Dockville

Ein Hamburger Festivaltag fast ganz wie früher

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Lauschig und beinahe wie früher: „Fast ein Dockville" auf dem Reiherstieg-Gelände.

Lauschig und beinahe wie früher: „Fast ein Dockville" auf dem Reiherstieg-Gelände.

Foto: Roland Magunia

Bei den Konzerten im Uferpark vergisst man fast, dass wir in einer Pandemie leben. Ein Rundgang voller vermisster Eindrücke.

Hamburg.  Aus dem Gebüsch dringen Technobeats, die selbst auf Entfernung sanft den Magen massieren. Schatten huschen durch die Lichtblitze, die es durch das dichte Astwerk schaffen. Wir folgen einem Sandweg, kommen auf eine winzige Lichtung, und da sind sie: Tanzende. Menschen. Wie die lückenhaften Reste eines abgeernteten Weizenfeldes wogen sie mit dem Rhythmus hin und her. Sie strahlen um die Wette mit der Glitzerschminke in ihren Gesichtern.

Es sind lange nicht gesehene Bilder. Zumindest wenn man nicht gerade in der Berliner Hasenheide auf einer illegalen Rave-Party oder einem der mittlerweile legalen Festivals (wie kommende Woche das „About You Pangea Festival“ in Pütnitz an der Ostsee) ist. Sondern mitten in Hamburg. In Wilhelmsburg. Bei „Fast ein Festival“ auf dem Dockville-Areal am Reiherstieg Hauptdeich.

Dockville-Festival in Hamburg: Konzerte im Kleinstformat

Schon seit dem 17. Juli bespielen die Prä-Corona-Veranstaltenden des Indiefestivals Dockville, der Kunst-Initiative Artville, des Elektro-Festivals Vogelball und des Hip-Hop-Festivals Spektrum das Gelände mit Kunstinstallationen, DJ-Sets und Konzerten im Kleinstformat. Jetzt werden die gewonnenen Erfahrungen genutzt, um mit der Konzertreihe „Fast ein Festival“ noch ein, zwei Schritte weiter zu gehen, soweit es die aktuellen, strengen Hamburger Verordnungen bei gleichzeitig steigenden Infiziertenzahlen zulassen. Aber mehr Freiheit, das zeigt der Eröffnungsabend der Reihe am Mittwoch, haben Musikfans in der Hansestadt seit 17 Monaten nicht erlebt. Es ist ein Festival. Beinahe.

Lesen Sie auch:

In normalen Jahren bewegen sich bis zu 40.000 Menschen in der besonders abends maximal malerischen Hafen- und Industrielandschaft zwischen Reiherstieg und Veringkanal. Am Mittwoch sind knapp 600 zumeist junge Menschen auf dem weitläufigen Gelände verstreut. 1000 wären erlaubt. Auf der „Nest“-Bühne eröffnet der luxemburgische Queer-Pop-Künstler CHAiLD den Abend, während sich das nachgewiesen geimpfte, getestete oder genesene Publikum noch mit den Begebenheiten vertraut macht.

Stehen und Tanzen ist beim Dockville-Festival erlaubt

Einbahnstraßen-Systeme und fest zugewiesene Sitzplätze wie bei den Konzerten im Stadtpark oder auf Steinwerder gibt es in Wilhelmsburg nicht. Stehen und Tanzen ist erlaubt, so lange die Abstände stimmen. Auch Masken müssen nur in Schlangen an den Einlässen und Gastroständen oder wenn man sich zu sehr auf die Pelle rückt getragen werden. Wer seine Konzertsaison bislang in Hamburg anderswo verbracht hat, wird sich öfter dabei erwischen, Maske zu tragen, wo keine vorgeschrieben ist.

