Klassik-Weltstars

Martha-Argerich-Festival: Jubel wie bei einem Popkonzert

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Marcus Stäbler
Anne-Sophie Mutter, Mischa Maisky und Martha Argerich in der Laeiszhalle.

Anne-Sophie Mutter, Mischa Maisky und Martha Argerich in der Laeiszhalle.

Foto: Daniel Dittus

In der Laeiszhalle traf Martha Argerich beim ihr gewidmeten Festival auf Anne-Sophie Mutter und Mischa Maisky.

Hamburg.  Natürlich schwang bei Daniel Kühnel eine ordentliche Portion Stolz in der Stimme mit. Nichts weniger als einen „historischen Abend“ kündigte der gastgebende Intendant der Symphoniker dem Publikum an. Das war schon mächtig hoch gehängt. Aber es ist ja auch etwas Besonderes, wenn zwei der größten Musikerinnen der Gegenwart zum ersten Mal gemeinsam auftreten. Neben vielen vertrauten Weggefährten hatte Martha Argerich auch die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter zu ihrem Festival eingeladen, für ein Kammermusikprogramm in der mit knapp 900 Besuchern derzeit bereits ausverkauften Laeiszhalle: Ein Saal voller Erwartungen.

Und die wurden nicht enttäuscht. Es sollte tatsächlich ein denkwürdiges Gipfeltreffen werden. Der Ausnahmerang der zwei als Einzelkönnerinnen steht ohnehin außer Frage, und die Chemie stimmt auch, das war deutlich zu spüren. Aber so eine Erstbegegnung ist kein Selbstläufer.

Im ersten Satz schwingt noch ein bisschen Vorsicht mit

Vielleicht war die kleine Programmänderung zu Beginn ein Hinweis darauf, dass die Vorbereitungszeit noch länger hätte sein dürfen: Anstelle der geplanten Mozart-Sonate mit Mutter spielte Argerich da mit ihrem langjährigen Cellopartner und engen Freund Mischa Maisky Variationen von Beethoven. Sicher ist sicher.

Danach, endlich, und vom Publikum begierig aufgesogen: Die Premiere der beiden, mit der Violinsonate von César Franck, einem schwelgerischen Meisterwerk der Spätromantik.

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Im ersten Satz schwingt noch ein bisschen Vorsicht mit, ein Abtasten, nicht nur wenn Argerich die Akkorde wie mit Samtpfoten ins Instrument drückt. Anne-Sophie Mutter steht links vom Flügel, sie wendet sich der Pianistin zu, um Kontakt aufzunehmen. Ihre Interpretation wirkt vielleicht noch eine Spur differenzierter als früher: zwischen Passagen mit süßem, vibratosattem Klang streut die Geigerin immer wieder gerade, manchmal auch aschfahle Töne ein und nimmt die Phrasen am Ende zurück. Die Musik scheint zu sprechen. Und doch bleibt zunächst ein kleiner Rest Distanz.

Packende Leidenschaft

Aber dann, im anschließenden Allegro, kurz nachdem ein nerviges Handydödeln die Stille zerplärrt hat, bricht etwas auf. Wie ein Lavastrom schießt die Energie plötzlich hervor, in hitzigen Tremoli des Klaviers, die uns die Pulsfrequenz in die Höhe treiben und gehetzte Gesten der Geige entflammen. Argerich lässt den Flügel brodeln, Mutter streicht mit glühendem Ton. Unwiderstehlich.

Die beiden geben sich hin an den Moment, sie musizieren mit packender Leidenschaft und behalten doch immer den großen Bogen im Blick. Als das Anfangsthema wie aus dem Nebel wieder auftaucht und Anne-Sophie Mutter die Saiten wattebauschweich bestreichelt, klingt schon das Wissen um die spätere Steigerung mit: im Finale, in dem sich das Thema noch einmal zu majestätischer Größe aufschwingt. Das hat Zug und leuchtende Kraft, wie die gesamte Sonate. Eine eindringliche Interpretation, die sich ins Gedächtnis brennt. Gar nicht so leicht, da noch etwas nachzulegen, geschweige denn, das zu toppen.

Mischa Maisky ist ein leidenschaftlicher Ausdrucksmusiker

Für das Schlussstück des Programms – das d-Moll-Klaviertrio von Felix Mendelssohn Bartholdy – gesellt sich Mischa Maisky dazu. Auch er ein leidenschaftlicher Ausdrucksmusiker. Damit fügt er sich bestens ein, die drei verwachsen zu einem lebendigen, temperamentsprühenden Trio.

Aber naturgemäß erreichen sie nicht die Homogenität eines Ensembles, das seit Jahren regelmäßig probt und konzertiert. Gleich beim herrlichen Gesang im Kopfsatz gönnt sich Mutter ein paar kleine Schluchzer, ein Angleiten der Töne, anders als Maisky, der das Thema zuvor etwas drängender gestaltet hatte. Und in den Unisono-Passagen flackern hier und da kleinere Unschärfen auf, die eine feste Formation sicher feingeschliffen hätte.

Außergewöhnliche Intensität und Spannung

Aber das sind Spitzfindigkeiten, die in diesem Moment kaum ins Gewicht fallen. Im Gesamteindruck überwiegen die mitreißende Spielfreude, das Feuer und die Virtuosität der scheinbar alterslosen Interpreten, und ihr Gespür für die Charaktere der Musik: Die innige Atmosphäre im Andante, eine Art Lied ohne Worte, das luftige, elfenhafte Trippeln im Scherzo – das sie später noch einmal als Zugabe wiederholen werden – und der feurige Drive im Allegro, als packender Schlusssatz.

All das entfacht eine außergewöhnliche Intensität und Spannung. Die fesselt das Publikum und entlädt sich am Ende, nach dem letzten Akkord, in einer Explosion der Begeisterung: Jubel wie bei einem Popkonzert, standing ovations und reichlich Rosen. Nach einem Abend, von dem man sich noch lange erzählen wird.

Weitere Infos zum Festival: symphonikerhamburg.de/martha-argerich-festival

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