Kino

Neues Drama: „Memoria“ mit Tilda Swinton

| Lesedauer: 7 Minuten
Jessica (Tilda Swinton) begibt sich auf eine innere und äußere Reise.

Jessica (Tilda Swinton) begibt sich auf eine innere und äußere Reise.

Foto: Port au Prince

Der neue Film des Regisseurs Weerasethakul ist eine filmische Meditation, die die Sinne weitet. Zu sehen im Abaton und Studio-Kino.

Diese Frau hat einen Knall. Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Eines Nachts schreckt Jessica Holland (Tilda Swinton) aus dem Schlaf durch ein lautes Geräusch. „Wie ein Rumpeln aus dem Kern der Erde“, so wird sie es einmal beschreiben. Woher der Knall kommt, lässt sich nicht erschließen. Aber fortan hört sie ihn immer wieder mal, wie aus dem Nichts, und nur sie kann ihn wahrnehmen, niemand sonst in ihrem Umfeld reagiert darauf. Ein weiteres Problem: Seit der Ton da ist, kann sie nicht mehr schlafen. Die Erschütterung löst etwas in ihr aus.

Diese Jessica steht ohnehin neben sich. Denn sie ist ins ferne Kolumbien, nach Bogotá, gereist, um ihre dort lebende Schwester im Krankenhaus zu besuchen. Am anderen Ende der Welt ist die Europäerin allein in einer ihr fremden Kultur. Und dann noch dieses Geräusch. Sie hat Angst, wirklich einen Knall zu haben, verrückt zu werden. Aber sie macht sich auf die Suche, will diesem unerklärlichen Phänomen nachspüren. Mithilfe eines Tontechnikers vermag sie das Geräusch zu analysieren und kann es reproduzieren. Eine Beruhigung, dass der Ton auf diese Weise real wird und auch von anderen zu hören ist. Aber als sie das nächste Mal in das Tonstudio kommt, ist der Techniker nicht da. Und keiner weiß von ihm.

Kino: „Memoria“ als Horrorgeschichte für Hollywood

Man kann sich ausmalen, was Hollywood aus einem solchen Stoff gemacht hätte: puren Horror. Und im Horrorgenre sind solche Knallgeräusche, mit denen stets schockhafte Überraschungen einhergehen, ja auch gang und gäbe. „Jump-Scares“ nennt man das. Aber hier haben wir es nicht mit einem Horrorfilm zu tun, sondern mit dem genauen Gegenteil: „Memoria“ ist das jüngste Werk des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul, der sich dem klassischen Erzählkino komplett verweigert, der seine mysteriösen Geschehnisse gar nicht auflösen will, sondern über sie meditiert. Und das wie immer in ganz langen, ruhigen, unaufgeregten Einstellungen. Ein Kino der Kontemplation.

Wer also Suspense erwartet und eine schlüssige Auflösung, der ist hier ganz falsch. In Weerasethakuls Filmen macht man sich stets auf eine Reise ins Unerklärliche, Mystische. Und man muss offen dafür sein. So wie die Jessica Holland in seinem Film, die sich in dem ihr fremden Land von Zufällen und Begegnungen treiben lässt. Und so wie Tilda Swinton, die immer auch mal im Mainstreamkino auftritt, aber im Arthousekino zu Hause ist und dort oft sehr eigenwillige, auch irrlichterende Charaktere spielt, für die ihr ätherisches Wesen irgendwie genau zu passen scheint.

Broschüre statt Medikamente

Erst spät kommt ihre Jessica auf die naheliegende Idee, zu einer Ärztin zu gehen. Die jedoch argwöhnt, die Patientin wolle nur Beruhigungstabletten – und reicht ihr stattdessen eine Kirchenbroschüre. Die Geplagte nimmt ihr Leid an.

Noch im Krankenhaus, in dem die Schwester liegt, lernt sie eine Archäologin kennen, die 6000 Jahre alte Skelette ausgräbt, die bei Bauarbeiten für einen Tunnel entdeckt wurden. Sie wird sie bei der Ausgrabungsstätte im Dschungel besuchen. Und dort auf einen Fischer treffen, der nie sein Dorf verlassen hat, weil er keine äußerlichen Erfahrungen machen will. Weil er alle Erfahrungen in seinem Körper nachspüren kann. Auch die von anderen, wenn er sie berührt.

Weerasethakul erster Dreh außerhalb Thailands

Wie seine Hauptfigur ließ sich auch Weerasethakul treiben, der hier erstmals im Ausland und nicht in Thailand drehte. „Memoria“ ist eine persönliche Aufarbeitung, denn der Regisseur hat in Kolumbien selbst unter dem sogenannten Exploding Head Syndrome gelitten, einer Art akustischer Halluzination, die bei Menschen auftritt, die nicht ganz wach sind. Aber statt nur zu Ärzten und Psychologen zu gehen, um diese Pein so schnell wie möglich loszuwerden, begriff er es eher als eine Weitung der Sinne. Eine Erfahrung, die er auch seine Filmfigur machen lässt. Und seine Zuschauer – wenn diese sich darauf einlassen.

Es gibt dabei immer wieder seltsame und auch komische Momente. Etwa wenn urplötzlich nachts auf einem Parkplatz die Alarmanlagen aller hier abgestellten Autos losgehen und zu einer bizarren Symphonie anschwellen. Auch im Tonstudio finden anfängliche Störgeräusche nach und nach zu einem atemberaubenden Einklang. Und die Archäologin erklärt Jessica, was jahrtausendealte Knochen uns heute noch zu sagen haben.

Weerasethakul gewann in Cannes drei Preise

Weerasethakul lässt seine Hauptfigur hier durch eine Schule gehen, die das Sehen und Hören aufs Neue lehrt. Und die Sinne schärft. Für eine Welt, zu der wir den Bezug verloren haben, in der aber alles in einer Art Bewusstseinsstrom miteinander verbunden ist.

Das wird so mancher esoterisch und abgehoben, mancher aber auch anregend finden. Mit seiner besonderen Form des „Slow Cinema“ jedenfalls hat der Thailänder eine treue Fangemeinde gefunden. Und ist ein Liebling der Festivals. „Memoria“ war sein dritter Film, der in Cannes gezeigt wurde – 2021 erhielt er dort den Preis der Jury. Ebenso wie 2004 für „Tropical Malady“. Und 2010 erhielt er für „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ als erster thailändischer Filmemacher den Hauptpreis, die Goldene Palme.

Auch in diesen Filmen ging es schon um unerklärliche, metaphysische Begebenheiten, um Geister der Vergangenheit, die im Kopf spuken. Seine so eigenwillige Ästhetik und Erzählweise treibt Weerasethakul hier noch weiter. „Memoria“ wird immer rätselhafter: Bald weiß die Protagonistin nicht mehr, was sie wirklich erlebt hat und was nicht. Und auch nicht, ob das tatsächlich ihre Erinnerungen sind. Oder ganz andere, kollektive, die mit der kolonialen Vergangenheit des Landes zu tun haben.

Am Ende gibt der Film dann doch eine (recht abgedrehte) Auflösung. Sofern es sich dabei nicht erneut – da sind Zuschauerinnen und Zuschauer ja schon geschult – um eine Art Halluzination handelt. In „Memoria“ lernt man seine Sinne zu überprüfen, am besten im Kino. Auch wenn der Film bei dem in Deutschland wenig bekannten Streamingportal Mubi zu sehen ist, kann man sich auf ihn am leichtesten an einem dunklen Ort einlassen, an dem eine besondere Konzentration möglich ist.

„Memoria“, 136 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Abaton, Studio-Kino

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