Jazz-Kritik

In einen Rausch gespielt: Neuentdeckungen aus Kuba und Baku

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Isfar Sarabski, Pianist aus Baku.

Isfar Sarabski, Pianist aus Baku.

Foto: Warner Music / Warner Music/(C)Peter Hönnemann

Im Rolf Liebermann-Studio fanden die ersten NDR-Jazz-Konzerte nach vielen Monaten statt. Caminero und Sarabski brillierten.

Hamburg. 20 Monate lang fand kein NDR-Jazz-Konzert im Rolf Liebermann-Studio statt – bis jetzt. Die seit mehr als 60 Jahren laufende Konzertserie ist wieder da, mit zwei herausragenden Neuentdeckungen. Das Quintett des baskischen Bassisten Pablo Martín Caminero entdeckte NDR-Redakteur Stefan Gerdes vor zwei Jahren im Madrider Jazzclub Bogui, der aserbaidschanische Pianist Isfar Sarabski begeisterte ihn 2019 bei der Jazzahead in Bremen. Normalerweise spielen beide Bands an einem Abend, durch Corona und das komplizierte Abo-System gaben die Combos am Donnerstag und Freitag je zwei Konzerte an einem Abend nach dem 3G-Prinzip.

Camineros Musik ist vom Flamenco beeinflusst, Gesang, Tanz und auch die herkömmliche Gitarre fehlen in seinem Quintett. Aber der Bassist spielt sein mächtiges Instrument wie eine Gitarre beim „Blues para Gerardo Núñez“. Auch „FKOTR“ hat einen mitreißenden Flamenco-Groove, für den Schlagzeuger Michael Olivera den pulsierenden Beat liefert. Der Drummer ist wie der überragende Saxofonist Ariel Bringuez in Kuba geboren und ausgebildet.

Madrid als Hotspot für zeitgenössischen Jazz

Beide gehören zur Garde junger kubanischer Musiker, die aus Madrid einen der Hotspots des zeitgenössischen Jazz gemacht haben. Camineros Quintett, zu dem noch der Pianist Moisés Sánchez und der Posaunist Pablo Martinez gehören, liefert zwei mitreißende Sets ab. Der Jazz mit ausführlichen und originellen Improvisationen dominiert die Musik des Quintetts, das sich in einen Rausch hineinspielt.

Von ähnlicher Virtuosität zeigt sich einen Tag später das Quartett von Isfar Sarabski. Der Pianist aus Baku verbindet in seinen Kompositionen zeitgenössischen Jazz, Folklore seiner Heimat und Klassik. Das Publikum merkt auf, als er eines seiner Stücke mit einer Melodie aus „Schwanensee“ beginnt und dann über das Thema improvisiert. Anders als Caminero, dessen aktuelles Album „Bost“ in Deutschland nicht zu kaufen ist, hat Sarabski gerade beim Warner-Label zehn Kompositionen unter dem Titel „Planet“ herausgebracht.

Weitere Jazzkonzerte im Liebermann-Studio

Den Titelsong präsentierte er als Solo. Sarabski, 1990 in Baku geboren, ist ein Pianist, der in den sanften Passagen die Tastatur geradezu streichelt, wenn er jedoch aufdreht, wird sein Anschlag knallhart und das Tempo atemberaubend. Auch „Planet“ wird nach ruhigem Auftakt immer lauter und perkussiver. Folkloristisch werden die Stücke von Sarabski immer dann, wenn Bahruz Zeynal sich mit seiner Tar zu dem Trio gesellt. Der Lautenspieler macht die Songs geradezu magisch.

Sechs weitere Jazzkonzerte wird es bis Juni 2022 im Liebermann-Studio geben, noch unter 3G-Bedingungen. Der NDR überprüft die Regel fortlaufend mit Blick auf die Pandemie. Die Abos der Reihe ruhen im Moment. Abonnenten haben jedoch ein Vorverkaufsrecht, Karten, die nicht abgenommen werden, gehen in den freien Verkauf. Beim nächsten Jazzkonzert am 18. und 19.11. gastieren das Folklore-Jazz-Ensemble Papanosh und die Flötistin Naissam Jalal.

( oeh )

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