Theaterkritik

Sehenswertes Drama über religiöse Toleranz

| Lesedauer: 3 Minuten
Annette Stiekele
Lukas Kientzler und Meinolf Steiner in „Nathan der Weise“.

Lukas Kientzler und Meinolf Steiner in „Nathan der Weise“.

Foto: Roland Zimmerer

Privattheatertage in Hamburg: Im Allee Theater war „Nathan der Weise“ zu sehen. Die live gespielte Musik tat dem Abend gut.

Hamburg. Das kleine Zimmertheater Rottweil ist in seiner Region im weiten Umkreis das einzige Theater. Geleitet wird es von Peter Staatsmann und Bettina Schültke, zwei ehemaligen Dramaturgen des Deutschen Theaters Berlin. Schwerpunkt ihres Programms ist die Beschäftigung mit neuen populistischen Strömungen, weshalb das Theater seit einiger Zeit ins Visier der ihm feindlich gesonnenen AfD geraten ist.

In eine bewusst politische Programmatik passt natürlich auch das eingeladene Gastspiel zu den diesjährigen Privattheatertagen: Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“. In der Kategorie „Moderner Klassiker“ konkurriert es um einen der Monica Bleibtreu Preise und gastierte nun im Allee Theater.

Hamburg: Drama um Aufklärung und religiöse Toleranz

Die Inszenierung Staatsmanns (auch Bühne) erzählt das Drama um Aufklärung und religiöse Toleranz mit drei spielfreudigen Darstellern und einem Musiker. An den Bühnenseiten aufgereihte Schuhpaare (Dramaturgie und Kostüme: Bettina Schültke) verweisen beklemmend auf die Holocaust-Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten und schlagen einen Bogen bis zum vielerorts bedrohlich zunehmenden Antisemitismus der Gegenwart.

Meinolf Steiner ist ein zugewandter, zweifelnder Nathan. Zu Beginn sitzt er in einem Lehnstuhl, laut über einen wiederkehrenden Traum sinnierend, in dem Beethoven und Wagner in einer Höhle aus Kristall aufscheinen und Lessing unverständlich über den drohenden Untergang von Humanität und Vernunft spricht. Wie ein Traum entwickelt sich daraufhin die auf ihren Wesenskern reduzierte Handlung, in der ein christlicher Tempelherr die Tochter Nathans aus einem Feuer rettet. Sein Leben wird vom muslimischen Sultan Saladin verschont.

Sultan und Nathan diskutieren über Wahrheit und Religion

Die Begegnung zwischen Sultan Saladin und dem wohlhabenden Geschäftsmann Nathan soll eigentlich des Sultans Finanznöte lösen, doch diskutieren beide bald heftig die Frage, ob es die eine Wahrheit und die eine Religion überhaupt geben kann, woraufhin Nathan die berühmte Ringparabel mit ihrem Plädoyer für die Gleichberechtigung der drei großen monotheistischen Religionen ausbreitet.

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Lukas Kientzler und Nora Kühnlein übernehmen jeweils gleich mehrere Rollen, Kientzler ist ein heißblütiger Tempelherr, der sich mit einfachem Kostümwechsel in den besonnenen Sultan Saladin verwandelt. Nora Kühnlein gibt eine emotionale Nathan-Tochter Recha, aber auch die Erzieherin Daja und des Sultans Schwester Sittah.

Drama in Hamburg wird von Livemusik begleitet

Zeitweise verschleppt der sehr konzentrierte Drei-Stunden-Abend das Tempo etwas. Daher wird ein heimlicher vierter Mitspieler noch wichtiger: Dorin Grama, der die Handlung am Akkordeon mit wunderbarer Livemusik begleitet, die von Orgel-Klängen bis zu orientalischen Melodien reicht.

Privattheatertage, an verschiedenen Hamburger Bühnen noch bis zum 20. Juni, Karten und Programminfos unter www.privattheatertage.de

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