Buchkritik

Von Nudisten, Nazi-Schreibtischen und dem „Messi der Bücher“

| Lesedauer: 6 Minuten
Moritz Rinke verbringt selbst viel Zeit auf  Lanzarote.

Moritz Rinke verbringt selbst viel Zeit auf Lanzarote.

Foto: Peter Sickert

Am morgigen Sonntag liest Moritz Rinke aus seinem neuen Roman. Der spielt auf Lanzarote - und am Ende bricht wirklich ein Vulkan aus.

Hamburg. Das Schönste sind die Strecken. Diese liebevoll und beredt betitelten Postausliefer-Touren, die kreuz und quer über die Insel entlang ihrer schwarzen Lavafelder führen: Da gibt es die Europaroute und die Small-Talk-Route, die Nudistenroute, die über ein FKK-Camp führt, und die Café-con-leche-Route. Alle auf der Kanareninsel Lanzarote, alle mit Stolz und hohem Berufsethos bedient vom königlich-spanischen Postboten Pedro.

Um dessen Jobaussichten es leider nicht so gut bestellt ist, seit alle Welt lieber simst und mailt und whatsappt und dabei kleine gelbe Gesichter und „Vielarbeitschwitz-Männchen“ ganzen Sätzen vorzieht. Was wiederum den Postboten zwingt, irrsinnige Mengen an Benzin zu tanken und entweder im Schuppen zu lagern oder mit seiner Honda auf der längstmöglichen Insel-Strecke zu verfahren, um an deren Ende zwar nur Milchkaffee zu trinken, aber wenigstens in der eingereichten Tankquittung eine Art Daseinsberechtigung zu finden.

Pedro ist der Antiheld im Roman von Moritz Rinkes

Der Briefträger Pedro ist der liebenswert-tragische Antiheld in Moritz Rinkes neuem Roman „Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García“. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Rinke seinen Debütroman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ vorlegte, nun lässt er also wieder einen Mann durch die Zeit fallen, oder vielmehr: aus der Zeit.

Rinke trifft Timm

„Forever Uwe Timm“, lautet eine der Danksagungen am  Roman-Ende. An diesem Sonntag treffen sich die Schriftsteller Moritz Rinke und Uwe Timm zum öffentlichen Autoren-Gespräch im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals in der St.-Katharinen-Kirche (So 19.9., 19.30 Uhr).

Restkarten gibt es zu 18 Euro: www.harbourfront-hamburg.com

Der schlichten Holzhütte, in der einst der spätere US-Präsident Abraham Lincoln als Posthalter Briefe sortierte, fühlt sich Pedro jedenfalls verbundener als der rasanten Gegenwart. Café con leche trinken, rötlichen Saharastaub von der Tischplatte wischen, nie zugestellte Briefe durchsehen, alte Fotos ausdrucken und mit einer britischen Admiralswitwe während der Dienstzeit Kinofilme gucken – oder wie Pedro es formuliert: „Ich arbeite.“

José Saramago spielt stumme Hauptrolle im Roman

Nicht irgendeinen Film schauen die beiden übrigens, sondern „The Postman“. Über einen anderen verliebten Insel-Briefzusteller, der dem Dichter Pablo Neruda die Post bringt. Parallelen zu Pedros eigenem Leben sind offensichtlich, denn auch diese Route gibt es auf Lanzarote: die Nobelpreisroute. Statt Neruda lebt nämlich der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago auf Lanzarote und spielt – ohne je persönlich aufzutauchen – eine stumme Hauptrolle im Roman.

Pedro möchte ihn treffen, möchte eine originelle Signatur für seinen fußballverliebten Ziehsohn („Von Saramago, dem Messi der Bücher“), möchte ihm wohl vor allem seine eigene Geschichte erzählen. Die ja mindestens so rührend, gewichtig und dramatisch ist wie die des italienischen Kino-Kollegen! „Jeder Mensch wollte doch irgendwie vorkommen in der Welt, ein kleiner Teil von etwas Großem sein, dass ihm selbst auch etwas Bedeutung gab. Und vielleicht könnte er ja eines Tages ein kleiner, pedrobunter Teil der großen Saramagowelt werden.“

Amado holt politische Realität auf die Insel

Es kommt anders, natürlich. Aber ein pedrobunter Teil der Rinke-Welt zu sein muss ja gar nicht schlechter sein. Denn Moritz Rinke, der selbst ein Häuschen auf dem kargen Vulkan-Eiland besitzt, denkt sich noch mehr solcher kurioser Begegnungen aus, mit Pedros großspurigem Jugendfreund Tenaro etwa, der mal Atlantis entdeckt, mal eine Art Hitler-Erlebniswelt plant. Auch Tenaro, der längst gestrandete Fischer, ist ein Verlierer der Moderne.

Ein Fischer ohne Boot, ein Briefträger ohne Briefe, ein Afrikaner ohne Land, ein Vater ohne Sohn. Der Roman ist eine Geschichte der Leerstellen. Der Flüchtling Amado holt dabei die politische Realität auf die Insel, auf der im Übrigen noch ganz andere Verwicklungen schlummern. Verblüffend, welche Fäden der Weltgeschichte ausgerechnet auf den Kanaren zusammenfinden.

Roman-Charaktere wachsen einem ans Herz

Da ist der unkaputtbare Eichenschreibtisch des Pedro-Großvaters, dem eine mysteriöse Nazi-Widmung eingraviert ist, da ist, alles andere als zuletzt, auch die vollkommen schieflaufende Beziehung mit der Tourismus-Karrierefrau Carlota, um deren Sohn Miguel sich Pe­dro hingebungsvoll kümmert – bis die beiden aufs Festland verschwinden und auf ziemlich spektakuläre Weise (an dieser Stelle schreibt der leidenschaftliche Fußballfreund Rinke) wieder eingefangen werden müssen.

Nun ja, ein wenig überladen ist der Roman. Aber die querköpfigen Charaktere wachsen einem ans Herz, es gibt einmalig drollige Detailbeobachtungen (die an den Schwitzehintern der Nackten klebenden, beim Aufstehen langsam abfallenden Outdoor-Kissen!) und eine ganze Reihe wirklich wunderbar schrulliger, tragikomischer Dialoge – schöner anein­ander vorbeiquatschen als die beiden alten Kumpel Tenaro und Pedro kann man eigentlich kaum. Und am Ende bricht tatsächlich ein Vulkan aus.

Moritz Rinke setzt auf klassische Papiervariante

Das ist nur konsequent, es brodelt schließlich seit Jahrmillionen, und in Pedro brodelt es erst recht. Wie lächerlich nimmt sich dagegen „dieses ganze postfeindliche Klickklickklick und Wischwischwisch“ aus. Der Schriftsteller Moritz Rinke wird natürlich alle seine Leser gern haben. Könnte aber schon sein, dass er jene noch ein kleines bisschen gerner hat, die seinen Roman nicht als E-Book, sondern in der klassischen Papiervariante lesen.

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