Theaterkritik

Liebenswerte Loser, die den größten Blödsinn zusammenzimmern

| Lesedauer: 3 Minuten
Boulevard sieht leicht aus, ist aber schwerstes Handwerk: "Der nackte Wahnsinn" am Sprechwerk in Hamburg.

Boulevard sieht leicht aus, ist aber schwerstes Handwerk: "Der nackte Wahnsinn" am Sprechwerk in Hamburg.

Foto: G2 Baraniak

Konstanze Ullmer inszeniert „Der nackte Wahnsinn“ am Sprechwerk in Hamburg als Liebeserklärung ans Theater.

Hamburg. Es gibt schon abstruse Theaterstücke. Zum Beispiel „Nackte Tatsachen“: Schauplatz ist eine Villa, deren Besitzer als Steuerflüchtlinge im Ausland leben, einzig die alte Haushälterin ist vor Ort. Und diverse Paare mit Beischlafabsichten. Und ein Einbrecher taucht auch noch auf … Ganz großer Blödsinn? Aber Hallo.

Gut, dass „Nackte Tatsachen“ so nicht existiert. Sondern ein Stück im Stück ist: Michael Frayn beschreibt mit „Der nackte Wahnsinn“, wie eine Provinztheatergruppe das Boulevardstück einstudiert.

Theaterkritik "Der Nackte Wahnsinn": Wechselnde Erzählebenen

Aber der eine Darsteller (Joachim Liesert) ist ein Sensibelchen, dessen Blutdruck schon bei der Erwähnung von Gewalt verrückt spielt, der andere (Peter Markhoff) ein Alkoholiker mit Gedächtnislücken, der Regisseur (Frank Felicetti) ein eitler Geck, der nach und nach mit allen weiblichen Beteiligten schläft, die Inspizientin (Marion Gretchen Schmitz) eine beflissene Richtigmacherin am Rande des Nervenzusammenbruchs, und wirkliche Lust hat ohnehin niemand auf den Stoff. Ist ja auch Blödsinn.

Aber eben auch irre kluges Metatheater. Mit dem eine Off-Bühne wie das Sprechwerk eigentlich überfordert sein müsste: Mehrfach wechseln die Erzählebenen, mal wird auf der Bühne gespielt, mal auf der Hinterbühne. Außerdem braucht man mit neun Darstellern ein umfangreiches Ensemble, und eine Spieldauer von rund drei Stunden will auch erstmal gestemmt werden.

Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie muss im Scheitern funktionieren

Außerdem sieht Boulevard leicht aus, ist aber schwerstes Handwerk, und „Der nackte Wahnsinn“ ist ein Stück, das den Boulevard mit seinen eigenen Mitteln karikiert. Sprich: Die Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie scheitert hier, aber im Scheitern muss sie funktionieren. Kann ein kleines Haus so etwas?

Sprechwerk-Chefin Konstanze Ullmer kann es jedenfalls. Weil sie den Boulevard erkennbar liebt. Weil sie weiß, dass sie dem Publikum mit ihrer Inszenierung etwas zumuten muss, und seien es ständige Platzwechsel, Saal-Hinterbühne-Saal.

Und nicht zuletzt, weil sie ein hervorragendes Ensemble zusammengestellt hat, allen voran Jascha Schütz als dauergestresster Regieassistent und Jasmin Buterfas als in zynischer Souveränität lauernde Haushälterinnen-Darstellerin. Das hat: Timing, Witz, Freude daran, Erwartungen ins Leere laufen zu lassen.

„Der nackte Wahnsinn“ ist eine Liebeserklärung ans Theater

Man kann „Der nackte Wahnsinn“ als Denunziation des Boulevardtheaters inszenieren, so etwa Luk Perceval vor acht Jahren am Thalia. Ullmer macht etwas anderes: Sie zeigt das Stück als Liebeserklärung an das Theater und an seine Künstler. Als liebenswerte Loser, die immer wieder auf die Nase fallen, während sie versuchen, den größten Blödsinn zusammenzuzimmern.

Der nackte Wahnsinn wieder am 6., 7., 9., 10., 11., 12., 13., 14. und 16. 11., 20 Uhr (Sonntags 19 Uhr), Sprechwerk, Klaus-Groth-Str. 23, Tickets unter 24423020, www.sprechwerk.hamburg

( fks )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken