Kinokritik

Prinzessin Diana im Kino: Was für eine Tragödie

| Lesedauer: 8 Minuten
Immer allein und immer irgendwie fehl am Platz: Kristen Stewart als Prinzessin Diana im Kinofilm „Spencer“.

Immer allein und immer irgendwie fehl am Platz: Kristen Stewart als Prinzessin Diana im Kinofilm „Spencer“.

Foto: DCM

Neu im Kino: Das Drama „Spencer“ über drei Tage im Leben von Prinzessin Diana mit einer atemberaubenden Kristen Stewart.

Hamburg. Plötzlich steht sie da. Die entrückte Prinzessin in einer Fish-&-Chips-Gaststätte, mit teurem Chanelkostüm in frittierfettgeschwängerter Luft. Prinzessin Diana ist zu dieser Zeit schon eine der berühmtesten und meistfotografierten Persönlichkeiten der Welt. Jeder erkennt sie sofort. Aber alle starren sie nur an.

Die Prinzessin hat sich mit ihrem Porsche verfahren und fragt kleinlaut nach dem Weg. Doch keiner vermag ihr zu helfen. Allen bleiben Fisch und Fritten im Halse stecken. Eine großartige Szene, die zur Metapher gerinnt. Hier einfache Menschen wie du und ich, die Diana nur aus der Ferne kennen und für die der Prinzessinnentraum auf ewig ein Märchen bleibt. Und da die Dame von Welt, die keine Prinzessin sein und schon gar nicht Königin werden will, aber in diesen Sphären weilt – und das Märchen als Albtraum erlebt.

"Spencer": Film über Prinzessin Diana kommt in die Kinos

Davon handelt Pablo Larraíns Film „Spencer“, der jetzt in die Kinos kommt. Keine klassische Filmbiografie, die das Leben eines berühmten Menschen mit all seinen Stationen abklappert. Sondern ein ganz konzentriertes, ja klaustrophobisches Kammerspiel, das mit vielen Überhöhungen arbeitet und sich viele Freiheiten nimmt – wie die erfundene Szene im Fish-&-Chips-Lokal. Aber dafür setzt er auf eine innere Wahrheit, um das Wesentliche zu ergründen, „Eine Fabel aus einer wahren Tragödie“, wie es gleich zu Beginn heißt.

Nur drei Tage im Leben von Diana Spencer werden hier geschildert: Weihnachten 1991. Das letzte Fest der Liebe, das Diana noch im Kreis der Königsfamilie verbringen wird, bevor sie am Ende die unerhörte Entscheidung trifft, mit ihr zu brechen. Doch bis es so weit ist, sehen wir, wie die junge, scheue Frau, die sich doch nur nach Zuneigung sehnt, erstickt an den kaltherzigen Royals und ihrer starren Etikette.

Mit Prinzessin Diana betritt man Schloss Sandringham, wo es aus allen Ritzen zieht und trotzdem nie geheizt wird. Da passen die fahlen Bilder der herbsttrüben, nebelverhangenen Landschaft nur zu gut zu der Kühle, die hier alle im Herzen tragen. Und der Zuschauer kann dies nicht einfach von außen studieren, nein, er wird gezwungen, diese beklemmende Passionsgeschichte mitzuerleben und mitzudurchleiden.

Prinzessin Diana verloren in offenen Landschaften

Immer wieder neue finstere Wahnbilder findet Regisseur Larraín für sein Martyrium der Diana Spencer. Ob er sie in weiten, offenen Landschaften wie verloren stehen lässt oder in dunkle Zimmer sperrt. Fehl am Platze wirkt sie hier wie dort. Die Königsfamilie erleben wir dabei nur von fern. Und miteinander reden tun sie auch nie. Nein, die Royals wirken wie bizarre Schreckenswesen einer Geisterbahn, die die von Kristen Stewart gespielte Diana immer wieder durchschreiten muss. Es gibt dabei auch andere Gruseleffekte: Hofschranzen und Polizisten, die überall aus dem Nichts auftauchen und sie penibel in die Regularien des Protokoll zurückweisen.

Kein Wunder, dass sich Diana verfahren hat. Da saß das Unterbewusstsein am Steuer. Halb aus Angst, halb aus Lust zögert sie das Ankommen bis zuletzt hinaus. Kommt erst nach der Queen an, ein Tabubruch schon das, und schließt sich erst mal in ihrem Gästezimmer ein. Immer wieder, fast schon leitmotivisch, wird man Zeuge, wie die unter Bulimie leidende Diana sich übergibt. Wie sie stets versucht, sich zusammenzureißen, und es doch nicht vermag. Wie sie wieder und wieder Anlauf nimmt zur Weihnachtsfeier, aber dann doch innehält auf einem der vielen endlosen Gänge. Und zurückrennt und sich einschließt.

