Buchkritik

„Totenpuzzle“: Auf der Jagd nach Leichenteilen in Hamburg

| Lesedauer: 9 Minuten
Daniel Herder
Der Tod steht ihnen gut: Bettina Mittelacher und der frühere Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, Professor Klaus Püschel.

Der Tod steht ihnen gut: Bettina Mittelacher und der frühere Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, Professor Klaus Püschel.

Foto: Mittelacher/Püschel

Abendblatt-Reporterin Bettina Mittelacher und der Ex-Chef der Hamburger Rechtsmedizin veröffentlichen ersten Krimi.

Hamburg. Wer sich auf den Roman einlässt, spürt sofort, wo die Reise mit dem Autoren-Duo hingeht: nach unten, hinein in den Abgrund, in die Dunkelheit, hinein in die stockdüstere Welt von Gewalt und Sadismus. Erhielten auch Bücher eine FSK-Einstufung, dieser Roman wäre vermutlich ein Kandidat für ein „Ab 18“-Etikett.

Mit „Totenpuzzle“ legen Abendblatt-Reporterin Bettina Mittelacher und der ehemalige Direktor der Hamburger Rechtsmedizin, Professor Klaus Püschel, ihren ersten gemeinsamen Roman vor – entstanden ist ein blutiger, beinharter, spannungsgeladener Schocker mit Hamburg als Kulisse. Wie schon in ihren fünf auf Fakten basierenden True-Crime-Büchern, das muss hier klar gesagt werden, sollten Leser einen robusten Bezug zum Thema Rechtsmedizin im Allgemeinen und Instrumenten wie der „oszillierenden Säge“ im Speziellen mitbringen.

Auf der Jagd nach Leichenteilen in Hamburg

Denn Nomen est Omen: Der Titel gibt treffend wider, um was es hier geht. Die beiden Romanhelden – der neue Chef der Hamburger Rechtsmedizin Kai Plathe und Kommissarin Emma Claasen – jagen auf 320 Seiten Leichenteilen hinterher, die ein grausamer Killer nach dem immer wieder sehr plastisch beschriebenen Niedermetzeln seiner Opfer in ganz Hamburg verstreut hat. Bald verbreitet das Phantom, das in Anspielung auf den ultraeffizienten Raub-Saurier „Velociraptor“ schlicht „Raptor“ genannt wird, in der Stadt Angst und Schrecken. Wer kann ihn stoppen? Auf diese Frage wissen Plathe und Claasen ziemlich lange keine Antwort. Denn so brutal der Killer vorgeht, so gerissen stellt er sich an.

Schon in der Exposition geht es ans Eingemachte: Patrick, neun Jahre alt, ein zartes und empfindsames Kind, muss mitansehen, wie sein eigener Vater und dessen Kumpel aus Kindheitstagen, Lukas alias „Raptor“, seine Mutter ermorden und zerstückeln. Anschließend muss der Junge, wenn er nicht selbst das Schicksal seiner Mutter teilen möchte, ihnen helfen, die Leichenteile zu entsorgen. Immer wieder kreist der Roman um das entsetzliche, mit Worten kaum zu beschreibende Erlebnis, darum was es mit dem Jungen macht – oder besser: was es in einer fernen, dunklen Zukunft vielleicht mit ihm machen könnte?

Kindheit von Missbrauch und Sadismus geprägt

Mit diesem Tod jedenfalls, dem ersten von vielen im Buch, beginnt die Jagd nach dem Serienmörder. Mehrmals tauchen Teile seiner früheren und aktuellen Opfer auf, so vermischt, dass ihre Herkunft zu entwirren tatsächlich einem Puzzle gleicht. Der Mörder? Ein Mann, den das Leben mit vielen Gaben, einem guten Aussehen und einem profitablen Job gesegnet hat; ein Psychopath indes, der nicht im Töten und Vergiften, sondern vielmehr im Akt des Zerteilens in exakt 99 Stücke höchste Befriedigung findet.

Ein Irrer also, der die Überreste seiner Opfer, alle rothaarige Frauen, wie „Trophäen“ oder „Souvenirs“ hortet, wobei er mit steigender öffentlicher Aufmerksamkeit einen perfiden Gefallen daran findet, die Ermittler durch Freigabe weiterer Überreste mit einer morbiden Schnitzeljagd auf Trab zu halten. Die Wurzeln der abseitigen Leidenschaft, so rekonstruieren es Püschel und Mittelacher in mehreren Rückblenden, liegen in einer von Missbrauch und elterlichem Sadismus überschatteten Kindheit. Fast schon archetypisch startet der Killer als Bauernsohn in jungen Jahren seine „Karriere“, indem er zunächst Tiere quält und tötet. Dabei bleibt es freilich nicht.

Sinn für Dramaturgie trifft Wissenschaft

„Totenpuzzle“ ist ein Danse Macabre und beweist, wie gut sich Mittelachers Sinn für Dramaturgie – sie berichtet für das Abendblatt aus den Hamburger Gerichtssälen – und Püschels wissenschaftliche Herangehensweise ergänzen. Plathes Sektionen der Leichenteile werden denn auch haarklein beschrieben: Jede Faser, jede Gewebeanhaftung, jeder Knochen, so seine tiefe Überzeugung, kann helfen, das große Rätsel zu lösen und den Serienmörder zu fassen.

