Theaterkritik

Die wahre Tragödie lauert in der eigenen Familie

| Lesedauer: 3 Minuten
Der doppelte Felix Knopp: live auf der Bühne und in schön gefilmten Video-Ausschnitten auf der ansonsten kahlen Rückwand.

Der doppelte Felix Knopp: live auf der Bühne und in schön gefilmten Video-Ausschnitten auf der ansonsten kahlen Rückwand.

Foto: Krafft Angerer

Das gelungene Stück „Blick von der Brücke“ feierte im Thalia Theater Premiere. Eine Art Arthur-Miller-Märchen ohne Happy End.

Hamburg.  VW-Fließbandarbeiter in Schwarzweiß, Kohlekumpel mit schmutzig-müden Gesichtern, Willy Brandt. Nostalgisch-historisches SPD-Material, von Mikko Gaestel in voller Bühnenbreite auf die schwarze Steinrückwand projiziert und ergänzt um ästhetische Szenen aus dem – inzwischen weitgehend arbeiterfreien – Hamburger Hafen von heute. Mega-Kräne, Containerbrücken, geisterhaft selbstfahrende Greifarme. Vielleicht ganz passend, so kurz bevor (womöglich) mal wieder ein Sozialdemokrat Kanzler wird.

Viel gegenwärtiger wird es allerdings nicht, jedenfalls nicht auf der Thalia-Bühne in der Gaußstraße, wo Hakan Savaș Mican den „Blick von der Brücke“ als eine Art Arthur-Miller-Märchen samt Rippunterhemd und Kittelschürzenkleid inszeniert. Ohne Happy End, versteht sich. Eine Reise ins Amerika der 1950er-Jahre ist das, einerseits: Millers Hauptfigur ist der Hafenarbeiter Eddie Carbone aus Brooklyn (die Brooklyn Bridge ist eigentlich titelgebend, hier darf stattdessen die Köhlbrandbrücke ins Bild rücken), der für seine Familie schuftet und zwei aus Italien illegal eingewanderte Cousins seiner Frau beherbergt. Eddie ist auf der Stufe des American Dream schon eine Sprosse höher, er hat – wie seine Frau Beatrice und die gemeinsam an Kindes statt aufgezogene Nichte Catherine – einen US-Pass.

Thalia: Abend als Erinnerung an „Gastarbeiter“-Generation

Andererseits versteht Regisseur Mican, der in der Gaußstraße schon Wajdi Mouawads „Vögel“ erfolgreich umsetzte, den Abend auch als eine Erinnerung an die „Gastarbeiter“-Generation seiner aus der Türkei in die Bundesrepublik gekommenen Eltern, über die er sehr persönlich im Programm-Flyer schreibt: über seinen Stolz, über seine Scham. So viel zum Überbau.

Eher subkutan allerdings fließt diese Milieu-Kenntnis in die Inszenierung ein. Mican belässt das Sozialdrama in seiner Entstehungszeit und lässt die Schauspieler wiederum ihre Arbeit tun: Theater spielen, psychologisch-realistisch eine Geschichte erzählen, der man folgen, in der man versinken kann. Sein Kunstgriff besteht darin, diese Handlung durch die israelisch-palästinensische Musikerin Rasha Nahas, die auch einzelne Plot-Ausschnitte zwischen den Szenen auf Englisch liest, live begleiten zu lassen.

Ensemble wird im Thalia Theater reichlich beklatscht

Auch wenn Mican sich für den Arbeitsmigranten-Aspekt besonders interessiert – schon bei Arthur Miller ist die Familien-Konstellation die spannungsreichere Tragödie. Catherine (lebhaft: die diesjährige Boy-Gobert-Preisträgerin Maike Knirsch) verliebt sich in den Träumer Rodolfo (ungestüm: Johannes Hegemann). Eddie, der in seiner Nichte längst nicht mehr nur das Kind sieht, weigert sich, sie gehen zu lassen, und stürzt darüber schließlich die gesamte Familie ins Unglück.

Mit reichlich Applaus wird das Ensemble zu Recht für seine schauspielerische Leistung gefeiert. Tim Porath (Cousin Marco) rührt in seinem Anstand, der unterdrückten Erniedrigung und seinem zum Scheitern verurteilten Streben nach einem besseren Leben, Idil Üner als Beatrice in ihrem beschwörenden Bemühen zu ihrem Mann durchzudringen. Das Verhängnis kann sie nicht aufhalten. Vor allem Felix Knopp aber, der sich als Eddie immer erbärmlicher in Selbstmitleid, Wut und verzweifeltem Starrsinn verbeißt, ist durchaus ein Grund, sich den Abend anzuschauen.

„Blick von der Brücke“ Thalia in der Gaußstraße, wieder am 17. und 31. Oktober, jeweils 19 Uhr, Karten zu 25 Euro unter T. 32 81 44 44

( msch )

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