Album-Kritiken

Meditativer Jazz – perfekt für eine Corona-Auszeit

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Holger True
Pianist Shai Maestro

Pianist Shai Maestro

Foto: Caterina di Perri /ECM

Das ECM-Label veröffentlich neue, unbedingt hörenswerte Alben von Saxofonist Joe Lovano und Pianist Shai Maestro.

Hamburg. Wenn einer ein Trio gründet, dann ist in der Regel völlig klar, wer die Richtung vorgibt, der Namensgeber nämlich. Dass Saxofonist Joe Lovano seine aktuelle Formation nicht schlicht nach sich selbst benannt hat, gibt schon einen Hinweis darauf, dass hier kein Jazz-Alphatier, sondern ein echter Teamplayer am Start ist. Sein Trio Tapestry, das gerade mit „Garden Of Expression“ (ECM) das zweite Album veröffentlicht hat, gründet auf dem Primat des Miteinanders, angelegt bereits beim ersten Zusammentreffen vor zwei Jahren, als ganz ohne zuvor festgelegte Themen improvisiert wurde. Und so ist auch dieses Album getragen von einer gemeinsamen, oft geradezu zärtlichen Suchbewegung, bei der Lovano sich immer wieder zurücknimmt – auch wenn er es war, der alle achte Stücke komponiert hat. Ein Paradebeispiel ist „Garden auf Expression“; hier gibt der Triogründer im langen Mittelteil die Bühne einfach mal völlig frei.

Eine meditative Ruhe strahlt dieses Trio aus, das jedem Ton alle Zeit gibt, seine Wirkung zu entfalten. Die perlenden Läufe von Pianistin Marilyn Crispell, die sanften Beckenschläge von Drummer Carmen Castaldi: Der Songtitel „Treasured Moments“ fasst es gut zusammen – es sind musikalische Momente großer gegenseitiger Wertschätzung. Einer erheblichen Beitrag leistet dabei die lichtdurchflutete Produktion von ECM-Chef Manfred Eicher, bei der die Töne frei im Raum zu schweben scheinen. Vor allem bei Kopfhörereinsatz ein echtes Klangereignis, mit dem sich für knapp 50 Minuten perfekt dem Coronastress entfliehen lässt.

Sie könnten sich solistisch im Weg stehen, harmonieren aber perfekt

Eine derart quasi-therapeutische Wirkung haben natürlich viele ECM-Veröffentlichungen, seit dort kein Free Jazz (und das ist sehr lange her!) mehr veröffentlicht wird. Wobei „Human“ des Quartetts von Pianist Shai Maestro die Empathie schon im Titel andeutet. Jorge Roeder (Bass) und Ofri Nehemya (Schlagzeug) bilden das verlässliche rhythmische Rückgrat, so weit, so traditionell. Besonders interessant aber ist das Zusammenspiel von Maestro mit Trompeter Philip Dizack. Die beiden könnten sich solistisch ja durchaus im Weg stehen, harmonieren hier aber perfekt. Weil auch sie einander Raum geben und wie Joe Lovano nie in den Alphatier-Modus verfallen. Mit „In A Sentimental Mood“, der einzigen Fremdkomposition, huldigt Maestros Quartett zugleich Duke Ellington und John Coltrane. Viel mehr geht nicht.

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