Theaterkritik

Irritierendes Spektakel: „Wir sind das Volk“ auf Kampnagel

| Lesedauer: 3 Minuten
Annette Stiekele
Kampnagel: „Wir sind das Volk“ – der Abend der Band Laibach ist monumental und irritierend.

Kampnagel: „Wir sind das Volk“ – der Abend der Band Laibach ist monumental und irritierend.

Foto: Dorothea Tuch

Der Auftakt der Band Laibach zum Krass Kultur Crash Festival kommt durch Faschismus-Ästhetik bewusst schwer verdaulich daher.

Hamburg. Von der slowenischen Band Laibach ist man ja so einiges gewohnt. Nun brachte sie zur Eröffnung des 10. Krass Kultur Crash Festivals auf Kampnagel ein Spektakel auf die Bühne, dass man auf beklemmende Weise zeitgemäß nennen muss. Ihre bewährten Zutaten: martialischer Gesang und eine mit totalitären Monumentalbildern spielende Bühnenästhetik.

Kampnagel: Von Hitler bis zu Bildern des Mauerfalls

Begonnen hat Laibach vor 42 Jahren im Kalten Krieg, doch ihre dekonstruktivistischen Inszenierungen totalitärer Gewalt haben dieser Tage in der Welt eine neue Anbindung an die Realität. Seit längerem sucht Laibach die Nähe zum deutschsprachigen Theater. Und „Wir sind das Volk“ ist tatsächlich ein Musical, naja, eher ein Anti-Musical, initiiert von der Berliner Dramaturgin und Autorin Anja Quickert. Von der Adolf-Hitler-Rede über die Volksferne des Kapitalismus bis hin zu Bildern des Mauerfalls reicht das Spektrum des lose assoziierten Szenen-Reigens.

Allerdings steht es textlich auf sehr solidem Boden, basierend nämlich auf den Worten des Dichters Heiner Müller, in denen er sich an der deutschen Nachkriegsseele und an seiner Biografie abgearbeitet hat. Gleich zu Beginn erklingt „Im Herbst starb“, ein Prosatext, der von traumatischen Kindheitserinnerungen erzählt.

Ein Familienalbum mit Bildern von SS-Männern

Laibach verbindet die intensiven Worte mit den Beats eines Schlagzeugers und zweier synchroner Trommler. Bald gesellen sich versöhnliche Streicher, Synthesizer, eine harte Gitarre und ein Piano hinzu. Immer wieder wird es laut, das Licht blendend grell. Anja Quickert von der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft steuert neben der Regie auch das Konzept der Textcollage bei.

In einer stillen Szene blättert man sich durch ein Familienalbum mit Schwarz-Weiß-Bildern von deutschen SS-Männern. Dann wieder erklingt der Hit „Flieger, grüß mir die Sonne“, gesungen von dem zarten Querflötisten Cveto Kobal, während ein gezeichnetes Flugzeug zwischen den namentlich markierten Orten der Konzentrationslager kreist.

Mit seiner Faschismus-Ästhetik, den großformatig projizierten Bildern von Engeln, Romantik, Tod, Reinheit, Errettungsmythen, Holocaust und Tyrannei kommt der Abend bewusst schwer verdaulich daher. Schon immer haben die Pop-Avantgardisten das Spiel mit Doppeldeutigkeiten beherrscht.

Echte Show-Momente auf Kampnagel

In ihrem Musiktheater schaffen Laibach/Quickert einen Raum für die Gespenster der Vergangenheit, die dieser Tage vielerorts wieder erwachen. Dabei gelingen ihnen durchaus auch echte Show-Momente, für die vor allem die Schauspielerinnen Agnes Mann und Susanne Sachsse sorgen. Letztere hat auch mit Müller noch gearbeitet. Mann gibt eine wundervoll versehrte Untote im asymmetrischen Kleid mit verschmiertem Lippenstift. Am Ende steht ein Epilog, der mit dem Begriff des „Volkes“ auch von Ausgrenzung und Rassismus erzählt.

In ihrer Botschaft halten es die Macher dieses irritierenden Spektakels aber sehr stringent mit Heiner Müller, der dem Begriff des Volkes schon immer zutiefst misstraut hat: Als einzige Mittel gegen Geschichtsvergessenheit galten ihm Aufklärung und Vernunft.

Krass Kultur Crash Festival noch bis 8.5., Kampnagel, Jarrestraße 20-24; Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de

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