Kritik

Kabarett in Hamburg für Menschen mit Hochschulabschluss

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Der Liftboy soll die Seelen der Verstorbenen ins Ober- beziehungsweise ins Untergeschoss bringen (Symbolbild).

Der Liftboy soll die Seelen der Verstorbenen ins Ober- beziehungsweise ins Untergeschoss bringen (Symbolbild).

Foto: picture alliance/dpa | Stefan Jaitner

Im Sprechwerk war das Stück „Liftboy“ zu erleben. Hier wurden die Themen ernst genommen – und das hatte seinen Preis.

Hamburg. „Scheiße!“, ruft Fred Lobin beim Blick ins gut besuchte Sprechwerk. „Sind das viele!“ Aber der Fluch beschreibt nicht das Entsetzen des Kabarettisten angesichts des vollen Saals, Lobin ist schon in seiner Rolle: Er ist der Liftboy, der die Seelen der Verstorbenen ins Ober- beziehungsweise ins Untergeschoss bringen muss, und heute scheinen eine ganze Menge Seelen zu warten.

Was viel Arbeit bedeutet, insbesondere weil der Fahrstuhl Probleme macht – das Firmware-Update funktioniert nicht richtig, kennt man ja.

Moderne Version von Charon in Hamburg

Es ist eine hübsche Idee, die Huug van’t Hoff (Buch) und Ella Marouche (Regie) da ausarbeiten: der Liftboy als moderne Version von Charon, dem antiken Fährmann über den Totenfluss Styx. Und dieser Liftboy hat erst mal nichts zu tun, er wartet auf sein Update und plaudert mit dem Publikum. Über Donald Trump.

Über den Sinn des Lebens. Über seinen Hund, der „Tagespresse“ heißt, und schnell auch über die Medienkrise. Lobin kann das, vom Hundertsten ins Tausendste kommen, ab­s­truse Gedankenwendungen übereinanderschichten. Und am Ende eine böse Lust zeigen, wenn die verschiedenen Stränge sich nicht mehr entwirren lassen.

Kabarett: „Liftboy“ in Hamburg nimmt Themen ernst

Allerdings zahlt „Liftboy“ dafür einen Preis: den der Überintellektualisierung. „Wieso ich so viel über Philosophie weiß?“, fragt der Protagonist einmal und gibt gleich die Antwort: „Humanistische Bildung.“ Kein Witz. Der Abend ist Kabarett nicht nur mit Abitur, sondern zwingend mit Hochschulabschluss. Nichts dagegen, zumal jeder blöde Gag traumwandlerisch umschifft wird.

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Wo einfacher gestrickte Kabarettisten immer mal wieder die leicht zu habenden Lacher abholen, mit Witzen über gendergerechte Sprache etwa oder über Angela Merkel, schlägt Lobin eine haarsträubende Brücke vom Bananenanbau über Brexit zu Biontech. Das ist klug, böse, absurd. Nur schlägt es eben keinen billigen Lacher raus, es gibt überhaupt keinen Lacher, weil das Publikum verzweifelt versucht, den Gedankengang nachzuvollziehen.„Liftboy“ ist Kabarett, das seine Themen ernst nimmt. Vielleicht ein wenig zu ernst, aber immerhin: Es geht hier um den Tod.

( fks )

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