ schnurrt im Schauspielhaus zum Witz zusammen

| Lesedauer: 6 Minuten
Maike Schiller
Szene aus „Revolution“ im Deutschen Schauspielhaus mit Yorck Dippe, Markus John, Paul Herwig, Daniel Hoevels (v.l.).

Szene aus „Revolution“ im Deutschen Schauspielhaus mit Yorck Dippe, Markus John, Paul Herwig, Daniel Hoevels (v.l.).

Foto: Maris Eufinger

Dauer-Leichtigkeit ist in sich stimmig, und das Ensemble macht seine Sache einwandfrei. Eine wichtige Ebene fehlt bei der Uraufführung.

Hamburg. „Ukraina!“ Keine fünf Minuten dauert es, da ruft die Schauspielerin Sandra Gerling herausfordernd den ohnehin offensichtlichen Gegenwartsbezug in den Raum. Eben noch hatte sie im Parkett gesessen, als sei auch sie nur unbeteiligte Beobachterin, nun soll sie als Kellnerin Olja die Geschichte ihres einstigen Geliebten (mit)erzählen.

„Ukraina!“ Gefolgt von Schwärmereien für ihren Freund, den zunächst unbeholfen-verkopften Architekturhistoriker Michail („Architektursemiotiker“, korrigiert er sie beiläufig), und einer fast schon routinierten Stichelei gegen beider Wohnort Moskau. Dieser Snobismus! Diese Stalin-Bauten! Diese peinliche Vorliebe für gefälschte Markenartikel, diese „zehn Millionen völlig gleichgültigen Menschen“!

„Revolution“ im Deutschen Schauspielhaus

Eine „Revolution“, wie die Uraufführung des gleichnamigen Romans von Viktor Martinowitsch am Deutschen Schauspielhaus zu versprechen scheint, ist hier eher nicht zu erwarten. Auch wenn der belarussische Schriftsteller seine Leserinnen und Leser eine ganze Weile erfolgreich in die Irre führt – und mit ihm der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek sein Theaterpublikum.

Denn dieser Michail, den Daniel Hoevels mehr als drei Stunden lang um sein Leben und dessen Deutungshoheit quatschen lässt, nachdem er in die Fänge einer mafiösen Geheimgesellschaft gerät, ist doch einer von den Guten. Oder? Ein harmloser Intellektueller, der sich nach einem (hier übrigens ziemlich originell) herbeigeführten Autounfall unfreiwillig immer tiefer in finstere Abhängigkeiten verstrickt.

Einer, der sich gegen die aufgepumpten Clan-Kerle – keine „Organisation“, nur ein moralisch rustikaler „Freundeskreis“ – anfangs noch mit der Feststellung „Ich hab eine Haftpflichtversicherung!“ zu wehren versucht. Der sich aus Angst unterwirft und nun ausführlich die Beichte ablegt. Bis beim Betrachter langsam die Erkenntnis einsickert, dass, wer beichten will, nach Vergebung suchen müsste. Und nicht nach eigener Macht.

Wladimir Putin stand Pate für den Paten in „Revolution“

Wobei Macht keinesfalls mit Politik zu verwechseln sei, doziert Batja, skurril-gefährlicher Vorsitzender des skrupellosen Untergrund-Bündnisses, für dessen Figur ihrem Schöpfer Martinowitsch tatsächlich Putin Pate stand. „Da sitzt dieser Opa, dem früher einmal das ganze Land gehörte. Und jetzt will der Opa das ganze Land wiederhaben“, heißt es in der Romanvorlage.

Nicht die „kalorienarme Machtbrühe, mit der sie euch im Fernsehen abspeisen“, sei erstrebenswert, nicht die „öffentliche Unterhaltungsversion von Macht“. Sondern Geld. Richtig viel, oligarchenmäßig viel Geld. Und: Einschüchterungsmasse. „Wer über Wissen verfügt, verfügt über Menschen“, erklärt Batja maliziös. Warum sollte jemand den „Drops im Papierchen lutschen“, wenn er „ die ganze Bonbonfabrik kontrollieren“ kann?

