Buchkritik

Ken Follett: Das Ende der Menschheit ist nah

| Lesedauer: 3 Minuten
Holger True
Im neuen Roman von Ken Follett geht es um eine weltpolitische Eskalation.

Im neuen Roman von Ken Follett geht es um eine weltpolitische Eskalation.

Foto: Fotostand / Suhr / picture alliance

Bestsellerautor Ken Follett („Die Säulen der Erde“) zeigt in einem neuen Roman „Never“ wie ein weltpolitischer Konflikt eskaliert.

Hamburg. „Dieser schreckliche Bunker hat mir vor Augen geführt, wie dicht am Abgrund wir noch immer leben“, sagt US-Präsidentin Pauline Green, nachdem sie Munchin Country, das Nothauptquartier der Regierung im Falle eines Atomkriegs, besucht hat. „Wir müssen nur dafür sorgen, dass er nie gebraucht wird.“

Das allerdings ist sehr viel leichter gesagt als getan, wie Ken Follett in seinem neuen Roman „Never“ zeigt. Der Experte für historische Stoffe („Die Säulen der Erde“) hat die Idee für seine Geschichte auch in diesem Fall aus der Weltgeschichte, dem Ersten Weltkrieg, zu dem es kam, obwohl – so Follett – niemand der Beteiligten diesen Krieg wirklich wollte. Und so ist hier auch eher eine weltpolitische Nebensächlichkeit Ausgangspunkt zunehmend dramatischer Ereignisse.

Ken Follett: Interessantester Handlungsfaden gerät zunehmend in den Hintergrund

Islamisten haben mit Waffen aus Nordkorea im Grenzgebiet zwischen dem Sudan und dem Tschad einen Amerikaner getötet. Präsidentin Green, getrieben von einem politischen Konkurrenten, der sicher nicht zufällig an Donald Trump erinnert, muss reagieren. Nicht direkt gegen Nordkorea, sondern gegen China, den wichtigsten Verbündeten des dort herrschenden Diktators. Für die chinesische Regierung wiederum ist es unabdingbar, das Gesicht zu wahren und seinerseits zurückzuschlagen – auch wenn es im Machtapparat der KP durchaus Kräfte gibt, die auf Deeskalation setzen. Doch die Fraktion der Falken ist stark, zumal plötzlich die (zunächst nur gefühlte) Gefahr im Raum steht, die USA und Südkorea könnten die Situation ausnutzen, um Nordkoreas Regierung in die Knie zu zwingen und ihren Machtbereich bis an die chinesische Grenze ausdehnen.

In einer hineingewobenen Geschichte erzählt Follett zudem von Flüchtlingsbewegungen aus dem Tschad, von einer jungen Mutter und ihrem kleinen Kind, die irgendwie mit der „Hilfe“ eines Menschenhändlers nach Frankreich gelangen wollen und dabei auf einen Geheimagenten treffen, der alles daran setzt, von Nordkorea mit Waffen ausgestatteten Islamisten auf die Spur zu kommen. Schade nur, dass dieser – es ist der interessanteste – Handlungsfaden, mit zunehmender Seitenzahl in den Hintergrund gerät. Auch über die Beziehung zwischen der US-Präsidentin und ihrem (untreuen) Mann hätte man gerne mehr gelesen.

Ken Folletts neuer Roman: Ein wenig zu schnell ist klar, worauf alles hinausläuft

„Never“ ist zwar weitgehend spannend erzählt, doch ein wenig zu schnell ist klar, worauf das alles durch die Auge-um-Auge-Logik derer, die am Abschussknopf für die Atomraketen sitzen, hinausläuft. Schon in den 1980er-Jahren, als die Proteste gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland auf dem Höhepunkt waren, warnten Experten davor, dass ein Atomkrieg unabsichtlich, also aufgrund von Fehlinformationen, ausgelöst werden könnte.

Ken Follett geht nun noch einen Schritt weiter und beschreibt eine Eskalation, die entsteht, weil Regierende einen Gesichts- oder Machtverlust fürchten – und dabei die Auslöschung der Menschheit in Kauf nehmen.

Ken Follett: „Never“ Bastei Lübbe, 881 Seiten, 32 Euro (Kindle: 19,99 Euro)

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