Kampnagel-Kritik

Wild und großartig! Am Ende kann das Publikum nicht mehr

| Lesedauer: 5 Minuten
Falk Schreiber
„Orpheus + Eurydike“ auf Kampnagel: So sieht tollste Totalüberforderung auf Isländisch auf.

„Orpheus + Eurydike“ auf Kampnagel: So sieht tollste Totalüberforderung auf Isländisch auf.

Foto: Rainer Muranyi

„Orpheus + Eurydike“ von Erna Ómarsdóttir ist ein bildstarkes Borderline-Musical. Eine Überforderung, die glücklich und atemlos macht.

Hamburg. Die griechische Sagenwelt ist schon eine ziemlich unübersichtliche Veranstaltung. Die aber nichtsdestotrotz für sich in Anspruch nimmt, Geschichte zu erzählen. „My name is Saga“, begrüßt Saga Sigurdardóttir das Publikum auf Kampnagel, „that means history“, naja.

Währenddessen werden per Laufband grob die wichtigsten Daten zum Orpheus-Mythos eingeblendet, Argonauten-Abenteuer, Künstlerdrama, Liebe zu Eurydike, dann stimmt Michael Witte ein, diesmal auf Deutsch, dann das ganze Ensemble. Anders gesagt: In Erna Ómarsdóttirs sehr freiem Tanz-Theater-Bastard „Orpheus + Eurydike“ versteht man schon nach wenigen Minuten überhaupt nichts mehr. Ist aber nicht schlimm, weil Witte ziemlich schnell klarmacht, mit was man es hier zu tun hat: „Das ist ein Kessel Buntes.“

„Orpheus + Eurydike“ auf Kampnagel: wild, unübersichtlich, großartig

Ómarsdóttir bezeichnet ihre Mythenverquirlung scherzhaft als „Borderline-Musical“. Was als Genre zwar gar nichts aussagt, aber einen Eindruck davon gibt, wo die isländische Choreografin hin möchte: an die Grenze, und dann weiter. An die Grenze der Genres, des guten Geschmacks, der stringenten Erzählung. Also lässt sie erst einmal locker eine Handlung entwerfen, als fröhliches Durcheinanderplaudern, das zwar nichts erhellt, einem aber unaufgeregt die Stimmung vorgibt.

Das wird freilich nicht so bleiben: In Orpheus’ Leben folgt der Verrat, der in der Argonautensage erzählt wird, es gibt Schiffbruch, Vergewaltigung, unbedingte Liebe, am Ende Tod. Und Ómarsdóttir zeigt das alles. Mehr oder weniger gleichzeitig.

Es ist wild, es ist unübersichtlich, es ist großartig, wie sich hier Bilder aus dem Chaos herausschälen: die stürmische Seefahrt etwa, die mit ganz wenigen Requisiten Wogen über den Darstellern zusammenbrechen lässt. Dabei fällt unter den Tisch, dass Ómarsdóttir als Choreografin nicht einmal besonders innovativ ist: Meist bebildern ihre tänzerischen Entwürfe nur, was gerade ohnehin erzählt wird. Aber wenn die Bebilderung so stimmig ist wie hier, dann lässt man sich von der Kraft der Bilder gerne überschwemmen.

Kampnagel: Koproduktion mit der Iceland Dance Company

„Orpheus + Eurydike“ ist als Koproduktion zwischen der Iceland Dance Company und dem Theater Freiburg entstanden. Das badische Stadttheater hatte vor einigen Jahren sein Tanzensemble aufgelöst und den so freigewordenen Etat genutzt, um hauseigene Schauspieler mit internationalen Tanzcompagnien zusammenzubringen; das Ergebnis ist ein Abend wie dieser, der sich genremäßig nicht fassen lässt.

Immer wieder schlägt das Konzept Haken, gerade, wenn man glaubt, das Gesehene mit dem Tanz-Werkzeug beschreiben zu können, wird das Geschehen zu Schauspiel an der Grenze zur Schultheater-Albernheit, und sobald man sich auf diese eingelassen hat, besingt Henry Meyer als Hades die Reise zum Ende der Welt als abgründigen Chanson (Musik: Valdimar Jóhansson und Skúli Sverrisson). Schubadubadu.

Man kann nicht einmal behaupten, dass diese Reizüberflutung an jeder Stelle funktioniert. Immer wieder bremsen sich die Ideen des Abends gegenseitig aus, und spätestens nach der Pause, als das Geschehen in ein bukolisches Fest kippt, löst sich die Erzählung nach und nach auf. Dauert aber immer noch eine gute halbe Stunde, und in der hilft auch die Ausstattung von Gabriela Fridriksdóttir nichts mehr, die dann irgendwann nur noch für sich steht, die Ganzkörpernylons, in denen sich die Figuren verstricken, das riesige Trampolin, das die Bühne prägt.

Irgendwann zieht sich Orpheus (Thieß Brammer) nur halb motiviert aus und singt F.R. Davids Achtzigerjahre-Heuler „Words don’t come easy“ als stampfenden Schlager, schließlich wird er vom gesamten Ensemble malträtiert: Dieser Abend kann auch ziemlich nerven.

„Orpheus + Eurydike“ beschert einen bildstarken Abend

Wie aber Ómarsdóttir dieses Generve arrangiert, wie sie auch abgedroschenen Bildern einen Neuigkeitswert abringt, das ist eine Leistung, die man würdigen muss. Vielleicht lässt sich das „Borderline-Musical“ so fassen, dass man anerkennt, wie virtuos die Choreografin mit Genres spielt, wie kreativ sie Klippen umschifft und wie drastisch sie immer wieder dennoch Schiffbruch erleidet.

In einer Szene gelingt ihr ein atemberaubend schönes Duett zwischen Felix Urbina Alejandre und Ho-Ching Charmene Pang, das irgendwann in konventionellen Erotik-Kitsch kippt, nur um sich ein paar Minuten später wieder aus der Konvention freizuschwimmen – das sind die ganz starken Momente dieses durch die Bank bildstarken Abends, der immer mehr will als er liefern kann, und der seine Qualität aus diesem Wollen zieht.

„Orpheus + Eurydike“ ist gleichzeitig ernsthaft und ironisch, albern und tragisch, Schauspiel und Tanz. Eine Überforderung, die man erst einmal zulassen muss, aber wenn man sie zulässt, ist man beglückt und atemlos. In den letzten Minuten rotiert ein mit Sexpuppen dekorierter Baum auf der Bühne, die Darsteller sind ausgepowert, die Musik sendet letzte sphärische Klänge in den Saal, dann ist Schluss. Zaghafter Applaus: Das Publikum kann einfach nicht mehr.

„Orpheus + Eurydike“ wieder am 28. und 29. Januar, 19.30, Kampnagel, Jarrestraße, Tickets unter T. 27094949, 20, www.kampnagel.de

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