Die Bereiche wie die „Nest“-Bühne und die eingangs erwähnte, versteckte „Urwerk“-DJ-Lichtung sind voneinander getrennt, zum Betreten muss man sich mit der App „Partymate“ ein- und auschecken. Ordnungskräfte prüfen so laufend, dass die Kapazitäten – 250 Menschen am „Nest“ und 100 am „Urwerk“ – nicht überschritten werden. Und obwohl die „PartyMate“-App auf den ersten Blick unseriös aussieht, funktioniert sie technisch extrem schnell und einwandfrei im Vergleich zu „Luca“. Der Kauf von Speisen und Getränken erfolgt bargeldlos über vor Ort aufladbare Karten.

Das Festivalgefühl ist da

Überall im so genannten Dockville-Uferpark warten fotogene, in der Dämmerung hübsch angestrahlte Installationen auf die Generation Instagram. Ein mit Spiegelsplittern verzierter Saab, der alle paar Minuten Bühnennebel ausspuckt. Ein riesiger geschnitzter Holzkopf. Treppen führen zu Aussichtspunkten mit Blick auf die Bühnenbereiche. So entzerrt sich die eh schon geringe Zahl der Besicherinnen und Besucher.

Trotzdem ist das Festivalgefühl da. Beim Konzert des Berliner Duos Madanii & Llucid vermischen sich Orient und Okzident, Pop, Hip-Hop, R’n’B und Elektro, englische und persische Texte zu einer Melange, die direkt in Herz, Hirn und Beine geht. Aber es macht genauso Spaß, den gut 100 Tanzenden zuzuschauen. Lange vermisste Bilder und Gefühle. Es wirkt wie bei einem normalen Festival an einem frühen Nachmittag, wenn die Verstrahlten noch in den Zelten gammeln, aber die Musikverrückten bereits unterwegs sind.

Für den Auftakt läuft alles reibungslos

Kein Gedrängel, aber auch keine gähnende Leere. Sehr angenehm. „Weltmusik ist geile Musik in anderer Sprache“, ruft Sängerin Madanii alias Dena Zarrin, aber man könnte auch sagen: Musik ist geile Sprache. Sie vereint bei „Fast ein Festival“ die Menschen auch über zwei Meter Abstand hinweg.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Frank Diekmann, Geschäftsführer der veranstaltenden Agentur Kopf & Steine, schaut beim Finale des Tages mit dem Kölner Elektro-Pop-Komponisten Moglii (was sollen all diese Doppelvokale eigentlich?) zufrieden auf die wippende, aber nicht eskalierende Meute. Für den Auftakt läuft alles reibungslos. Von Freitag an wird die nächste Stufe von „Fast ein Festival“ gezündet: Für die Shows von Alli Neumann, Blvth und Kaleo Sansaa am 13. August und für die weiteren sechs „Fast ein Festival“-Tage wird die noch größere „Oberdeck“-Bühne freigegeben. Bis zu 1000 Fans dürfen auf den Sitzbänken Platz nehmen oder davor stehen. Dazu kommt auch noch die „Etepetete“-Bühne für weitere DJ-Sets.

Nur Camping ist nicht möglich

Es ist also Platz genug für die Shows von Haiyti und Cashmiri am 14. August, Bukahara und Ätna am 19. August, Leoniden und Ilgen-Nur am 20. August (ausverkauft), Nura und Majan am 21. August und Lugatti und Eunique am 22. August. Karten für das Vollprogramm kosten jeweils 32 Euro im Vorverkauf. Es gibt für alle Tage aber auch „Kunsttickets“, mit denen man die Installationen und kleineren Floors besuchen kann. Die Reservierungsgebühr von 5 Euro wird am Ausgang erstattet oder kann für den Verein Kunstfelder gespendet werden.

Wer sich nach dem Konzertgefühl von früher zurücksehnt und mit den entsprechenden – behördlich abgesegneten – Risiken leben kann, kommt in Hamburg nicht an „Fast ein Festival“ vorbei. Es gibt sogar genug Parkplätze für alle an der Alten Schleuse. Nur Camping ist nicht möglich. Sonst wäre es ja nicht nur fast ein Festival.

Fast ein Festival Infos, Programm und Tickets unter www.fasteinfestival.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken