CD-Kritik

Tori Amos reinigt sich selbst auf „Ocean To Ocean“

| Lesedauer: 3 Minuten
Tino Lange
Vier Jahre nach „Native Invader“ verarbeitet Tori Amos jetzt auf „Ocean To Ocean“ persönliche Krisenmomente.

Vier Jahre nach „Native Invader“ verarbeitet Tori Amos jetzt auf „Ocean To Ocean“ persönliche Krisenmomente.

Foto: Desmond Murray

In der Pandemie warf Tori Amos ihr fertiges Album über den Haufen und nahm „Ocean To Ocean“. Im Frühjahr kommt sie nach Hamburg.

Hamburg. Wer am tiefsten in die dunkelsten Ebenen von Tori Amos musikalischer Seele taucht, findet dort immer noch ihre wahnsinnige Coverversion von Slayers „Raining Blood“. Es ist immer noch erstaunlich, wie sie nur mit ihrer Stimme und ihrem Klavier das Blut in den Adern gefrieren lassen kann.

Aber auch auf ihrem neuen, an diesem Freitag erscheinenden Studioalbum „Ocean To Ocean“ bewegt sich die mit ihrer Familie in Cornwall lebende US-amerikanische Sängerin und Songschreiberin weit unterhalb jeglicher Oberflächlichkeit.

Tori Amos von Schicksalsschlag getroffen

Eigentlich hätte „Ocean To Ocean“ ganz anders heißen und klingen sollen. Kurz vor Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 war ein neues Album bereits im Kasten, als auch ihre Pläne über den Haufen geworfen wurden. Ein weiterer Schicksalsschlag, der Tod ihrer Mutter, traf Tori Amos unvermittelt.

Es dauerte bis März 2021, bis sie genug Kraft und Inspiration gesammelt hatte, um von neuem mit anderen, direkt im Studio entstandenen Liedern zu beginnen. Aber das Auftauchen aus der Tiefe hat ja auch den Effekt einer Selbstreinigung. Einer Wiedergeburt. Einer Taufe. So steht sie vom Wind zerzaust auf dem Coverbild an der cornischen Küste.

Viele Lieder sind nachdenklich und zerbrechlich

In „Addition Of Light Divided”, „Metal Water Wood”, „Speaking With Trees” oder „How Glass Is Made” erzählt sie sehr persönlich von Aufbruch und Hoffnung, vom Ausbruch aus der Isolation und Abschied von Geliebten. Und auch wenn sie bei den Arrangements und bei der Produktion den Tonspuren der Alben „Unrepentant Geraldines“ (2014) und „Native Invader“ (2017) weiter folgt, wohnt den neuen Stücken doch eine auffällige Zerbrechlichkeit und Nachdenklichkeit inne, „Speaking With Trees“, das ihrer Mutter gewidmet ist, hört man geradezu vorsichtig, damit es nicht zersplittert.

„Du musst dich aus dieser privaten kleinen Hölle herausschreiben“, erzählte Tori Amos dem „Spin“-Magazin über die Entstehung von „Ocean To Ocean“. Das macht es unter den 16. Alben, die sie seit ihrem meisterlichen Debüt „Little Earthquakes“ (1992) veröffentlicht hat, zu einem der ganz besonderem.

Es ist kein Millionenseller wie ihre fünf Platinplatten der 90er-Jahre. Im Streaming-Zeitalter, wo keine 20.000 Tonträger von Ihr über die Theke gehen, zählen eh andere Werte. Aber „Ocean To Ocean“ ist eine dieser Gelegenheiten, bei der man einer Künstlerin ungewohnt nah kommt.

Im Frühjahr 2022 kommt Tori Amos nach Hamburg

Nach der Wiedergeburt ist es – wenn alles klappt – auch Zeit für ein Wiedersehen. Vor vier Jahren spielte Tori Amos in Hamburg in der Laeiszhalle am Bösendorfer-Flügel und an ihren Keyboards, und dorthin kehrt sie am 2. März 2022 zurück.

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