Premierenkritik

Kammerspiele: „Tatort“-Star Stefan Gubser im Beziehungskrimi

| Lesedauer: 5 Minuten
Falk Schreiber
Stefan Gubser als Xaver und Regina Grauwiller als seine Ex-Freundin Mathilda.

Stefan Gubser als Xaver und Regina Grauwiller als seine Ex-Freundin Mathilda.

Foto: Bo Lahola

In Hamburg feierte „Die Deutschlehrerin“ in Axel Schneiders Regie eine gelungene deutsche Erstaufführung. Gubser gibt einen Autor.

Hamburg.  Der Typ ist durch. Vor 16 Jahren wurde der kleine Sohn des Schriftstellers Xaver entführt, worauf erst seine Ehe in die Brüche ging und dann sein Leben. Zu viel Alkohol, zu viel Junkfood, zu junge Liebhaberinnen. Xaver ist eine kaputte Gestalt, und damit das bei der deutschen Erstaufführung von Judith W. Taschlers „Die Deutschlehrerin“ an den Hamburger Kammerspielen auch jeder versteht, hat Axel Schneider in seiner Doppelfunktion als Regisseur und Bühnenbildner einen Berg Pizzakartons und leere Flaschen um Hauptdarsteller Stefan Gubser drapiert.

Wobei dieses Verwahrlosungs-Arrangement tatsächlich die einzige Offensichtlichkeit ist, die Schneider unterläuft. Ansonsten bewegt sich die Inszenierung so zurückhaltend wie dicht am verwickelten Romanstoff: Xaver wird zu einem Schreibworkshop an eine Innsbrucker Schule eingeladen, die seine Ex-Freundin Mathilda (Regula Grauwiller) leitet.

„Die Deutschlehrerin“ greift ins Krimi-Genre aus

Allerdings scheint Mathilda nicht bloß pädagogische Ziele mit der Einladung zu verfolgen – Xaver hatte sie einst schnöde sitzenlassen, als er erste Erfolge als Autor feierte. Außerdem gab er einen gemeinsamen Roman als seine Arbeit aus. Will sie sich nach Jahrzehnten nun rächen? Oder weiß sie mehr über das Verschwinden von Xavers Sohn?

Taschlers 2013 erschienener Roman „Die Deutschlehrerin“ ist ein raffiniertes Spiel mit Bedeutungsebenen, das immer wieder ins Krimi-Genre ausgreift, ohne ein echter Kriminalroman zu sein. Am Ende gibt es zwar ein Geständnis, aber weil zuvor schon mehrere alternative Enden ausprobiert wurden, ist nicht klar, ob diese kunstvolle Analyse von Erzählpositionen hier tatsächlich zu einem Schluss findet.

In „Die Deutschlehrerin" wird nicht geschossen

Auch die Inszenierung bietet keine endgültige Lösung. Immer wieder glaubt man zu spüren, wie der Abend in Richtung eines Kammerspiel-Thrillers kippt. Weil aber die Theaterfassung eng an der Vorlage bleibt, erweist sich jede Krimiwendung dann doch wieder nur als möglicher Handlungsschlenker – es könnte doch auch ganz anders gewesen sein.

Besonders klar wird das, wenn man sich Anton Tschechows Erzählprinzip vor Augen führt, nach dem jedes Requisit eine Funktion erfüllen muss: „Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.“ Auch in „Die Deutschlehrerin“ ist eine Pistole zu sehen, aber Vorsicht: Geschossen wird nicht. Ein Schuss wäre so endgültig wie eindeutig. Hier aber spürt man die diebische Freude, mit der Schneider seine Inszenierung als Feier der Vieldeutigkeit anlegt.

Gubser: mal Frauenverbraucher, dann Kumpeltyp

Das Problem dabei: So ein Konzept legt ziemlich viel Verantwortung auf die Schultern der Schauspieler. Grauwiller kommt damit gut klar, bis zum Ende rätselt man, ob ihre Mathilda einfach nur verbittert ist und ihre Verbitterung hinter Sarkasmus und Sprödheit versteckt, oder ob man es hier womöglich mit einer kalten Verbrecherin zu tun hat, selbst das angedeutete Missbrauchsszenario traut man ihr zu.

Gubser, in Deutschland durch seine Hauptrolle im Schweizer „Tatort“ bekannt, kann da nicht ganz mithalten: Xaver will ebenfalls eine vielschichtige Figur sein, teils harter Frauenverbraucher, teils Kumpeltyp, der sich ehrlich über das Wiedersehen mit seiner Ex zu freuen scheint, teils selbstmitleidiger Jammerlappen. Aber meist scheint der Schauspieler schon vorab zu wissen, was seine nächsten Textzeilen sein werden, und in Gubsers Blick spiegelt sich der Kumpel, als er eigentlich noch kühl berechnend sein sollte. Für einen Theaterabend, der darauf setzt, dass nichts so ist, wie es scheint, sind solche darstellerischen Ungenauigkeiten wenig zielführend.

„Erzählen ist die kleinste Form des Theaters“

Am Ende fallen sie nicht wirklich ins Gewicht. Weil die so zurückhaltende wie sensible Inszenierung dann doch im Vordergrund steht, als Nachdenken über die Kraft der Erzählung, schließlich auch über die Möglichkeiten des Theaters. „Erzählen ist die kleinste Form des Theaters“, zitiert das Programmheft das Projekt „Geschichten sind Identität“ der Kulturregion Südwestfalen, „Erzählen ist die älteste performative Kunst“.

Aus theaterwissenschaftlicher Sicht lassen sich solche apodiktischen Aussagen hinterfragen, doch angesichts einer Inszenierung wie dieser helfen sie beim Verständnis, wo Schneider eigentlich hinmöchte mit dem Abend. Er denkt darüber nach, was Theater sein könnte, er hinterfragt die Bedingungen des Spiels, und weil die (zurückhaltenden) Umbauten zu sanften Barockklängen auf offener Bühne passieren, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei „Die Deutschlehrerin“ nicht zuletzt um Meta-Theater handelt, um Theater, das sich selbst zum Thema macht.

Premierenkritik: Abend bleibt spannend bis zum Ende

Mit einem Kriminalstück hat man es als Zuschauer schließlich gar nicht mehr zu tun. Dass der Abend allerdings nicht in trockener Selbstbezüglichkeit versinkt, sondern bis zur letzten Minute spannend bleibt, dass man akzeptiert, hier keine final gültigen Antworten zu erhalten und trotzdem mitfiebert, das zeigt, wie klug und kunstfertig diese Inszenierung letztlich gebaut ist.

„Die Deutschlehrerin“ bis 4.12., Kammerspiele, Hartungstr. 9-11, Termine und Karten unter T. 413 34 40; www.hamburger-kammerspiele.de

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