Dieser Russe ist keiner, der bloß Birken liebt – auch wenn Ernst Stötzner seinen Batja als souverän wunderlichen Alten im Designer-Jogginganzug spielt (Kostüme: Kamila Polívková). Dessen Bedrohlichkeit und Niedertracht speist sich vor allem aus der Erwartungshaltung seines Umfeldes (alte Theaterregel: den König spielen immer die anderen), seine bärtigen Muskel-Genossen (Markus John, Paul Herwig und Yorck Dippe) übernehmen die vulgäre Drecksarbeit.

In „Revolution“ spritzen großzügig Kunstblut, Milch und Wodka

Wobei sie fortwährend offen lassen, wie ernst es ihnen damit ist: Die flugs zur Punkfrisur umgeschobenen Bartflusen am Gummiband, die übertriebenen Schulterpolster, die Ironie, die musikalische Kommentierung – die haben doch zu viel Tarantino intus, die wollen doch nur spielen?

Großzügig spritzen Kunstblut, Milch und Wodka, derweilen die geheimnisvolle Anna (Josefine Israel als comic-hafte Lady in red) für die körperliche Korrumpierbarkeit zuständig ist. „This world is made for sinners“, gurrt sie, diese Welt ist für die Sünder, während Daniel Hoevels sich als Michail seiner Manipulation fiebrig ergibt.

Immer weiter verschiebt sich die anfangs noch durch geschlossene Holzwände eng begrenzte Spielfläche in die Tiefe. Immer raumfüllender (Bühne: ebenfalls Dušan David Pařízek) dringt das System auch optisch vor. Live-Architektursemiotik. Nur Olja, die rührend Aufrechte, erweist sich in ihrer energischen Klarheit, Schlichtheit und Luzidität als unbestechlich, von großen Sälen lässt sie sich jedenfalls nicht beeindrucken.

Düstere Abhandlung über die Korrelation von Angst und Macht

Viktor Martinowitschs Roman ist eine düstere Abhandlung über die Korrelation von Angst und Macht, ein hintergründiger, vielschichtiger, anspielungsreicher Thriller über die Lust an der Unterwerfung, den „Willen zur Unterordnung“, aus dem sich die Illusion von Freiheit ergibt (und letztlich das exakte Gegenteil des Titels).

In der bis auf eine allzu ausgereizte Gesangsszene vor der Pause gekonnt konzentrierten Fassung von Pařízek und seinem Dramaturgen Ralf Fiedler blitzt all das auf. Vor allem im fulminant rastlosen Spiel von Daniel Hoevels finden sich die introspektiven Abgründe.

Und wie Pařízek seine Theatermittel als solche offenlegt, indem er etwa den Tausendsassa Peter Fasching als Multiinstrumentalisten und Geräuschemacher sichtbar am Bühnenrand platziert (in verschiedenen Charakteren springt er von dort immer wieder in die Handlung), oder eine ganze Sexszene über wackelige Folien via Overhead-Projektor auf die Holzwände projizieren lässt, verleiht dem trotz der Länge kurzweiligen Abend eine ungeschliffene Dynamik. Auch das Publikum will ja betrogen werden.

„Revolution“ schnurrt im Deutschen Schauspielhaus zum Witz zusammen

Umso bedauerlicher ist es allerdings, die Romanadaption auf der Bühne derart zu verkalauern, wie es hier über weite Strecken geschieht. Bei Pařízek schnurrt „Revolution“ zum Witz zusammen. Der zündet durchaus, es wird viel gelacht, die Nummernrevue ist in sich stimmig, und das gut aufgelegte Ensemble macht seine Sache auch in dieser Hinsicht einwandfrei.

Der Stoff aber, der bei aller darin enthaltenen Komik so erschreckend aktuell von der Entmenschlichung und der „Tendenz zur Fügung“ erzählt, verliert durch genau diese Dauer-Leichtigkeit sein existenzielles Unbehagen.

Revolution“ am Deutschen Schauspielhaus wieder am 19./24.5. und 10.6., jew. 19.30 Uhr „Minsk - Moskau - Kiew“: Der Autor Viktor Martinowitsch kommt am 16.5., 20 Uhr, zum Gespräch (Eintritt frei).

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