Theaterkritik

Satire, Selbstironie und Klischee am St. Pauli Theater

| Lesedauer: 4 Minuten
Annette Stiekele
Monsieur Claude (Michael Prelle, links) und seine Schwiegersöhne: Andrés Mendez, Patrick Abozen, Patrick Heyn und Holger Dexne.

Monsieur Claude (Michael Prelle, links) und seine Schwiegersöhne: Andrés Mendez, Patrick Abozen, Patrick Heyn und Holger Dexne.

Foto: KERSTIN SCHOMBURG

Regisseur Ulrich Waller inszeniert die Bühnenfassung des Kinohits „Monsieur Claude 2“ – die Schwächen verzeiht man ihm gern.

Hamburg. Wohlfühlkomödien mit Kultur-Clash-Thematik haben Konjunktur derzeit auf Hamburgs Bühnen. Gerade erst feierte „Teemlich beste Frünnen“ Premiere am Ohnsorg-Theater; und Regisseur Ulrich Waller erzählt nun in „Monsieur Claude 2“ im St. Pauli Theater bereits eine Fortsetzungsgeschichte.

Auch diese ist wiederum angelehnt an den gleichnamigen französischen Filmhit von Philippe de Chauveron und Guy Laurent. Ging es im ersten Teil noch um die Hindernisse einer interkulturellen Eheanbahnung, sind hier nun die vier Töchter des Ehepaares Verneuil zwar glücklich verheiratet.

Allerdings hadern die Schwiegersöhne mit dem beruflichen Fortkommen in Frankreich. Auch die Eltern sind immer wieder von der kulturellen Vielfalt in ihrer Familie überwältigt, als sie von einem Verwandtentrip aus China, der Elfenbeinküste, Algerien und Israel heimkehren.

Paris am St. Pauli Theater: Natürlich mit Akkordeon

Nina von Essen hat eine Bühne gebaut, die mit hoch- und runterfahrenden Fototapeten beliebige Ortswechsel ermöglicht. Ähnlich wie die doch sehr klischeehaften Interieurs dudelt hier das obligatorische Akkordeon. Wir sind ja in Paris!

Der an Selbstüberschätzung leidende Möchtegerngeschäftsmann David (Patrick Heyn) versucht die anderen Schwiegersöhne für seine Startup-Idee zu begeistern, doch nur eine griechische Bank will den nötigen Kredit geben und so wollen Rachid (Holger Dexne), Anwalt mit algerischen Wurzeln, Chao (Andrés Mendez), Banker mit chinesischen Wurzeln und Charles (Patrick Abozen), Schauspieler mit Wurzeln in der Elfenbeinküste, desillusioniert aufgeben. Schlimmer noch, sie wollen Frankreich, dieses Land, in dem sie sich nie wirklich zugehörig und angenommen gefühlt haben und in dem etwa Charles nur diskriminierende Rollen als Krimineller oder Drogendealer erhält, verlassen.

Ulrich Waller und sein "Monsieur Claude"-Ensemble

Waller und sein großes, 15-köpfiges Ensemble, erzählen die – zugegeben schon in der Vorlage recht konstruierte – Geschichte in teilweise ultrakurzen Szenen, die jedoch für Tempo und filmisch schnelle Schnitte sorgen. Das tut dem Stoff gut. Denn bei aller überbordenden Fantasie wirft der Abend Schlaglichter auf Aspekte, die der Realität durchaus abgeschaut sind.

Da sind zuerst die wirklich toll um Integration bemühten Eltern Claude und Marie, bespielt von Michael Prelle und Cornelia Schirmer. Prelle gibt seinem Claude einen hinreißenden Pragmatismus. Er fühlt sich berufen, stets einzugreifen, wenn es irgendwo hakt, gleichzeitig erweist er sich auch als „ alter weißer Mann“, der irgendwann wehmütig aufseufzt, als er realisiert, dass das mit dem Patriarchat wohl unausweichlich vorbei ist.

Cornelia Schirmer wiederum spielt Marie als warmherzige Löwin der Familie, die natürlich auf Bitten des Pfarrers noch einen syrischen Geflüchteten als Gärtner aufnimmt, auch wenn das bei anderen Familienmitgliedern für Irritationen sorgt.

Manches ist eher gut gemeint als gut geschrieben – macht nichts

Anneke Schwabe, Marina Lubrich, Victoria Fleer und Hannah Rebekka Ehlers sind als Töchter allesamt selbstbestimmte Frauen, allerdings bleiben ihre Figuren seltsam austauschbar. Ein gewichtiger Erzählstrang, der aber auch den beteiligten Schauspielerinnen und Schauspielern mehr Raum gibt, behandelt Charles’ lesbische Schwester Viviane (Sarah Masuch), die sich in eine weiße Frau verliebt. Das ist zu viel der Exotik für Vater André (Eddie Jordan).

Manches an dem Stoff ist eher gut gemeint als wirklich gut geschrieben. Manches wird etwas betulich erzählt. Macht nichts. Die menschlich verbindende Botschaft, ja ein utopischer Charakter, vermittelt sich hier ohne moralischen Zeigefinger und durchaus mit den Mitteln von Satire und Selbstironie. Relevante und gewichtige Themen wie Alltagsrassismus und Homophobie streut das Stück fast nebenbei ein. Einmal kocht zwischen David und Rachid sogar der Nahost-Konflikt hoch.

Monsieur Claude bekommt ein saftiges Happy End

Die Komödie funktioniert vor allem dann, wenn Claude allerlei Tricks auffährt, um die abtrünnigen Schwiegersöhne – und damit natürlich auch seine Töchter – im Land zu halten. Und so nimmt das Stück manch rasante Kurve, bevor die Komödie in ein saftiges Happy End mündet – natürlich samt toll von Ilse Welter kostümierter Hochzeitsfeier – und die Liebe zu Frankreich siegt.

„Monsieur Claude 2“ weitere Vorstellungen bis 6.11., Di bis Sa, jew. 19.30, So 18.00, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29-30, Karten unter T. 47 11 06 66; www.st-pauli-theater.de

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