Buchkritik

Bestseller aus Irland: Der Durchbruch kam nach 47 Absagen

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Donal Ryan, Jahrgang 1972, hat prominente Fans, nicht nur im Literaturbetrieb.

Donal Ryan, Jahrgang 1972, hat prominente Fans, nicht nur im Literaturbetrieb.

Foto: picture alliance / Ger Harley / EdinburghElitemedia | Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk

Flucht, Liebesleid und eine Beichte: In „Die Stille des Meeres“ erzählt der Ire Donal Ryan von drei Schicksalen, die anrühren.

Hamburg. Sie haben eines gemein, die drei Männer in diesem Roman. Sie alle haben einen Verlust erlitten, der sie schwer getroffen und der ihr Leben aus der Bahn geworfen hat. Sonst haben die drei aber eigentlich nichts miteinander zu tun. Außer dass sie sich in einer kleinen irischen Stadt begegnen. „Auf unwahrscheinliche Weise“, wie schon der Klappentext verrät, „mit fatalen Folgen“.

Das ist ein bisschen das Problem an Donal Ryans Roman „Die Stille des Meeres“. Hier werden eigentlich drei Geschichten erzählt, die jede ganz für sich selbst steht. In Erwartung der „fatalen Folgen“ wartet man aber immerzu auf das letzte, vierte Kapitel. Was den Geschichten nicht gerecht wird. „Die Stille des Meeres“ ist weniger ein Roman als ein Erzählband mit drei Kurzgeschichten, die dann eher in einem Epilog zusammengeführt werden.

Syrischer Arzt versucht, Familie vor Krieg zu beschützen

Die stärkste Geschichte ist gleich die erste, die auch dem Roman seinen Titel gab. Sie handelt von Farouk, einem Arzt in Syrien, der verzweifelt versucht, seine Frau und seine Tochter vor dem Krieg in seinem Land zu beschützen. Der dann aber von einem Schleuser überzeugt wird, dass er fliehen müsse, das man auf ihn als Arzt in der westlichen Welt doch nur warte. Also wagt Farouk den großen Schritt in die Fremde.

Findet sich dann aber auf einem Schiff wieder, auf dem zahllose andere Flüchtlinge auf die Überfahrt hoffen, aber keiner da ist, der das Boot lenken könnte. Ein Betrug also, der scheinbar so verständnisvolle Schleuser war doch nur ein gefühlskalter Zyniker, der sich an der Not anderer bereichert. Farouk wird in der Stille des Meeres zwar sein Leben retten, aber alles verlieren, was dieses Leben lebenswert gemacht hat. Ein ergreifendes, erschreckendes Schicksal, das leider sehr aktuell ist und sich auf unseren Meeren immer häufiger so oder ähnlich abspielt.

Zwei weitere Männer, zwei weitere Verluste

Das zweite Schicksal wirkt dagegen ein paar Nummern kleiner. Das Leben von Lampy, einem Jungen aus einfachen Verhältnissen, sollte eigentlich gerade erst richtig losgehen. Da verlässt ihn seine große Liebe. Chloe, mit der er gerade erst anbandelte, will nichts mehr mit ihm zu tun haben, schiebt auch ihre Brüder vor, weil er nicht von ihr lassen will. Und Lampy muss sich nicht nur gegen sie wehren, sondern auch gegen seinen Großvater, der zu allem einen höhnischen Spruch übrig hat. Während Lampys Mutter nichts sagt, wie immer, wie ja schon bei der Frage, warum er eigentlich seinen Vater nicht kennt.

Und dann ist da noch John. Ein Mann, der früh seinen Bruder verloren hat. Der große Bruder, zu dem alle aufgeschaut haben, der die Verkörperung des Guten war. Und der dann doch einfach umgefallen und nicht wieder aufgestanden ist. Das hat einen Riss in John verursacht. Er glaubt nicht mehr an das Gute, er glaubt an gar nichts mehr, wird zum Zyniker, der seine Mitmenschen gnaden- und rücksichtslos betrügt.

