Theaterkritik

Privattheatertage: Hier ist reserviert – für Charles Dickens

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„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ lässt auch in der Inszenierung vom Jungen Theater Göttingen keine Pointe liegen.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ lässt auch in der Inszenierung vom Jungen Theater Göttingen keine Pointe liegen.

Foto: Dorothea Heise

Dickens, Musil und Walser ließen sich zwar nicht blicken – dafür begann das Festival mit einem Joachim-Meyerhoff-Gastspiel.

Hamburg.  Für Robert Musil ist neben Walter Kempowski reserviert. Der säße Martin Walser im Blickfeld, John Irving und Charles Dickens werden hinter Christa Wolf erwartet. Statt die für den nötigen Abstand frei bleibenden Plätze abzudecken oder – wie in anderen Häusern – gleich ganz auszubauen, hat sich das Altonaer Theater (Motto: „Wir spielen Bücher“) zum Auftakt der Privattheatertage eine originellere Sitzordnung überlegt: Die unbesetzten Parkettplätze sind mit fiktiven Reservierungsschildchen „belegt“. Damit diese Lücken, ach, nicht gar so entsetzlich wirken.

Die Corona-Maßnahmen seien jedoch „Einschränkungen, mit denen wir weiterhin leben müssen und auch wollen, damit diese Pandemie wirklich einmal ein Spuk von gestern sein wird“, erklärt Axel Schneider, Intendant des Altonaer Theaters und Initiator der Privattheatertage, die nach der Absage im vergangenen Jahr in diesem Juni also zum neunten Mal stattfinden. Vor Publikum.

Produktionen in Hamburg in Originalbesetzung gespielt

Jede der zwölf eingeladenen Produktionen, die in Hamburg um die Monica Bleibtreu Preise konkurrieren, werde in Originalbesetzung gespielt, betont Schneider in seiner Eröffnungsrede. Das ist keine Selbstverständlichkeit, mehr als ein Jahr, nachdem die reisende Jury die Inszenierungen auswählte. Die meisten der nun hier gastierenden Schauspielerinnen und Schauspieler sind freischaffend. Feste (kleine) Ensembles, wie das des Jungen Theaters Göttingen zum Auftakt oder das des ebenfalls eingeladenen Ohnsorg-Theaters, sind an Privattheatern die Ausnahme.

Einen „besonderen Schatz in unserer Theaterlandschaft“ nennt Carsten Brosda (SPD), Hamburger Kultursenator und Präsident des deutschen Bühnenvereins, die Privattheater, die es in den vergangenen Monaten nicht leicht hatten. Und Brosda zitiert in seinem Grußwort Max Frisch (dem im Parkett übrigens auch ein Reservierungsschildchen gilt): „Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters.“ Wie lebendig es ist, wollen nicht nur die angereisten Ensembles beweisen, sondern zeigen auch die neun Hamburger Bühnen, die das „Klassentreffen“ nach der Schließzeit erst ermöglichen: das Ernst Deutsch Theater und das Ohnsorg-Theater, die Kammerspiele und das Allee Theater, das Hamburger Sprechwerk und das Bergedorfer Theater Haus im Park, das Harburger Theater und, als Ausnahme-Spielstätte, der Galionsfigurensaal des Altonaer Museums.

Joachim Meyerhoff lässt keine Pointe liegen

„Das Spiel hält uns immer wieder vor Augen, dass die Welt eine veränderbare ist“, auch das hat Max Frisch gesagt, und man möchte nach den Monaten des kulturellen Stillstands vor allem die Zuversicht aus dieser Beobachtung herauslesen. Der Titel des Eröffnungsstücks hätte kaum passender gewählt sein können als mit jenem Stoßseufzer, der das vergangene Jahr an vielen geschlossenen Bühnen begleitete: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ nach dem gleichnamigen Bestseller des famosen Schriftsteller-Schauspielers Joachim Meyerhoff. Das „Spiel“ macht Meyerhoff hier auf mehreren Ebenen zum Thema.

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Sebastian Wirnitzers Inszenierung des Jungen Theaters Göttingen zeigt – übrigens in der Hamburger Textfassung, die am Altonaer Theater in der kommenden Saison wieder im Spielplan steht – die kapriziösen Kauzigkeiten der Schauspielschulausbildung. Überspitzt – aber wahr. Schon die literarische Vorlage balanciert millimetergenau auf dem schmalen Grat zwischen Karikatur und Sentimentalität, zwischen schrullig und melancholisch. Meyerhoff verrät seine Branche nicht, lässt aber auch keine Pointe liegen. Sich selbst finden, Fontane zitierende Nilpferde verkörpern, und immer wieder: aaaaatmen. Oder gerade nicht atmen: „Der Gründgens konnte 12 Minuten sprechen, ohne zu atmen!“ Ein Talent, das in aerosolverseuchten Pandemiezeiten ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Zwischen maßloser Übertreibung und Wahrhaftigkeit

Josse (Andreas Krüger ist physiognomisch das Gegenteil des langen, schlaksigen Meyerhoff) wird auf der berühmten Münchner Otto-Falckenberg-Schule angenommen und zieht in eine Villen-WG mit seinen skurrilen Großeltern, „volltrunkenen alten Engeln“, wie er sie liebevoll beschreibt. Die saufen sich durch Champagner, Whisky und klebrigen Cointreau, sind sich mit ihrem reichen Anekdoten-Fundus eigentlich selbst genug und nehmen doch regen Anteil am Leben des meist ratlosen Enkels: „Hermann, er hat geatmet!“

Während der Abend anfangs noch sein Tempo sucht, gelingt der Zugriff zunehmend. Die Schwierigkeit, einerseits maßlos zu übertreiben, andererseits wahrhaftig zu bleiben, glückt insbesondere den doppelt und dreifach besetzten Jan Reinartz und Agnes Giese als exzentrisches Großeltern-Paar und überkandideltes Schauspielschul-Personal.

Gelungene Festival-Eröffnung in Hamburg

Eine gelungene, passgenaue Festival-Eröffnung ist das – auch wenn Musil, Dickens und Walser bis zum großzügigen Schlussapplaus nicht mehr auftauchen. Sie haben etwas verpasst.

Festival und Karten

Die Privattheatertage (PTT) zeigen bis zum 20. Juni zwölf Inszenierungen aus dem gesamten Bundesgebiet. Ensembles unter anderem aus München und Berlin, Rottweil und Melchingen, Magdeburg und Dresden spielen um die Monica Bleibtreu Preise und den Publikumspreis.  

Dank des neu erlaubten Schachbrett-Sitzmusters sind auch für vermeintlich ausverkaufte Vorstellungen wieder Karten zu haben, zum Beispiel für „Macbeth“ vom Societaetstheater Dresden am 14. Juni, 19.30 Uhr, im Sprechwerk.   Karten unter T. 39 90 58 70 und unter www.privattheatertage.de

Die Maskenpflicht gilt auch am Platz. Ein negativer, tagesaktueller Schnelltest oder ein Impf- bzw. Genesenennachweis ist nötig.

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