Diana im buchstäblich goldenen Käfig

Dann wieder wird ihr befohlen, die Vorhänge an ihren Fenstern zuzuziehen, damit kein Paparazzi ein Foto schießen kann. Als sie dem nicht nachkommt, werden die Stores sogar zugetackert, und sie kratzt sie mit bloßen Händen auf, wobei sie sich mit Vorsatz verletzt. Ein buchstäblich goldener Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt. Und in dem man auch als Zuschauer gefangen ist.

Die einzigen zärtlichen Momente sind die, wenn Diana mit ihren Söhnen zusammen sein kann. Aber das wird ihr kaum gewährt. Und so würgt sie an Protokoll und Etikette, würgt auch an ihrer Kette, die sie sich vom Hals reißt und deren Perlen, die in die Suppe fallen, sie mit verschluckt. Das ist nur eine von vielen irritierenden Schockvisionen. Aber würgen muss sie trotzdem, und ihr edles, weites Kleid ergießt sich dann übers ganze Badezimmer, wenn sie sich über dem Klo erbricht. Eine andere Horrorvision ist Anne Boleyn. Irgendjemand hat ihr, wohl aus Bosheit, eine Biografie über die zweite Frau von Heinrich VIII. hingelegt. Wurde der nicht das Haupt abgeschlagen, damit der Gatte ungehemmt seiner Lust frönen konnte? Hier fantasiert sich Diana selbst zu Boleyn, zu einem Opfer der Krone.

Chilene Pablo Larraín ist als Frauenregisseur bekannt

Der Chilene Pablo Larraín wurde mit Dramen über die Militärdiktatur unter Pinochet bekannt, bevor er sich mit Filmen wie „Ema“ zum Frauenregisseur gewandelt hat. Um Un­t­erdrückung und Repression geht es freilich auch da. Schon einmal hat der Regisseur das Leben einer berühmten Frau im Brennglas eines dreitägigen Konflikts kulminieren lassen: in „Jackie“ über Jackie Kennedy, zeitlich verortet unmittelbar nach dem tödlichen Attentat auf ihren Mann John F. Kennedy. So wie dieser Film nicht in den USA, sondern in Frankreich entstand, drehte Larraín „Spencer“ nicht in England, sondern in Nordrhein-Westfalen, auf brandenburgischen Äckern, im Schloss Marquardt bei Potsdam und in der Berliner Max-Schmeling-Halle. Und wie in „Jackie“ Natalie Portman sein großes Ass im Ärmel war, ist es nun Kristen Stewart.

Der einstige „Twilight“-Star hat sich längst zu einer Charakterschauspielerin ersten Ranges gemausert. Wie sie sich Diana anverwandelt, wie sie ihre verdruckste Körperhaltung imitiert, den verhuschten Blick, den schleppenden Gang, die schräge Schulter, die wie zur Abwehr vor sich verschränkten Hände – das ist atemberaubend. In Oliver Hirschbiegels „Diana“-Film von 2013 sah man immer nur Naomi Watts unter einer schrägen Perücke. In „Spencer“ verschwindet die Darstellerin ganz hinter der Prinzessin der Herzen und der Tränen.

„Twilight“-Star Kristen Stewart spielt Prinzessin Diana

Und verarbeitet Stewart damit nicht auch ein wenig ihre eigene Geschichte? Dass sie ständig fotografiert und verfolgt wurde und alle ein Bild von ihr hatten, das nicht der Wahrheit entspricht: Diese Erfahrung, gab sie bei der Weltpremiere auf dem Filmfestival von Venedig zu, habe sie selber machen müssen. „Nur ansatzweise, auf einem viel niedrigeren Level“, wie sie einschränkte. Aber eben doch. „Wie muss sich das erst für Diana angefühlt haben?“, setzte sie nach. Genau das zeigt sie hier, in ihrer bislang großartigsten und eindringlichsten Performance.

Die Royals haben da, so kurz vor dem 70. Thronjubiläum der Queen, mal wieder an einer großen Kröte zu schlucken. Und bald startet ja auch die fünfte Staffel der Serie „The Crown“, wo es erneut um das Ehedrama von Charles und Diana gehen wird. „Spencer“ handelt aber nur von Diana. Die Royals, das ist vielleicht die boshafteste Pointe dieses Films, sind alle eher Statisten. Aber eben auch das: Schreckgespinste einer Geisterbahnfahrt.

„Spencer“ 117 Min., ab 12 J., läuft im 3001, Abaton, Astor FilmLounge, Elbe, Holi, Passage, Studio, UCI Mundsburg/Othmarschen, Zeise

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