Drei Erzählstile in einem Buch

Drei Männer. Drei Hintergründe. Drei völlig verschiedene Schicksale. Das Drama eines Migranten auf der Flucht, die Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen aus benachteiligten Verhältnissen und die Lebensbilanz eines durch und durch verkommenen Zynikers. Und drei völlig verschiedene Stile: Farouks Kapitel wird neutral in auktorialer Erzählhaltung erzählt, das von Lampy auch noch in der dritten Person, aber schon mehr in dessen Sprache und Denkweise, fast wie ein innerer Monolog. Das Kapitel über John schließlich ist in Ich-Form geschrieben und als Beichte angelegt, in der der Betrüger späte Reue verspürt und um Vergebung bittet, ja sogar bettelt.

Schuld und Verantwortung, Verlust und Verlorenheit, das sind die großen Themen in diesen drei Short Stories, die Ryan auch nicht auserzählt, sondern mit einem Paukenschlag jäh beendet und dabei den Ausgang absichtsvoll im Vagen belässt. Das letzte Kapitel ist dann nur ein Scharnier, das die drei Männer auch nicht, wie man erwarten würde, wirklich aufeinanderprallen lässt. Sie sind nur alle eher zufällig in derselben Stadt zugegen. So verschieden die Schicksale sind und so wenig sie miteinander zu tun haben, sind dies aber doch nicht verschiedene Lebenswelten, sondern einfach Paralleluniversen, in denen sich die Geschichten abspielen. Jeder leidet für sich allein. Die drei wissen auch nichts voneinander, nur für den Leser laufen hier Fäden zusammen.

Oprah Winfrey und Jonathan Franzen sind begeistert

Ist „Die Stille des Meeres“ wirklich „eins der 25 besten irischen Bücher“, wie Oprah Winfrey behauptet? Wie viele irische Bücher, nebenbei gefragt, liest die US-Talkshow-Moderatorin wohl? Und wie viele irische Bücher würden einem selbst spontan einfallen? Egal. Donal Ryan hat Winfreys Werbung gar nicht nötig, genauso wenig übrigens wie die wohligen Worte von Jonathan Franzen („Dieses Buch hat mich nicht mehr losgelassen“) oder David Nicholls („Wunderschön und berührend“), die auf dem Buchrücken neugierig machen sollen.

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Ryan ist ein Außenseiter und Quereinsteiger des Literaturbetriebes. Der Ire, 1976 in Nenagh bei Tipperary geboren, hat in Limerick Bauingenieurwesen und Jura studiert und dann bis 2014 an der Staatlichen Behörde für Arbeitnehmerrechte gearbeitet. Klingt eher nach Bürokratie und Formsprache und weniger nach Prosa und Literatur. Ryan begann dennoch, Romane zu schreiben, die sagenhafte 47-mal von Verlagen abgelehnt worden sein sollen, bis ein Haus, das die Bescheidenheit schon im Titel trägt, Lilliput Press, sich seiner angenommen hat und 2012 seinen Roman „Die Gesichter der Wahrheit“ veröffentlichte und ein Jahr danach auch seinen Erstling, „Die Sache mit dem Dezember“.

Donal Ryan erhält den Irish Book Award

Und dann kam der große Erfolg. Für die „Wahrheit“ hat Ryan gleich den Irish Book Award bekommen, nicht nur als Newcomer des Jahres, sondern auch für das beste Buch. Später kam noch der Guardian First Book Award hinzu und die Auszeichnung zum „Irischen Buch der Dekade“ auf dem Dubliner Buchfestival, aber dann auch der Literaturpreis der Europäischen Union.

Was beweist: Ryan ist nicht nur ein irisches Phänomen. Seine Geschichten sind allgemein gültig und gehen jedem nah. In diesem Fall enden sie in einer langen, innigen Umarmung, die fast zu spät kommt. Aber dafür, auch das eine Erkenntnis dieser Lektüre, ist es ja nie zu spät.

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