Plathe tritt hier auf als kühler, effizienter Pragmatiker, als eine Art wissenschaftliches Gegenstück zum clownesken Professor Boerne aus den Münsteraner Tatorten. Ein Getriebener auch, der weiß, dass die Toten die Lebenden retten können, wenn man nur genau genug hinschaut. Sind es doch vor allem die in und an den Leichenteilen versteckten Hinweise, die Plathe und Claasen auf die Spur des Schlächters bringen. Da bleibt – auch das eine Bürde, die der Job mit sich bringt – eben wenig Zeit für die Familie.

Püschel und Mittelacher schaffen neue „Hamburger Härte“

Nach dem Vorbild der düsteren skandinavischen Schocker, mit denen Autoren wie Jo Nesbo ein Millionenpublikum in ihren Bann ziehen, schickt inzwischen auch eine Vielzahl deutscher Schriftsteller Ermittler-Gespanne auf blutige Heldenreisen. Doch gehen Püschel und Mittelacher noch einen Schritt weiter: Sie schaffen durch den Horror auf höchster Detailstufe und mit wissenschaftlichem Fundament eine Art neue „Hamburger Härte“. Während andere Thriller in expliziten Szenen vage und andeutungshaft bleiben, um die Fantasie des Lesers die letzte Meile gehen zu lassen, verzichtet das Autoren-Duo auf das Abblendlicht und hält voll drauf. Knirschen, sägen, reißen, spritzen, knacken, splittern. Diese drastische Art der Darstellung ist hier gewollt, und sie ist für den Leser fordernd, zuweilen schockierend – voyeuristisch ist sie trotzdem nicht.

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Püschel, der für seine Arbeit als Rechtsmediziner immer gebrannt und mehr als 1000 Leichen obduziert hat, dokumentiert vielmehr, dass die akribische Untersuchung von Toten – in welchem Stadium des Verfalls oder hier wohl eher des Zerfalls auch immer – bei der Aufklärung von Kriminalfällen essenziell sein kann. „Welche Geheimnisse lassen sich den Knochen entlocken?“, lässt Püschel den Rechtsmediziner Plathe an einer Stelle sprechen. Auch die klassische polizeiliche Ermittlerarbeit kommt nicht zu kurz und wirkt realistisch – mal abgesehen von dem Umstand, dass die Hamburger Beamten in dem Buch auf internetfähige Rechner zugreifen können.

Ermittler haben mit eigenen Dämonen zu kämpfen

Der Roman zieht seine Wucht aus der kalten Brutalität, mit der Raptor die Taten begeht. Auf einer Kreuzfahrt etwa wird einer jungen Frau die zufällige Begegnung mit dem Killer zum Verhängnis – Jahre später tauchen ihre Überreste in Hamburg wieder auf, vermischt mit den Leichtenteilen eines anderen Opfers. Wie Plathe und Claasen das makabre Puzzle lösen, ist nicht nur spannend erzählt, sondern mitunter auch sehr lehrreich – gerade für Laien, die sich für Forensik interessieren. Umgekehrt dringt aber auch der Täter in die private Sphäre der Ermittler ein und stellt damit das Jäger-und-Gejagte-Motiv auf den Kopf – die allgegenwärtige Bedrohung ist der dunkle Dauerton dieses Romans.

Auf einer weiteren Erzählebene beschreiben die Autoren, wie Plathe und die scharfsinnige Emma – nach anfänglichen Ressentiments – zu einem Team zusammenwachsen. Auf mehr als die professionelle Ebene wollen oder können sie sich nicht einlassen – auch wenn da durchaus wechselseitiges Interesse spürbar ist. Beide haben aber auch mit eigenen Dämonen zu kämpfen.

Hamburger Autoren verraten Hintergründe des Thrillers

Dass zwei Autoren an einem Roman schreiben, kommt selten vor und birgt den Keim des Scheiterns, allein schon wegen dramaturgischer und stilistischer Usancen. Die Kapitel in „Totenpuzzle“ unterscheiden sich zwar mitunter deutlich in Sprache und Tempo, einigen Passagen hätte eine etwas weniger plakative und blumige Schilderung gewiss gut getan. Das trübt aber nicht den Gesamteindruck. Keine Frage: Mittelacher und Püschel, die für das Abendblatt den Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ verantworten, ist das Debüt auf fiktionalem Parkett geglückt.

„Wir ergänzen uns gut und wissen aus unseren gemeinsamen Büchern über wahre Fälle, dass wir kreativ und harmonisch zusammenarbeiten“, sagt Mittelacher. Auch der Plot für den Thriller habe einen realen Hintergrund, verraten die Autoren. „Es gibt den wahren Fall eines Neunjährigen, der innerhalb der Familie ein gruseliges Erlebnis hatte. Aus diesem realen, zugleich tragischen und hoch spannenden Fall haben wir einen Thriller entwickelt“, so Mittelacher. Ideen für ein zweites Buch um das Ermittler-Duo Plathe/ Claasen haben die Autoren auch schon. Püschel: „Es wird aber definitiv auch weitere True-Crime-Bücher geben. Das wahre Leben erzählt richtig spannende Geschichten.“

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