Theaterkritik

Der Tod geht um auf Kampnagel – wegducken gilt nicht

| Lesedauer: 3 Minuten
Falk Schreiber
Eine Performerin von Meine Damen und Herren trägt auf Kampnagel Maden am Leib.

Eine Performerin von Meine Damen und Herren trägt auf Kampnagel Maden am Leib.

Foto: Christian Martin

Das Ensemble Meine Damen Und Herren ruft zum Performance-Totentanz: Was wird aus der "Welt ohne uns"?

Hamburg. Brian Wilsons Stimme schmeichelt sich durch die Kampnagel-Halle, harmonisch, lieblich. Aber was Wilson da singt, ist ziemlich verschattet: „I’m A Leaf On A Windy Day / Pretty Soon I’ll Be Blown Away / How Long Will The Wind Blow / Until I Die?“, ein Blatt tanzt im Wind, und bald ist es weggeweht. Was hier süßlich durch den Saal klingt, ist Todesahnung.

Mit der Performance „Welt ohne uns“ beschäftigt sich das inklusive Hamburger Theaterensemble Meine Damen Und Herren zum wiederholten Mal mit utopischen Konzepten, und diesmal fragt die Utopie: Was wird sein, wenn wir nicht mehr sind?

Das hängt auch mit der existenziellen Erfahrung der Corona-Pandemie zusammen, der Menschen mit Behinderung durch Vorbelastungen und die erhöhte Gefahr, schwer zu erkranken, besonders ausgesetzt sind. Aber gleichzeitig stellen Meine Damen Und Herren hier auch Fragen, die jeden betreffen – der Tod ist ein allgemeingültiges Phänomen. Und wegducken gilt nicht.

Theaterkritik: "Welt ohne uns" auf Kampnagel

Schon in früheren Arbeiten haben Meine Damen Und Herren die Dramenstrukturen nach und nach aufgelöst, jetzt – in Zusammenarbeit mit dem postdramatisch arbeitenden Duo SKART und dem altersgemischten Kollektiv Masters Of The Universe – gibt es praktisch überhaupt kein Stück mehr.

Stattdessen entwickeln die Performer Bilder, die näher an der Bildenden Kunst angesiedelt sind als am Theater. Nicht ohne Grund besteht der Beginn von „Welt ohne uns“ aus so genauen wie ausführlichen Beschreibungen des Bühnenaufbaus: hier eine Palme aus Wohlstandsmüll, dort ein Grabhügel, außerdem Heimorgeln, mit Schrauben verziert – das ist eine Rauminstallation, keine Theaterausstattung im engeren Sinne.

Berührende Momente, aber auch harter Stoff

Die Bilder, die hier aufgerufen werden, sind Traumbilder, mal besänftigend, mal verstörend. Ein lebloser Körper wird so mühe- wie liebevoll geschminkt, nur um sich gegen Ende wie aus einem tiefen Schlaf zu erheben. Eine vor Angst schreiende Gestalt wird über die Bühne geschleift. Ein männlicher Leib dümpelt in einer bräunlichen Flüssigkeit, um schließlich mit einer Art Flaschenzug in die Höhe gezerrt zu werden – da erinnert der Abend ein wenig an die hochgelobte Gewalt-Sexualität-Artistik einer Florentina Holzinger, was einen Hinweis darauf gibt, welches bühnentechnische Niveau Meine Damen Und Herren mittlerweile erreicht haben.

„Wer Angst vor dem Tod hat, wird sich nach diesem Stück darauf freuen“, kündigt der Programmzettel an, was nicht ganz korrekt ist. Ja, der Abend hat seine berührenden Momente, aber das Stück ist auch harter Stoff, bedrückend, grausam. Auf der Bühnenrückwand ist eine Collage zu sehen, Bilder von Todesritualen – Viren, Gerippe, mittendrin der mittelalterliche Kupferstich eines Totentanzes. Und vielleicht sagt dieses Bild etwas darüber aus, was der Reigen „Welt ohne uns“ über den Tod verrät, einen Tod, der gleichzeitig fröhlich sein kann und entsetzlich.

„Welt ohne uns“ wieder am 1. und 2. Oktober, 19 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20, Tickets unter 27094949, www.kampnagel.de

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