Harbour Front

"Keine Macht für niemand": Denkwürdiger Abend für Rio Reiser

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Heinrich Oehmsen
Jan Plewka im Großen Saal der Laeiszhalle.

Jan Plewka im Großen Saal der Laeiszhalle.

Foto: Georg Wendt / dpa

Rocko Schamoni, Jan Plewka und Marco Schmedtje machten auch Wahlwerbung – und erfüllten dem Publikum einen Herzenswunsch.

Hamburg. „Wann, wenn nicht jetzt“, heißt ein Song, den Rio Reiser 1987 herausgebracht hat. Viele der politischen Lieder des Pop-Poeten passen in die aktuelle Zeit und das nutzen die drei Künstler, die den Rio-Reiser-Abend in der Laeiszhalle gestalten. Rocko Schamoni, Jan Plewka und Marco Schmedtje machen damit Werbung im laufenden Bundestagswahlkampf und rufen dazu auf, den Wechsel zu wählen.

Das Publikum nimmt die Vorlage begeistert auf, CDU-Kandidat Armin Laschet dürfte wohl nicht auf allzu viele Stimmen aus diesem Auditorium hoffen. Nicht verwunderlich, denn Reiser, mit bürgerlichem Namen Ralph Christian Möbius, war ein weit links eingestellter Musiker, der in Berlin der Hausbesetzer-Szene nahe stand, sich immer für Außenseiter eingesetzt hat und 1990 in die PDS eintrat.

Rocko Schamoni erzählt aus dem Leben von Rio Reiser

Für die Reihe Harbour Front Sounds, mit dem das Literaturfestival Wort und Musik miteinander verbinden möchte, ist Rio Reiser eine gute und naheliegende Wahl. Rocko Schamoni, der 2016 zu Reisers Autobiografie das Vorwort geschrieben hat, ist an diesem Abend für die Lesung verantwortlich. Manchmal liest er etwas haspelig, aber mit dem ihm eigenen Charme bügelt er die kleinen Patzer aus, die ihm unterlaufen. Chronologisch wird Reisers Leben von der Geburt 1950 in Berlin („Das Erste, was ich erblickte, war eine 40-Watt-Osram-Birne“) bis zu seinem frühen Tod 1996 in Fresenhagen erzählt.

Der Schwerpunkt von Schamonis Textauswahl liegt auf Kindheit, Jugend und der Gründung von Ton Steine Scherben, jener Agitprop-Band, deren Sänger Reiser war. Der Besuch des persischen Schah 1967 in Berlin („Die schönste Erdölfamilie der Welt“) wird ebenso beschrieben wie der Auftritt der Scherben beim Fehmarn-Festival oder die Besetzung der Mariannenstraße in Berlin-Kreuzberg.

Auch die Liebeslieder haben Rio Reiser unsterblich gemacht

Für Rocko Schamoni sind Reisers Texte der Beginn deutschsprachiger Popmusik, für Jan Plewka ist der Poet seit vielen Jahren eine Herzensangelegenheit. Zusammen mit dem Gitarristen Marc Schmedtje hat er ein Programm aus Reisers Songs zusammengestellt, mit dem er in ganz Deutschland auftritt. In der Laeiszhalle ergänzt das Duo Schamonis Lesung mit Klassikern wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für niemand“ oder dem „Rauch-Haus-Song“.

Das Publikum zeigt sich sehr textsicher und liefert den Chor für Plewkas Gesang. Die Begeisterung bei diesem etwas nostalgischen Abend ist so groß, dass sogar eine zweite Zugabe herausspringt. Mit „Junimond“ erfüllen Schamoni, Plewka und Schmedtje vielen im Saal sicher einen Herzenswunsch. Nicht nur die politischen Songs, sondern auch die Liebeslieder haben Rio Reiser unsterblich gemacht.

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