Theaterkritik

In Winterhude: Eine Komödie mit Herz, Huhn und Tragik

| Lesedauer: 5 Minuten
Stefan Reckziegel
Fast schon eine Psychoanalyse: Frau Kobald (Petra Kleinert) fühlt sich auf dem Sofa von Nachbar Bonsch (Reinhold Kammerer) sichtlich wohl.

Fast schon eine Psychoanalyse: Frau Kobald (Petra Kleinert) fühlt sich auf dem Sofa von Nachbar Bonsch (Reinhold Kammerer) sichtlich wohl.

Foto: Oliver Fantitsch

Deutsche Erstaufführung „Das Huhn auf dem Rücken“ mit TV-Star Petra Kleinert („Mord mit Aussicht“) in der Komödie Winterhude überzeugt.

Hamburg. Es gibt diese Szenen und Sätze am Ende eines Kapitels, Films oder Stücks, welche die Spannung steigern und die Zuschauer bis zur Fortsetzung bewusst hängen lassen sollen. „Ihr Schicksal entscheidet sich auf meiner Treppe“, ist solch ein Cliffhanger. Er steht für eine gewisse Dramatik, aber auch für eine gewisse Komik. Und damit man (und frau) ihn nicht so schnell vergisst, wird er zu Beginn des zweiten Aktes in der Komödie Winterhuder Fährhaus gleich noch einmal wiederholt. Der Ausspruch stammt von einem Musiker, gerichtet ist er an seine Nachbarin, die eines Abends gewissermaßen mit der Tür ins Haus fällt.

18 Jahre liegt die Uraufführung des Stücks „Das Huhn auf dem Rücken“ von Fred Apke schon zurück. Das war In Warschau, das „Huhn“ wurde in Polen ein großer Erfolg. Dass die die deutsche Erstaufführung – die deutschsprachige fand bereits 2013 in der Regie des Autors in Salzburg statt – erst jetzt in Hamburg folgte, ist kein langwieriger Verlust, sondern ein später Gewinn für das renommierte hanseatische Boulevard-Theater: In dieser Krimi-Komödie spielt sich zwischen Mann und Frau im Laufe einer Nacht so Einiges ab, das Ganze garniert mit rabenschwarzen Humor und Situationskomik.

Komödie Winterhuder Fährhaus: „Das Huhn auf dem Rücken“

Just als sich der Cellist Bonsch auf seinem Sofa entspannt, um sich zwischen Plattenspieler und Aquarium auf das nächste Konzert (Schönberg und Strauß in der Schweiz) vorzubereiten, stört ihn Frau Kobald. Die Nachbarin gibt vor, nach ihre Katze „Kleopatra“ zu suchen, zeigt sich sich aber alsbald als Bewunderin des Musikers. Und offenbart ihm, dass sie ihren Mann getötet habe. Der habe nicht nur ihren Geburtstag vergessen, erzählt sie. Er liege auch tot am Fuße ihrer Kellertreppe. In der Folge tun sich gleich mehrere weitere Abgründe auf.

Während Frau Kobald von ihrer unglücklichen Ehe berichtet und in Selbstmitleid badet, weckt das den Kümmerer, den Seelenklempner im Cellisten. War es womöglich eine Affekthandlung? „Wir müssen jetzt Pluspunkte sammeln – für mildernde Umstände“, rät Bonsch. Anstatt gleich die Polizei zu rufen gilt es, die Nerven zu bewahren. Frau Kobald kann sich „richtig ausschalten“, meint sie. „Wie ein Huhn auf dem Rücken. Sich tot stellen, um zu überleben“, heißt das für ihn. Dass sich die mutmaßliche Täterin erst mal auf sein Sofa legen soll, ist nur ein Mittel seiner (Psycho-)Analyse.

Kammerer ist ein Gewinn für die Hamburger Bühne

Fernsehliebling Petra Kleinert („Mord mit Aussicht“, „Soko Leipzig“) und Reinhold Kammerer – privat ein Ehepaar – loten bei ihrem Hamburger Theaterdebüt mit viel Fantasie die tragisch-komischen Seiten zweier einsamer Menschen aus. Insbesondere der gebürtige Wiener entpuppt sich als Gewinn für die Hamburger Bühne.

In Pyjama und Strickjacke mutiert Kammerer als Bonsch vom „Weichei“ und musikalischen Eremiten zum hyperaktiven Helfer. „Eine Leiche, die mich überhaupt nichts angeht. Das ist eine Kreuzweg­situation“, lautet nur eine der vielen ihm zugeschriebenen Pointen, die er mit Feingefühl zu setzen versteht. Dazu gehört, dass er sich - zumindest kurzzeitig - eine blutige Nase holt, wenn er im Duell mit der Frau Nachbarin nachstellen möchte, wie man die Tötung als Unfall aussehen lassen könnte.

Petra Kleinert wirkt mit ihrem Diadem und im rot-weißen Kleid mit Rosenmotiven zunächst wie eine verhinderte, etwas in die Jahre gekommene Vorstadt-Prinzessin, deren ganzer Stolz ihre Rosen im Garten sind. Doch sie gibt ihrer Frau Kobald bald mehr als nur den Anstrich einer biederen Hausfrau. Schreit die Kränkung ihres Unverstandenseins zuweilen heraus, sucht mehr menschliche Nähe denn nach ihrer Katze und ist auch um Trinksprüche („Hopp, hopp – rein in Kopp“!“) nicht verlegen. Eine Chance für die Liebe? Erst ihre Tragik bedingt die Komik des Stücks, aus Frau Kobald und Herrn Bonsch werden Margret und Sebastian, obwohl sie hier gar keine Brüderschaft trinken.

Regisseur Marten Sand lässt seinen Protagonisten den Raum, sich zu entfalten, ohne dem Stück mit seinen Wendungen Tempo zu nehmen. All das geschieht in einer von Kristina Böttcher geschaffenen Wohlfühlkulisse, in die mit Harald Effenberg noch ein später Gast platzt, der – in Pyjama (!) unter dem gelbem Friesennerz - mit Berliner Schnauze für weitere komische Überraschungen steht.

Dass bei all dem die Treppe von Musiker Bonsch nicht allein über das Schicksal entscheidet - darüber lässt sich am Ende geflissentlich hinwegsehen.

„Das Huhn auf dem Rücken“ wieder 22.2., bis 27.3., jew. Di-Sa, 19.30 (So 18.00), Komödie Winterhuder Fährhaus (U Hudtwalckerstraße), Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 24,- bis 38,50 unter T. 48 06 80 80; www.komoedie-hamburg.de.

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