Auf die Ohren

Gegen Blues: The Weather Station, The Notwist

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Thomas Andre
The Notwist

The Notwist

Foto: Fabrik

„Ignorance“ von The Weather Station ist irre gut produziert und „Vertigo Days“ nach sieben Jahren das erste Album von The Notwist.

Hamburg. Das wirklich und wahrhaft Verrückte an diesem Album: Es ist absolut herausragend. Die Songs sind toll, toll, toll. Schönheit, Eingängigkeit aneinander­gereiht, in opulenten Arrangements.

Ignorance“ (Fat Possum, CD ca. 15 Euro) ist irre gut produziert. Tamara Lindemans Stimme tönt nun ätherisch über Fleetwood-Mac-Harmonien mit Saxofon-Zuschlag. Herrlich. The Weather Station heißt die personell runderneuerte Band um die Kanadierin, die auch, als Tamara Hope, Schauspielerin ist. Auf den vier Alben vor „Ignorance“ klangen The Weather Station noch wie eine Band, die jeden Indiefolk-Wettbewerb gewinnen will. Das war nicht schlecht, aber der neue, auch mal komplexere Schönklang hat noch einmal eine andere Qualität.

Und was ist daran nun verrückt? Nun, die Tatsache, dass „Ignorance“ eine Art Konzeptalbum ist. Lindeman komponierte es unter dem Eindruck der Fridays-for-Future-Bewegung und ihrem eigenen Auftreten als Moderatorin einer Gesprächsreihe mit dem Titel „Elephant in the Room“: In Toronto unterhielt sie sich mit Künstlern vor Publikum über den Klimawandel.

Und dann schrieb sie Lieder, zehn an der Zahl, die sich alle implizit mit der drohenden Apokalypse beschäftigen und ihren Platz nun auf diesem außergewöhnlichen Album gefunden haben. Natürlich muss man die Liner Notes kennen, um zu wissen, dass hinter dem Schmerz, einen Vogel singen zu hören (wie in „Parking Lot“), die Furcht steht, den Erdball für immer zu ruinieren. Lindeman ist eine brillante Liedschreiberin, sie ist dezent und brachial zugleich: Genau deswegen ächzt das Album nicht unter dem Anspruch, relevant zu sein. Genau deswegen gesellt sich popmusikalische Exzellenz neben inhaltliches Wollen. Es wird sehr sicher nicht viele Alben in diesem Jahr geben, vielleicht kein einziges, das besser ist als „Ignorance“.

Von einem Großthema zum anderen: „Vertigo Days“ (Morr, CD ca. 15 Euro) ist nach reichlich sieben Jahren (das ist in etwa der Rhythmus dieser Band) das erste Album der süddeutschen Indie-Ikonen The Notwist . Da war dann die erzwungene Stubenhockerei zu etwas gut, wie bei anderen Künstlern auch. Sie mündete in Produktivität. Die Band, im Kern bestehend aus Micha und Markus Acher und Andreas Haberl, sprach in Interviews vom Zustand des Schwankens, des Schwindels, hervorgerufen durch Corona und seine Folgen für die Gesellschaft und den Einzelnen.

Und in einen Taumel versetzt einen die Musik von The Notwist unbedingt. Nervöse Klangflächen aus Folk und Electronica, hin und wieder eine krachende E-Gitarre, dazu diesmal aber auch musikalische Gäste aus Japan und Argentinien: Die Band war wahrscheinlich noch nie so ambitioniert. Es zahlt sich aus, „Vertigo Days“ ist ein Glanzstück made in Weilheim und fast so konzise wie „Neon Golden“, das Großwerk von 2002.

Das bislang letzte Studioalbum „Close to the Glass“ war ein hektisches, am Ende etwas eindimensionales Werk, bei dem die Band die Ingredienzen des Notwist-Sounds nicht richtig mischte. Das ist jedenfalls der Eindruck beim abermaligen Hören. Bei „Vertigo Days“ ist das anders, nur Markus Achers stimmliche Signatur der Notwist-Stücke ist die gleiche wie immer.

Schwebeschwach und verloren in melancholischer Zeitlosigkeit, hängt sie matt zwischen Akkorden und Fiepen. Hat eigentlich irgendjemand gesagt, Acher könne kein Englisch? Na und? Wir nennen es den legitimen Abdruck Kontinentaleuropas in der internationalen Sprache des Pop. „Vertigo Days“ pulsiert, flackert, wühlt, tröstet, wärmt, hebt die Laune.

Eine Impfdosis gegen pandemischen Blues, für mindestens das Jahr 2021.

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