Klassik-Festival

Start des SHMF: Der Norden hört und staunt wieder

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Verena Fischer-Zernin
Musikfeste auf dem Lande und Konzerte in und vor Höfen, Ställen und Remisen gehören seit jeher zum Schleswig-Holstein Musik Festival.

Musikfeste auf dem Lande und Konzerte in und vor Höfen, Ställen und Remisen gehören seit jeher zum Schleswig-Holstein Musik Festival.

Foto: Olaf Malzahn

Bei der Vor-Eröffnung des Schleswig-Holstein Musik Festivals in Lübeck war noch Luft nach oben. Aber Jan Lisiecki überzeugte.

Lübeck. Klassik und Natur, diese Kombi gehört zum Markenkern des Schleswig-Holstein Musik Festivals nicht erst, seit Corona uns alle an die frische Luft und, wo immer möglich, ins Grüne schickt. Sondern von Anfang an, seit Mitte der 80er-Jahre. Das Staunen des Publikums, in Kuhställen und Remisen holsteinischer Gutshöfe Künstler von internationalem Rang aus der Nähe zu erleben, ist Legende. In den Musikfesten auf dem Lande hallt es bis heute nach.

Von der Lübecker Musik- und Kongresshalle hat man einen umwerfenden Blick über die rasengesäumte Trave auf die gegenüberliegenden Kaufmannshäuser mit ihren Renaissance-Giebeln. Nur leider nicht vom Konzertsaal aus. Drinnen geht am Voreröffnungsabend alles seinen städtischen Konzert-Gang. Fast alles.

Denn auch wenn die ganz offizielle Eröffnung erst einen Abend später geplant ist, mit Reden und allem, macht der Intendant Christian Kuhnt bei der Begrüßung aus seiner Aufregung und Freude keinen Hehl und gibt den Animateur, als er um Applaus für den Dirigenten Pablo Heras-Casado bittet: „Ich möchte nicht, dass es so klingt, also ob wir nur 50 Prozent Kapazität besetzen konnten. Ich möchte gern, dass so klingt, als hätten wir 200 Prozent Kapazität.“

Dieses Jahr ist wieder Publikum beim SHMF erlaubt

2020 fand die Eröffnung nur im Fernsehen statt. Nun aber geht es also tatsächlich los, in 3D und Farbe und nur deshalb nicht zum Anfassen, weil Corona weiterhin die Regeln diktiert. Etwas seltsam fühlt es sich an, wie ein Zwitter: Nach dem Test fragt keiner; Maske auf fürs Reingehen, Maske ab am Platz. Für die Sitzordnung ist Schachbrettmuster gestattet, die Hälfte der Plätze dürfen verkauft werden. So viele Menschen in der relativen Nähe ist man als Hamburger nicht mehr gewöhnt und fremdelt ein wenig.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt in normaler Besetzungsstärke. Auf der Bühne sieht es fast aus wie immer, nur dass die Streicher sich nicht wie sonst zu zweit die Pulte teilen. Schuberts Sechste D 589 liegt auf, sie steht wie die berühmte späte Sinfonie D 944 in C-Dur und wird darum zur Unterscheidung „die kleine C-Dur“ genannt.

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Für diese Verniedlichung muss man wissen, dass der Komponist erst gegen Ende seines arg kurzen Lebens die große sinfonische Bühne betrat. Seinen ersten sechs vollständigen Sinfonien (es gibt eine Reihe von Entwürfen und Fragmenten, und von den Zählungsfragen kann man Kopfweh bekommen) haftet das Etikett „Fingerübungen“ an. Sie sind durch die Pandemie mehr in den Fokus gerückt, aus dem schlichten Grund, dass sie kleiner besetzt sind als die späteren.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt etwas blass

Die Gelegenheit, das Besondere an dieser Musik herauszustreichen, lassen Heras-Casado und das Orchester an diesem Abend ungenutzt vorüberziehen. Der Klangfarbenreichtum, der sich aus Schuberts raffinierter Behandlung der Holzbläser ergeben könnte, bleibt eine Behauptung des Programmhefts. Dynamische Kontraste, musikalische Charaktere, Tongebung, alles blass und unspezifisch.

Stattdessen klappert es anhaltend zwischen Bläsern und Streichern und sogar innerhalb der Stimmgruppen. Was auch am Dirigat liegen könnte; Heras-Casado schlägt eher auf der zackigen Seite. Dabei könnte es so schön sein. Etwa wenn der letzte Satz mit seinen Bläserkantilenen auf den tröstlich wiegenden Schwung der „Großen C-Dur“ vorausweist.

Was man aus einer frühen Schubert-Sinfonie alles herausholen kann, hat das Orchester im Mai 2020 nach dem ersten Lockdown mit der Fünften bewiesen. Am Pult stand damals Antonello Manacorda und ließ sich von den deprimierenden Abstandsregeln nicht daran hindern, mit den Musikern an Gestus, Farbe und Zusammenspiel zu feilen. Diese Fünfte ging zu Herzen. Lange her. Sogar eine Pause samt Gastronomie geht dieses Jahr im glücklichen Schleswig-Holstein.

Jan Lisiecki springt für Hélèlen Grimaud ein

Danach wäre Hélène Grimauds Auftritt dran. Aber die französische Pianistin, dieses Jahr Porträtkünstlerin des Festivals, kann bei der Eröffnung nicht spielen, denn sie lebt in den USA und dürfte, wenn sie nach Europa käme, anschließend nicht mehr zurück. So hat es Kuhnt in seiner Begrüßung erklärt und tapfer hinzugefügt: „Wir lösen dieses Problem, da bin ich ganz sicher. Wir arbeiten jeden Tag daran, so dass sie nächste Woche zu uns kommt.“ Es bleibt offenbar spannend.

Eingesprungen ist für die Eröffnungsabende der junge Kanadier Jan Lisiecki. Er entschädigt für die maue erste Hälfte. Endlich scheinen Dirigent und Orchester auf Betriebstemperatur zu sein, sie folgen Lisiecki mit gespannter Aufmerksamkeit durch Beethovens drittes Klavierkonzert. Jede Phrase, jede Figur formt der Solist im Detail. Die Artikulation ist hochdifferenziert, die Pianokultur hinreißend, das Staccato kernig und manchmal vielleicht ein wenig hart. Im weltentrückten langsamen Satz scheint Lisiecki sich selbst zu antworten. Die vielen Girlanden wirft er ohne Aufhebens hin, als Geste und nicht als Geklingel. Er geht in der Musik auf, und sei es, dass er gerade dem Orchester zuhört. Keine Sekunde lässt diese Intensität nach.

Wie sehr er den Saal gefesselt hat, zeigt sich besonders eindrucksvoll nach der Chopin-Nocturne, die er zugibt: lange, ergriffene Stille. Und dann ein Applaus, mit dem der Intendant zufrieden sein sollte. Er klingt fast wie 200 Prozent Kapazität.

Schleswig-Holstein Musik Festival Programm, Infos und Tickets unter shmf.de

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