Theaterkritik

Thalia Gaußstraße: „Transit“ startet mit einem Spoiler

| Lesedauer: 3 Minuten
Falk Schreiber
Bitte warten, warten, warten: Toini Ruhnke als Marie versucht dabei, möglichst unauffällig zu sein.

Bitte warten, warten, warten: Toini Ruhnke als Marie versucht dabei, möglichst unauffällig zu sein.

Foto: Krafft Angerer

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani bringt Anna Seghers’ Roman heraus. Der Abend bleibt leider blass.

Hamburg. Gleich zu Beginn enthält Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Anna Seghers’ Romanstoff „Transit“ im Thalia Gaußstraße einen faustdicken Spoiler. Marie (Toini Ruhnke) und ihr Liebhaber (Oliver Mallison) werden am Ende ein Schiff besteigen, kündigt der Erzähler an (Nils Kahnwald), das sie aus dem von den Nazis überrollten Europa nach Mexiko retten soll. Aber das Schiff wird auf eine Mine laufen und sinken, die Flüchtenden kommen ums Leben. Eine Rettung gibt es nicht.

Dass Kahnwald gleich in den ersten Minuten das tragische Ende der Handlung ausplaudert, hat zwei Effekte. Einerseits wird so klargestellt, dass klassische Spannungsdramaturgie nicht Koohestanis Sache ist. Und andererseits wird die Stimmung des Transits von vornherein etabliert: Die Flüchtenden sind zum Nichtstun verdammt, andere entscheiden über ihre Zukunft, solange der Status ihrer Visa im Unklaren liegt. „Unser Schicksal liegt nicht mehr in unserer Hand“, heißt es an einer Stelle, nicht Aktionen oder Wille sind bestimmende Elemente, sondern der Zufall. Und durch Zufall sinkt am Ende das rettende Schiff.

Thalia: Flucht der Exilanten ist ein Bürokratiemonster

Koohestani hat für dieses Gefühl der fehlenden Selbstbestimmung ein eindrückliches Bild gefunden: Die drei Exilanten befinden sich ausschließlich im aseptischen Wartebereich eines Botschaftsgebäudes (Bühne: Mitra Nadjmabadi), weder zur Bevölkerung noch zu Mitarbeitern bekommen sie Kontakt.

Einfluss auf das Geschehen haben sie keinen, stattdessen versuchen sie, ihre Visumsangelegenheiten zu klären und verheddern sich dabei zwischen Videokonferenzen und Sprachnavigation. Das Höchste der Gefühle ist eine Mitteilung, dass der Fall zur Überprüfung an den zuständigen Beamten überstellt werde, von dem man natürlich nichts hört. Die Flucht in diesem Transitbereich ist ein Bürokratiemonster kafkaesker Güte, allerdings verpackt in elektronische Freundlichkeit.

Theaterkritik: Menschen ohne Eigenschaften im Thalia

Niemand würde es einem Flüchtenden übelnehmen, liefe er in solch einer Situation Amok. Das wäre allerdings ein Fehler: Wer geduldet ist, wer im Transit wartet, der fällt am besten gar nicht auf. Marie, der Liebhaber und der Erzähler bemühen sich entsprechend, vollkommen hinter ihren Anträgen zu verschwinden – sie reichen Unterlagen nach, sie verstricken sich emotional ineinander, sie halten still. Sie werden zu Menschen ohne Eigenschaften.

Innerhalb der Inszenierungslogik ist das stimmig, als Theatererlebnis allerdings bremst es „Transit“ konsequent aus: Koohestani hat Seghers Anfang der 1940er entstandenen Roman klug, analytisch und genau auf die Migrationsbewegungen der Gegenwart übertragen, ohne die Vorlage dabei all zu sehr zu verfremden, und Ruhnke, Mallison und Kahnwald setzen diese Übertragung gekonnt um. Allerdings um den Preis, dass sie als Schauspieler hinter der Transitsituation verschwinden. Sie bleiben blass, und dass diese Blässe im Dienst der Inszenierung steht, macht sie nicht wirklich interessanter.

„Transit“ läuft wieder am 28.9., 23./ 25.10., 20 Uhr, Thalia Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten unter T. 32814444, www.thalia-theater.de

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